Das erste Mal kostet Überwindung

Sie behandelt und berät junge wie alte Frauen und arbeitet manchmal in einer Art juristischen Grauzone. Dann nämlich, wenn 14-Jährige nach der Pille fragen. Termin bei einer Frauenärztin. Anja Greve-Hauptreif, die ihre gynäkologische Praxis mitten im pfälzischen Annweiler am Trifels aufgebaut hat, übt einen verantwortungsvollen Beruf aus. Als Frauenärztin ist sie für die Frau in allen Situationen und Phasen des Lebens da. Von der Pubertät bis ins hohe Alter begleitet sie ihre Patientinnen auf ihrem Weg durch das Leben. Sie berät, behandelt und klärt auf. Im Alter von 15 bis 16 Jahren gehen die meisten Mädchen das erste Mal zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt. Doch der Gang dorthin ist oft mit Nervosität verbunden. "Vorher war ich natürlich ein bisschen aufgeregt, aber ich wollte selbst hingehen." Die Worte der 17-jährigen Laura Fuchs (Name geändert), die seit zwei Jahren bei Greve-Hauptreif in Behandlung ist, klingen selbstbewusst. Aus reinem Interesse gehen nur wenige Mädchen das erste Mal zum Frauenarzt. Zu groß ist die Angst vor der Untersuchung. "Die Untersuchung ist nicht gerade das Angenehmste, aber es ist wie zum Zahnarzt gehen. Das macht man einfach zweimal im Jahr." Ein Anlass für viele junge Mädchen, eine Frauenarztpraxis aufzusuchen, ist oft der erste Freund. Dass gleich beim ersten Gespräch nach einem Rezept für die Pille gefragt wird, kommt heutzutage oft vor. Anja Greve-Hauptreif, eine zierliche Endvierzigerin mit dunkelbraunem, kurzem Haar, weißem Ärztekittel und festem Händedruck, hat solche Situationen schon häufiger erlebt: "Wer nach der Pille fragt, muss mindestens 16 Jahre alt sein." Das Problem besteht weniger darin, dass junge Mädchen heutzutage viel älter aussehen. Ein 14-jähriges Mädchen kann leicht für 16 gehalten werden.

Für die Frauenärztin ist es aber schwer, ihre jungen Patientinnen mental einzuschätzen: "Als Frauenärztin befinde ich mich in einer juristischen Grauzone, wenn eine 14- Jährige zu mir kommt und die Pille verlangt, weil sie demnächst mit ihrem 16 Jahre alten Freund schlafen will." Und das möglichst ohne das Wissen der Eltern. Nach dem Gesetz darf Greve-Hauptreif das nicht, aber sie kann auch nicht verantworten, dass ihre Patientin möglicherweise schwanger wird. In so einem Fall spielt die mentale Aufnahmefähigkeit der Patientin eine Rolle. Ist diese schon so reif, dass sie selbst mit ihren 14 Jahren Verantwortung für die Einnahme tragen kann, so darf sie die Pille verschreiben. "Die Patientin ist mental so weit entwickelt, dass sie die Tragweite der Pilleneinnahme voll erkennt", heißt es dann in der Patientenakte. Solche Situationen gehören zum Alltag. Eine 14-Jährige ohne Freund muss sich heute fast schon schämen. Eine Beziehung in so jungen Jahren kann aber weniger schöne Folgen mit sich bringen. "Meine jüngste Patientin wurde mit 12 Jahren schwanger. Ich musste ihr zu ihrem 13. Geburtstag sagen, dass sie Mutter werden wird", berichtet Greve-Hauptreif. Damit das nicht zur Alltäglichkeit wird, gibt es bei dem ersten Gespräch eine umfassende Beratung, was die Benutzung von schwangerschaftsvorbeugenden Methoden anbelangt. In ihrem Sprechzimmer, das mit warmen Farben und hölzernen Möbeln ausgestattet ist, kommt der erste Kontakt von Ärztin und Patientin zustande. "Für mich ist es sehr wichtig, eine ungezwungene Beziehung zu meinen Patientinnen aufzubauen", sagt die Medizinerin.

Die intimen Themen können ein Gespräch schon einmal erschweren. Gerade für junge Erstpatientinnen gibt es eine Hemmschwelle. Ist es schon schwer, mit der eigenen Mutter über Sexualität und Verhütungsmittel zu reden, fällt es einem bei einer fremden Person nicht leichter. Was Greve-Hauptreif dagegen tut, ist ganz einfach. Nach der Befragung zu den Vorerkrankungen redet erst einmal sie. Allein durch das Zuhören entspannen sich die Mädchen. Mit anschaulichen Tafeln und Modellen von den weiblichen Geschlechtsorganen erläutert sie die Vorgänge im Körper einer Frau, wenn diese ihre Regelblutung hat oder Hormonpräparate einnimmt. "Mit den Modellen und Schaukarten erreiche ich, dass meine Patientinnen sich vorstellen können, was in ihrem Körper passiert." Auf die Wirkungsweise eines kombinierten oralen Kontrazeptivums, besser bekannt als "die Pille", geht die Ärztin besonders ein. Denn oft ist die Pille die erste Wahl beim Verhüten. Alle Informationen helfen, ein Verständnis für die Vorgänge im Körper zu bekommen. So wird irgendwann der Punkt erreicht, wo die meisten ihre Hemmungen ablegen und eine Frage nach der anderen stellen. Ein Erfolg für die Ärztin, denn somit ist der erste Baustein für eine gute Zusammenarbeit gelegt. Für jedes Mädchen kommt nach so einem Gespräch, in dem über Verhütungsmethoden, Sexualität und private Angelegenheiten geredet wird, ein Gefühl des Stolzes auf. Zum Frauenarzt zu gehen ist keine schlechte Erfahrung.

Informationen zum Beitrag

Titel
Das erste Mal kostet Überwindung
Autor
Luise Welsch, Trifels-Gymnasium, Annweiler
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2010, Nr. 280 / Seite N6
Projekt
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