Gelbspötter und Stare können sogar Handyklingeltöne nachmachen

In Deutschland glaubt man immer noch, dass der Vogelbeobachter eine Meise hat", sagt Armin Dammenmiller schmunzelnd. "In England ist das anders, dort erscheint auch die beste Literatur zur Ornithologie." Der 53-jährige Diplomingenieur wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter in Iggingen, einem Dorf am Fuße der Schwäbischen Alb. Was anfangs als Hobby zum Ausgleich gedacht war, beansprucht nun fast seine gesamte Freizeit. Als Vorsitzender des Naturschutzbundes Schwäbisch Gmünd hat er viel zu tun: Dammenmiller kontrolliert Gutachten, verfasst Stellungnahmen, organisiert Veranstaltungen und betreut Projekte. Im Frühling hat er Nistkästen bei Schorndorf im Remstal errichtet. Die Vogelkästen dienen nicht nur den Vögeln, auch Fledermäuse finden in ihnen einen optimalen Wohnraum. Und wenn sich mal ein Feldhase ins Haus oder eine Fledermaus ins Büro verirrt, wird Dammenmiller zu Hilfe geholt. Wenn er Zeit hat, fotografiert er gerne. So ist das Fotografieren neben dem Kartieren sein Ausgleich geworden, hierbei beobachtet er Flugvögel und ihre Routen durch Deutschland.

Heute trägt er eine braune Jacke, Wanderhose, Käppi, Rucksack und eine rahmenlose Brille. Es ist sieben Uhr, sonntagmorgens und trüb, dennoch sind Menschen zur Vogelexkursion in Urbach, 30 Kilometer entfernt von Stuttgart, gekommen, um Grünspechte zu sehen. Die Streuobstwiesen und der angrenzende Wald sind ein Fauna-Flora-Habitat, der darin befindliche Bergsturz ist ein eingetragenes Naturschutzgebiet. Bis zu sieben Grünspechtpaare sind hier zu finden. Die Wiesen zählen zu den artenreichsten Ökosystemen in Süddeutschland, weil sie mehrere verschiedene Biotope aufweisen, erklärt Dammenmiller.

"Das ist ein Rotkehlchen. Es ist morgens der erste und abends der letzte Vogel, der singt", sagt der Vorsitzende des Nabu Gmünd. Er holt ein kleines Gerät aus dem Rucksack. "So, jetzt werden wir den Grünspecht ein wenig mit der Klangattrappe ärgern." Bereits beim zweiten Mal, als das Gerät den Grünspecht nachgeahmt hat, kommt tatsächlich einer angeflogen. Gespannt schauen die Teilnehmer durch ihre Ferngläser. "Man kann sagen, dass Vögel Dialekte haben. Durch Klangattrappen, auf die nur regionale Vögel reagiert haben, hat man kleine regionale Unterschiede festgestellt", erklärt Dammenmiller leise. "So rufen Buchfinken in Ostdeutschland anders als in Süddeutschland." Außerdem könne ein Vogel, wie zum Beispiel der Gelbspötter oder der Star, über hundert Vogelsprachen, ja sogar Handyklingeltöne nachahmen. Vor kurzem hat Armin Dammenmiller sich nicht wenig gewundert, als er auf einmal eine Stockente hörte, aber oben im Baum eine Singdrossel entdeckt hat.

Der Grünspecht fliegt einige Male von einem Baum zum anderen und ist, weil kein neuer Lockruf zu hören ist, auch schon wieder verschwunden. "Der Specht baut seine Brutstätten nicht in gesunden Bäumen", erklärt Dammenmiller. "Der Buntspecht erneuert seine Brutstätte jedes Jahr, das heißt, er brütet fast nie in der gleichen Höhle. Der Schwarzspecht jedoch bleibt bis zu 15 Jahre in derselben Höhle." Aufgrund seiner lachenden Stimme wird der Grünspecht auch lachender Specht genannt. Er ist der Vogel des Jahres 2014. Seine Zunge hat eine Länge von bis zu 14 Zentimetern. "Der könnte gut Marmeladengläser ausschlotzen", schwäbelt Dammenmiller. Die früheren Weinberge mit ihren Trockenmauern sind optimal für ihn. Mit seiner Zunge kommt er in kleinste Ritzen und ist bestens mit Nahrung versorgt.

Solange genug Nahrung vorhanden ist, gibt es keine Revierkämpfe unter den Spechten, die ihre Höhlen oft an Bäumen am Wegesrand bauen. Werden sie nicht mit den Augen fixiert, fühlen sie sich nicht gestört. "Die meisten Menschen laufen heutzutage eh nur mit ihren Kopfhörern durch den Wald und übersehen die schönen Dinge der Natur dadurch." Einige Vogelarten kann man, wenn man sie nicht gerade auf der Hand sitzen hätte, nur am Gesang unterscheiden. Durch seinen Vater und autodidaktisch hat sich Dammenmiller die Vogelsprache angeeignet. "Das ist, wie wenn man eine Fremdsprache lernt, ich bin einfach nur meiner Passion nachgegangen, und das von Kindesbeinen an." Die Blaumeise zum Beispiel beginnt ihren Gesang sehr hoch, und dieser fällt dann zum Ende hin ab. Sein erstes Vogelbestimmungsbuch hat Dammenmiller übrigens bei einem Vogelstimmenquiz gewonnen. "So kann nur ein Mensch eine Höhle aufhängen", deutet er auf einen Nistkasten, der schräg nach oben zeigt. "Spechte bauen ihre Höhlen so, dass auf keinen Fall Wasser reinläuft, wenn es regnet." Eine Besonderheit stellt dabei der Zaunkönig dar. Er hat die Eigenart, dass das Männchen gleich mehrere Nester baut, damit das Weibchen sich das heraussuchen kann, welches ihm am besten gefällt. Erst das erwählte Nest wird dann vom Weibchen mit Federn ausgepolstert. Der Zaunkönig hat häufig bis zu drei Bruten im Jahr mit jeweils sieben bis zehn Jungen. Jedes Mal wiederholt er dieses "Nestbauritual", wobei ein Männchen auch mehrere Weibchen haben kann.

"Die großen Höhlen in den Bäumen dort, die häufig vom Waldkauz und der Hohltaube benutzt werden, stammen vermutlich vom Schwarzspecht", erklärt Dammenmiller. Seine Nahrung sind die Insekten, wie Ameisen, sowie Käferlarven, die er im Totholz findet. Er hat seine Brut mit dem Nahrungsaufkommen an Insekten synchronisiert. "Die verfügbare Nahrung ist letztendlich entscheidend für das Leben der Vögel und den Erfolg ihrer Brut."

Mit der Klimaveränderung verlagert sich die Entwicklung der Vegetation und damit auch die Brutzeit der Vögel auf einem früheren Zeitpunkt. Durch das Entstehen von Parks in Städten oder andere Ersatzbiotope und das ganzjährig hohe Nahrungsangebot fliegen Vögel wie die Ringeltaube häufig gar nicht mehr in den Süden in ein Winterquartier, sondern verbringen die kalte Jahreszeit bei uns. "Andere Vögel wie der Hausrotschwanz kommen ursprünglich aus den Bergen in den alpinen Felsregionen. Ähnlich ist da ihr moderner Lebensraum in unseren Bergen, den Hochhausschluchten."

Informationen zum Beitrag

Titel
Gelbspötter und Stare können sogar Handyklingeltöne nachmachen
Autor
Jessica Sommer
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2014, Nr. 178, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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