Notfalls Aspirin für die Gorillas

Zwei Zoo-Tierärzte der Stuttgarter Wilhelma sind von Bongos bis zu Zwergflußpferden für 10000 Tiere zuständig und tauschen sich über Wildtiere aus.

Ich lasse mich nur vom Chefarzt behandeln", fordert die Giraffe Melman im Kinofilm "Madagascar". Die rund 10 000 Tiere im Stuttgarter Zoo dürfen nicht wie Melman wählen. Trotzdem haben sie mit Tobias Knauf-Witzens, der seit vier Jahren in der Wilhelma tätig ist, Glück. Zusammen mit seiner Kollegin, der Tierärztin Annika Krengel, und einer Tierarzthelferin sorgt er sich von sieben bis 15.30 Uhr um die tierischen Patienten. Bei Notfällen und Besprechungen kann man ihn auch früher oder später noch in der Wilhelma antreffen. Auch in der Nacht und am Wochenende ist er telefonisch erreichbar.

Der 41-jährige Veterinärmediziner besuchte während seines Studiums die unterschiedlichsten Kurse zu Wildtieren. In dieser Zeit absolvierte er auch ein Praktikum im Stuttgarter zoologisch-botanischen Garten. Nach Abschluss seines Studiums schrieb er eine Doktorarbeit über Bären und gewann den Kampf um eine der raren Stellen als Zootierarzt in Deutschland. "Man muss gewillt sein, jeden Tag mit dem Unbekannten zu arbeiten. Wir haben so viele Tierarten, über die es noch gar kein großes Wissen gibt", sagt der Mann mit den braunen Haaren. Immer wieder lernt er zusammen mit seinem Team Neues über die verschiedenen Zootiere, zum Beispiel über Bongos oder auch Zwergflusspferde.

Ein Zooarzt muss sich mit der Physiologie und Anatomie aller Tiere auskennen, er braucht dabei aber nicht so weit in die Tiefe zu gehen, wie dies vielleicht ein Herzspezialist für Katzen tun würde. Jedoch hat jeder Zootierarzt ein von ihm gewähltes Spezialgebiet, wie zum Beispiel Huftiere, Eisbären oder Faultiere. Dadurch, dass alle Zootierärzte innerhalb Europas eng zusammenarbeiten, ist es möglich, dass man sich bei schwierigen Problemen bei einem Kollegen Rat holen kann. Wenn es zum Beispiel um Zebras geht, holt Tobias Knauf-Witzens gerne einmal den Rat eines Huftierspezialisten ein. Manchmal werden Fachleute mit besonderen Geräten auch eingeflogen, denn das ist billiger, als teure Geräte anzuschaffen. Zudem können die Spezialisten die Geräte besser bedienen und arbeiten präziser und schneller. Auf Fachtagungen tauschen die Kollegen der verschiedenen Zoos ihre Erfahrungen aus. Darüber hinaus arbeiten Zootierärzte eng mit Tierkliniken zusammen und ziehen Kollegen zu Rate, wenn sie einmal nicht weiterwissen. Würde also das Zebra Marty lahmen, würde Tobias Knauf-Witzens eine Pferdeklinik einschalten.

Nichtsdestotrotz wird vom Zootierarzt ein umfangreiches Wissen über die unterschiedlichen Tierarten erwartet. Dieses muss jedoch erst über viele Jahre angelesen oder selbst durch Ausprobieren erfahren werden, denn es gibt niemanden, der es einem beibringen kann. Welche Therapie oder welches Medikament das jeweilige kranke Tier benötigt beziehungsweise verträgt, ist oft eine Gratwanderung.

Da es wenige Studien zu den Auswirkungen von Medikamenten bei Wildtieren gibt, bleibt dem behandelnden Arzt nichts anderes übrig, als das bereits gesammelte Wissen von Haustieren oder gar Menschen auf jene Tierart zu übertragen. Allerdings werden zunächst nur Medikamente verabreicht, die laut Arzneimittelgesetz für die Tierart zugelassen sind. Nur bei Notfällen darf eine sogenannte Umwidmungskaskade durchgeführt werden. Das heißt: Sollte das bereits verabreichte Medikament nicht die erwünschte Wirkung erzielen, dürfen Medikamente, die nur für andere Tierarten oder für Menschen zugelassen sind, verabreicht werden. Da kann es schon einmal vorkommen, dass die Gorillas Kibo, Mimi, Undi oder einer ihrer Mitbewohner Aspirin bekommt. In den Genuss von warmer Milch mit Honig kommen übrigens nicht nur Menschen, wenn sie Husten haben, sondern auch die Handaufzuchten in der Wilhelma.

Erste Anzeichen einer Krankheit fallen meist dem Tierpfleger auf, der wichtigsten Kontaktperson zum Tier. Um das Vertrauensverhältnis zwischen Pfleger und Tier nicht unnötig zu belasten, wird die Narkose vor der Behandlung mit einem Blasrohr aus einigen Metern Entfernung ausgeführt. Das verringert auch die Gefahr, dass das Tier beim Einfangen verletzt wird. Allerdings scheint diese Art der Betäubung nicht immer leicht von der Hand zu gehen. Das Gibbonweibchen der Wilhelma beispielsweise mag das längliche Rohr überhaupt nicht. Sie schwingt sich bei der drohenden Gefahr im Käfig schnell hin und her oder versucht, nach dem Blasrohr zu schnappen, oder haut darauf herum.

"Das A und O im Zoo, damit die Zootiere gar nicht erst krank werden, ist die Haltung und die Ernährung", sagt Tobias Knauf-Witzens. Darauf lege man hier besonderen Wert, damit größere Probleme erst gar nicht entstehen. Doch auch das reicht nicht immer aus, alle Tiere ein Leben lang gesund zu erhalten. Manchmal sind dem Tierarzt Tiere so ans Herz gewachsen wie ein Haustier. Dann fällt ihm das Abschiednehmen schwer. Besonders traf es Knauf-Witzens, als er die Elefantendame Molly einschläfern musste und der Eisbär Anton an einem verschluckten Fremdkörper starb. Molly hatte über viele Jahre hinweg immer wieder Entzündungen in ihren Füßen, die erfolgreich behandelt wurden. Mit zunehmendem Alter nahmen diese aber zu, und der Veterinär musste die Elefantendame schweren Herzens von ihren Leiden erlösen.

Bei Anton war die Situation anders. Er hatte ein Textilstück eines Zoobesuchers verschluckt und konnte das nicht mehr selbstständig aus seinem Magen befreien. Gerade dieser Fall belastete Knauf-Witzens sehr, denn er konnte den Eisbären nicht operieren. Eine OP ist bei gefährlichen Wildtieren wie Anton nicht verantwortungsvoll durchführbar, da die Gefahr besteht, dass die Narkose nicht ausreichend ist und das Tier während der OP aufwacht und seine Operateure gefährdet oder dass der Eisbär im bewusstlosen Zustand das Atmen einstellt.

Hat er ein Lieblingstier? "Das kann ich mir gar nicht leisten", antwortet Knauf-Witzens lächelnd, gibt aber nach kurzem Nachdenken doch zu, sich besonders mit Elefanten, Reptilien und Menschenaffen verbunden zu fühlen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Notfalls Aspirin für die Gorillas
Autor
Hannah Lorenz
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Esslingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2014, Nr. 178, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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