Die Studentin bringt Noten von Freddy Quinn mit

Durch die bodentiefen Fenster scheint die Sonne in die geräumige Gemeinschaftsküche. Am Esstisch sitzen Paul Hinz, ein älterer Herr mit weißem Haar, und die Studentin Lena Klein. Sie hat die dunkelblonden Haare zu einem Zopf gebunden und spielt Gitarre. Gemeinsam singen sie das Volkslied "Komm lieber Mai!" In der Gemeinschaftsküche des Projekts "Wohnen 60 plus", der ersten Wohngemeinschaft für alt gewordene Obdachlose in ganz Deutschland, scheint der Rentner großen Spaß am Singen zu haben, auch wenn ihm das Sprechen teils schwerfällt.

Das 2013 vom Förderverein für Wohnhilfen in Münster gegründete Projekt fand nach langer Suche in der Dreifaltigkeitskirche den geeigneten Wohnraum. Die Kirche wurde entweiht, kirchenrechtlich geschlossen und an die Wohnungsbaugenossenschaft Wohn-+Stadtbau verpachtet. So entstanden in dem ehemaligen Gotteshaus auf fünf Etagen neben Flächen für ein Architekturbüro, einer Werbeagentur und einer Physiotherapiepraxis auch Räume für soziale Wohngemeinschaften.

Hier hat auch Walter Seelinger nach langer Zeit der Wohnungslosigkeit ein neues Zuhause gefunden. Stolz präsentiert er seine perfekt aufgeräumte Wohnung. Die Bananen liegen akkurat aufgereiht, das Kleingeld ist in Schachteln sortiert, die Zeitungen sind genau wie die Kissen säuberlich gestapelt. "Ordnung ist für mich das Allerwichtigste. Solange es ordentlich ist, ist alles andere eigentlich egal. Wenn Leute von der Zeitung kommen, bewundern die mein Zimmer immer und wollen es sofort fotografieren, weil es hier so schön aufgeräumt ist", berichtet der älteste der acht Bewohner. "Als ich mir das Zimmer zum ersten Mal angeschaut habe, wusste ich sofort: Das ist mein Zimmer." Die übrigen seien zu verwinkelt gewesen, sagt der 84-Jährige.

"Ehemalige Obdachlose haben nicht das beste Feedback in der Gesellschaft", erklärt Christian Benning, ein dunkelblonder Mann mit Hornbrille und Bart, der Sozialarbeiter in der Einrichtung ist. "Dass wir nun hier in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche sitzen, ist ein glücklicher Zufall." Die Idee zum Projekt entstand, weil es in Münsters Notunterkunft für Obdachlose viele altgewordene Menschen mit Pflegebedarf gibt, die dort nicht mehr altersentsprechend aufgehoben sind. Eine Weitervermittlung an andere Institutionen glückt meist nicht. "Diese Menschen haben ein ausgeprägtes Autonomiebedürfnis", sagt der 30-Jährige, "so dass sie die Regeln in stationären Einrichtungen für Obdachlose meist ablehnen." Das Wohnprojekt ist an ein Konzept angelehnt, das ursprünglich für demenzkranke Menschen gedacht war: Jeder Bewohner der Wohngruppe mietet seinen individuellen Wohnraum, zusätzlich steht ihm ein Gemeinschaftsraum zur Verfügung. "Sie haben so zum ersten Mal seit Jahren wieder einen privaten Rückzugsraum, aber gleichzeitig wird auch der Bedarf an Gemeinschaft gedeckt, denn unsere Mieter kommen aus einem lebendigen Milieu, wo immer etwas los ist." Die Miete für die Wohnungen mit geräumigem Badezimmer und kleiner Küche finanzieren die Mieter durch ihre Rente und Zuschüsse vom Sozialamt. Der Quadratmeter kostet hier 4,95 Euro, gut gelegen im Zentrum.

Manfred Funke führt stolz seinen elektrischen Rollstuhl vor. In der Notunterkunft war dafür kein Platz. "Als ich vor vielen Jahren das letzte Mal eine Wohnung hatte, habe ich für 357 Euro im Monat mit drei anderen Leuten zusammengelebt. Jetzt habe ich für etwa dieselbe Miete mein eigenes Reich - noch dazu barrierefrei", erzählt er glücklich. Vor kurzem erst hat er seine Wand in einem leuchtenden Orange streichen lassen.

Auch wenn die Menschen hier im betreuten Wohnen leben, sind einige noch recht selbständig, gehen einkaufen, fahren in die Stadt, pflegen sozialen Kontakte. Aus der Küche klingt "Probier's mal mit Gemütlichkeit" aus Disneys Dschungelbuch, eins der Lieblingslieder des Bewohners. Sein Lieblingssänger ist jedoch Freddy Quinn, deshalb hat die Studentin heute die Noten zu "Die Gitarre und das Meer" dabei. Der Rentner freut sich, gemeinsam trällern sie drauflos.

Um in die Wohngemeinschaft aufgenommen zu werden, müssen Kriterien erfüllt werden. Zum einen ist das die vorherige Wohnungslosigkeit. Viele der Bewohner waren mehr als zehn Jahre lang wohnungslos. Hinzu kommen das Alter - alle sind mehr als 60 Jahre alt - und die Grundpflegebedürftigkeit, die nicht mit der Pflegestufe 1 gleichzusetzen ist. Denn obwohl pflegebedürftig, sind alle noch in der Lage, selbständig in einer Wohnung zu leben. Diese Freiheit möchte man ihnen auch lassen. "Unser Anspruch ist es, den Leuten hier ein Zuhause zu bieten, und das Credo ist: ambulante Hilfe vor der stationären Heimeinrichtung", sagt Benning. Auch wenn sich die acht Männer mittlerweile gut eingelebt haben, hatten viele Angst vor dem Auf-sich-allein-gestellt-Sein. "Für viele der heutigen Bewohner war die Notunterkunft mehrere Jahre lang das Zuhause, wo sie soziale Beziehungen zu anderen aufgebaut haben, so dass es am Anfang wichtig war, dass sie jederzeit dorthin zurückkonnten. Doch nach und nach sind alle hier angekommen", betont Benning.

Er sieht viele Vorteile im Zusammenleben mit anderen. "Da holt der eine Mieter dem anderen morgens die Zeitung, weil er mobiler ist. Am Anfang ist auch mal jemand gestürzt, und weil es ja keine 24-Stunden-Betreuung gibt, hat einer der Bewohner dann den Krankenwagen gerufen." So unterstützen sich alle gegenseitig. "Ein Herr, der sich zu Anfang als Einzelgänger beschrieb, nimmt nun zum Beispiel regelmäßig an den wöchentlichen Kegelausflügen teil und hat dort einen regelrechten Ehrgeiz entwickelt."

Mehrmals in der Woche kommen Bewohner der nebenan liegenden Sozialwohnungen vorbei, spielen mit den Männern Karten oder sitzen bei Kaffee und Kuchen zusammen. Die Normalisierung der Wohnverhältnisse habe zur Normalisierung anderer Lebensbereiche geführt, so dass einige Bewohner neue Hobbys für sich entdeckt haben.

Inzwischen ist Heinrich Wiesmüller zu den Sängern gestoßen, ein großer Herr mit Schnäuzer. Für gewöhnlich sind sie zu dritt, aber einer der Sänger liegt derzeit im Krankenhaus. Sie planen, ihn dort zu besuchen. Dann wollen sie gemeinsam "Tulpen aus Amsterdam" singen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Studentin bringt Noten von Freddy Quinn mit
Autor
Miriam Finke
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2014, Nr. 184, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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