Schieber gilt noch als nett

Sich 90 Minuten lang beleidigen lassen. Und das jedes Wochenende. Nach Angabe des DFB machen das mehr als 75 000 Menschen in ganz Deutschland. Abel Zeweldi, ein 16-jähriger Schüler aus Eppertshausen in Hessen, ist einer von ihnen. Abel ist Schiedsrichter, aber auch selbst aktiv am Ball. Er ist in Deutschland geboren und macht sein Fachabitur. Seine Eltern kamen 1997 und 1998 nach Deutschland. Auf der Suche nach einem besseren Leben mussten sie sich auf der Flucht aus Eritrea trennen und leben heute hier wieder zusammen.

Der Deutsch-Eritreer hat das B-Jugend-Spiel in Ober-Roden bei Offenbach, das er leitet, die ganze Zeit unter Kontrolle. Doch dann kommt der Spielmacher der Heimmannschaft im Strafraum zu Fall. Zuschauer sind zwar wenige da, doch diese äußern sich umso lauter. Sie fordern Elfmeter, Zeweldi entscheidet aber auf Weiterspielen. "Du Blinder!" "Schieber!" Dies sind mit Abstand noch die nettesten Äußerungen, die im Zusammenhang mit dieser Szene fallen. "Als Schiedsrichter hat man es fast nie einfach", sagt Zeweldi nach dem Spiel in einer engen Kabine auf dem Sportplatz. Zeweldi ist ruhig, auch nach mehr als 80 Minuten an der Pfeife. Die B-Jugend spielt nur zweimal 40 Minuten.

Es macht ihm Spaß, Schiedsrichter zu sein, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. "Natürlich spielt Geld auch keine unbedeutende Rolle. Freiwillig würde das wohl keiner lange machen", mutmaßt der Schiedsrichter, der seit zwei Jahren aktiv ist. "Zum Beispiel heute, bei dieser Elfmetersituation. Du kannst das ganze Spiel über alles richtig machen, aber wenn du diese Situation falsch siehst, bist du schuld an der Niederlage." Schlussendlich könne man es nie allen recht machen. "Man ist immer der Idiot." Aber der Job habe auch seine Vorteile. "Hier unterscheidet man nicht zwischen Ausländern und Deutschen. Alle spielen Fußball und wollen nur eins: gewinnen."

Da falle die Kommunikation mit den verschiedenen Kulturen leicht. Es sei eigentlich keine Frage der Herkunft, sondern der Situation. "Man muss die Spieler verstehen und die passenden Worte finden. Das kommt ganz automatisch mit der Zeit." Immer wieder schockieren Nachrichten von Gewalt auf den Sportplätzen. War er auch schon einmal in einer solchen Situation? "Nein, zum Glück nicht. Ich kenne auch niemanden, der beim Pfeifen Opfer von Gewalt wurde." Man lerne auch, mit Beleidigungen umzugehen. "Am Anfang geht einem das noch nah, ist ja normal. Aber mit der Zeit geht das links rein und rechts wieder raus."

Aufgrund seiner Hautfarbe stellt Zeweldi eine Angriffsfläche für Rassismus dar, könnte man denken. "Den Spielern ist so etwas völlig egal, sie sind doch die ruhigsten. Aber Eltern, Zuschauer, Betreuer oder Trainer sind da schon ein anderes Kaliber. Aber gegen die Hautfarbe ist noch niemand gegangen. Die meisten sind doch heute eh Türken, da interessiert das keinen, wer woher kommt. Oder welche Hautfarbe man hat." In den vergangenen Jahren hat sich der DFB intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und Kampagnen gestartet.

"Mehr junge Leute würden uns Schiedsrichtern ganz gut tun", sagt Zeweldi. Man lernt etwas fürs Leben und verdient noch gut. Mit 20 Euro für ein Spiel steigt man ungefähr ein, kann sich aber schnell nach oben arbeiten. "Jetzt aber raus hier, ich muss noch duschen!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Schieber gilt noch als nett
Autor
Marc Garbella
Schule
Friedrich-Dessauer-Gymnasium , Aschaffenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2014, Nr. 172, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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