Immer Distanz bewahren

Der Blick schweift über die grüne Hügellandschaft, bevor die vier Meter hohe Betonwand aufragt, Rollen von Stacheldraht auf ihr. In einem Glaskasten sitzen Polizisten. Das Hauptgebäude der Justizvollzugsanstalt in Hünfeld nördlich von Fulda schüchtert ein. Sabine Fink, Name geändert, ist dort jeden Tag. Doch sie kommt nachmittags wieder raus. Die 55-Jährige ist Sozialarbeiterin. Um 9 Uhr beginnt ihr Arbeitstag, ab da besteht bis 15.45 Uhr Anwesenheitspflicht. Die restliche Zeit ihrer 42-Stunden-Woche kann sie sich legen, wie sie will. Der Beamte in dem Glaskasten öffnet ihr per Knopfdruck die Metalltür, über einen verschiebbaren Metallkasten gelangt sie an ihren Schlüsselbund, an dem ein elektronischer Öffner aus Plastik hängt, ohne den man keine zehn Schritte weit kommt.

 

Die braunhaarige Frau öffnet die erste schwere Tür aus dickem Glas und Metall, indem sie das Stück Plastik an eine kleine rechteckige Fläche an der Wand hält. Ein Lämpchen leuchtet auf, es surrt, als der Riegel zurückfährt. Nachdem sie in den leeren Gang getreten ist, stellt sie sicher, dass die Tür auch zufällt. Durch die von Neonröhren beleuchteten Flure geht es zur Station C. Die Türen sehen aus wie übergroße Schließfächer aus Metall. Bevor sie in ihr Büro geht, holt sie sich in dem Überwachungsglaskasten einen Kaffee und unterhält sich kurz mit den vier Beamten im Vollzugsdienst.

 

In ihrem Büro setzt sich Fink an den Computer und nimmt sich die Akte eines Sträflings vor. "Als Sozialarbeiterin bist du für die Häftlinge verantwortlich, vom Aufnahmegespräch über den Vollzugsplan bis hin zu der Entlassung", erklärt sie, ohne den konkreten Fall zu nennen.

 

Fink hat den Behandlungsplan erstellt, sich die Vorgeschichte, die Familienverhältnisse, die Taten angesehen, auch eine mögliche Drogensucht oder psychische Probleme berücksichtigt. Innerhalb von drei Monaten muss dieser Plan erstellt sein, in dem festgelegt wird, ob und für welche Arbeiten in der JVA ein Sträfling geeignet ist, ob er an Suchtbewältigungskursen teilnehmen soll oder zu einem Psychologen muss. Es gibt auch die Möglichkeit, nach zwei Dritteln der Haftstrafe entlassen zu werden oder in den offenen Vollzug überstellt zu werden. Der Häftling hat einen Antrag gestellt. "Er hofft auf eine vorzeitige Entlassung, deswegen habe ich später einen Termin, um das zu besprechen." Um halb elf geht es zu einer anderen Besprechung. Als Fink durch einen hohen Gang läuft, über den ein verglaster Durchgang führt, klopft es oben. Zwei Gefangene stehen an das Geländer gelehnt vor der Glasscheibe und starren hinunter. "Gar nicht reagieren", sagt sie kühl, ohne aufzusehen. Es sei wichtig, immer eine gewisse Distanz zu den Gefangenen zu wahren. "Wir Sozialarbeiter sind auch nicht bei Facebook, unsere Privatsphäre muss geschützt werden, damit die Gefangenen nichts gegen uns in der Hand haben."

 

Um 13 Uhr ist Mittagspause in der kleinen Cafeteria. Es riecht nach Braten, Fink packt ihr mitgebrachtes Schinkenbaguette aus. Bevor es wieder an die Arbeit geht, gibt es noch eine Raucherpause auf der Dachterrasse, von der man auf das Dach der JVA sehen kann und in den Innenhof.

 

Auf dem Weg zurück in ihr Büro spricht sie ein Mann Mitte vierzig an, die Haare kurzgeschoren. "Ich habe gerade keine Zeit", erklärt Fink ihm strikt. Sie holt die Akte und geht durch die leeren Flure zu dem Raum, vor dem der Häftling auf einem Stuhl sitzt und wartet. Als Fink hineingeht, sitzen da schon ein Justizbeamter, ein Psychologe und der Anstaltsleiter.

 

Der Häftling bleibt vorerst draußen. Er wirkt ruhig. Schließlich holt man ihn herein. Auf den Tischen liegt seine Akte, ein dicker Stapel Papier in einer braunen Mappe. Der Psychologe liest nochmals seine Einschätzung vor und erklärt dann: "Es ist zwar positiver als vorher, aber das reicht nicht für eine vorzeitige Entlassung." Der Häftling kaut auf seiner Lippe, nickt. Dann steht er auf, murmelt "tschüs!" und geht. Während sich die anderen Anwesenden auf den nächsten Fall vorbereiten, verlässt Fink den Raum. Ihr Arbeitstag endet heute um 16.12 Uhr, sie holt in ihrem Büro ihre Tasche, geht durch die Flure bis zum Eingangsbereich. Der Polizist nimmt ihren Schlüsselbund durch den Metallkasten entgegen, nickt ihr zu. Fink wartet, bis die schwere Metalltür aufgeht, und blinzelt ins Sonnenlicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Immer Distanz bewahren
Autor
Louisa Kohlstruck
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2014, Nr. 184, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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