Schüchtern, aber angstfrei

Laubbäume verdecken die Einfahrt zum Tierpark im unterfränkischen Sommerhausen. Es gibt Hühner, Esel, Ponys und Ziegen. Auf der großen Holzhalle steht "Mainfränkische Werkstätten". Der Schrei eines Esels ertönt, der Geruch nach frischen Pferdeäpfeln steigt in die Nase. Die ersten Ponys biegen mit ihren Reitern um die Ecke. Die Ponys tragen eine dicke, gepolsterte Decke mit einem Gurt darüber, an dem ein Haltegriff befestigt ist. Reitlehrerin Franka Heilmann erzählt stolz von ihren Therapieschülern: "Die meisten mögen die Pferde sofort." Auf dem Hof gibt es zwölf Ponys und kein einziges Pferd. "Die sind einfach zu groß", sagt sie und erklärt, dass es nicht möglich ist, die Therapieschüler, die teilweise aufgrund ihrer Gleichgewichtsstörungen hier sind und öfters mal eine helfende Hand benötigen, auf großen Pferden zu stützen.

Die jüngsten Reitschüler sind vier, die älteste Schülerin ist 76 Jahre alt. Auch die jüngsten Ponys sind vier Jahre alt und gerade mit der Ausbildung zum Therapiepferd fertig, die ältesten Tiere sind schon 23. Die Ausbildung der Ponys findet meist auf dem Hof statt, da das Geld für bereits ausgebildete Therapiepferde fehlt. Die Finanzierung des Hofes übernimmt die Lebenshilfe, eine Organisation, die sich Menschen widmet, die aus körperlichen und psychischen Gründen keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Der Tierpark besteht aus einem großen Wildpark mit Spielplatz und Cafeteria. Oberhalb des Parks liegt die Reithalle des Therapeutischen Reitens.

Die Krankenkassen übernehmen keine Kosten des heilpädagogischen Reitens, so müssen die Eltern die 80 bis 100 Euro monatlich für eine Reitstunde in der Woche selber tragen. Die Ponys dürfen nicht zu dünn gebaut sein und müssen 90 Kilogramm tragen können, die Gewichtsbegrenzung der Reitschüler. Des Weiteren dürfen die Tiere weder schreckhaft noch zappelig sein. "Einfach brav und nicht zickig", das hätte Franka Heilmann am liebsten. Die meisten Ponys werden nach fünf bis sieben Jahren ausgetauscht, andere schon nach einem Jahr. Es komme darauf an, wie die Ponys das alles psychisch wegsteckten.

Überdies werden die Tiere von den sogenannten Reitbeteiligungen geritten, das sind zwei Reiter je Pferd, die sich an bestimmten Tagen der Woche um das Pferd kümmern und als Ausgleich zu den Therapiestunden normal reiten. Verpflichtungen haben sie natürlich auch. Fütterdienst und Koppeldienst sind nur zwei davon. Einen Kostenanteil, so wie das bei privaten Pferden meist der Fall ist, gibt es nicht. "Die Stallarbeit ist normal kein Problem. Hier ist wirklich jeder mit Herzblut bei der Sache", sagt Franka Heilmann. Da der gesamte Tierpark unter der Leitung der Lebenshilfe steht, haben fast alle 40 Mitarbeiter irgendeine Behinderung und werden dort vor Ort zu Tierpflegern oder Tierpflegehelfern ausgebildet. "Hier darf jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten. Bedingungslos, das beschreibt die Menschen hier, glaube ich, am besten", sagt Franka Heilmann fröhlich.

Da kommt der nächste Reitschüler mit seinem Pony Laura, einer braven Haflingerstute. Er trägt keine besondere Kleidung. Der Helm ist das Einzige, an dem man erkennen könnte, dass Ben ein waschechter Reiter ist. Er wirkt etwas schüchtern, doch Angst hat er keine. Als der Junge mit dem Putzen und Streicheln fertig ist, schnallt er die Decke auf das Pony. Laura wird in die lichtdurchflutete Halle geführt, dort gibt es eine kleine Treppe, die das Aufsteigen erleichtert. Jede Reiteinheit dauert 20 bis 30 Minuten. Das Tempo begrenzt sich häufig auf die langsamste Gangart Schritt, da viele Therapieschüler sich bei schnelleren Gangarten nicht auf dem Pferd halten können.

"Es ist eine Art abzuschalten, zu sehen, dass es dem Kind gutgeht. Dem Pferd ist jede Behinderung egal", sagt Franka Heilmann und berichtet über einen ehemaligen Therapieschüler, einen kleinen Jungen, der nicht sprechen konnte und nach drei Jahren Reittherapie in Zusammenarbeit mit einer Sprachheilpädagogin wieder das Sprechen anfing. "Jedes Kind zeigt andere Verhaltensweisen gegenüber dem Pferd, jedoch keinerlei Angst, genau das ist so faszinierend."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schüchtern, aber angstfrei
Autor
Elisa Werner
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2014, Nr. 178, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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