Die Kinder testen, wie sehr sie gewollt werden

Leben im Kinderheim, eine neue Chance oder ein neues Trauma? Die Sozialwaisen zeigen anfangs Angst und Abwehr und fassen nur allmählich Vertrauen. Manche Wunden heilen nicht.

Es ist nicht ein einziges Mal vorgekommen, dass Waisen im Heim lebten. Alle Kinder sind vielmehr Sozialwaisen, deren Eltern krank, zum Beispiel suchtkrank, oder überfordert sind", sagt Michaela Schütte-Nütgen. Die blondgelockte Psychologin arbeitet seit zwanzig Jahren im Münsteraner Kinderheim Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz. Über welchen Weg gelangen Kinder in das rote Backsteingebäude? "Ein Großteil von ihnen erlebt vorher Verwahrlosung, Vernachlässigung oder Übergriffe, was vor allem bei Jüngeren ein Gefühl der Hilflosigkeit auslösen kann", erläutert die freundliche Therapeutin. Meistens entdeckt das Jugendamt die überforderten Familien und setzt sich mit dem Heim in Verbindung. Grundsätzlich wird bei Neuaufnahmen eine Psychodiagnostik durchgeführt, um zu prüfen: Welche Betreuungsform eignet sich für das Kind? Braucht es eine Psychotherapie? Wie soll der Kontakt mit den Eltern verlaufen? Wie soll es schulisch weitergehen? Wichtig ist das, um traumatisches Erleben zu erkennen und die Kinder bei der Verarbeitung zu unterstützen.

"Ich erinnere mich noch gut an einen kleinen Jungen, der mit sieben zu uns kam. Wie jedes andere Kind wollten wir ihn irgendwann baden, doch er wehrte sich mit Händen und Füßen, in das Wasser zu steigen. Wochenlang versuchten wir es - immer erfolglos. Irgendwann, nachdem er mehr Vertrauen zu uns gefasst hatte, erzählte er, seine Mutter hätte ihn einmal in so heißem Wasser baden wollen, dass er sich viele Verbrennungen zuzog. Dieses Erlebnis hatte ihn so sehr geprägt, dass er anfangs nur in eiskaltes Wasser steigen wollte." Paradoxerweise entwickeln viele, obwohl ihnen Ähnliches widerfahren ist, Schuldgefühle. Nachdenklich erklärt die Psychologin: "Sie denken: Weil ich so anstrengend war, hat es zu Hause nicht geklappt."

Die 49-Jährige erlebt die Kinder als "sehr loyal gegenüber ihren Eltern", da sie, weil sie mit den Misshandlungen groß geworden sind, Verwahrlosung und Übergriffe als normal empfinden. Obwohl Neuankömmlinge "dankbar und glücklich sind, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben, sind viele traurig, nicht bei ihren Eltern leben zu können." Die Kinder leben, nach Alter gestaffelt, in sechs verschiedenen Wohngruppen zu fünft bis acht. Darunter gibt es eine Mädchengemeinschaft und zwei Intensivgruppen, alle mit liebevollen Namen wie Pusteblume, Rote Zora oder Sonnenschein-Gruppe benannt. Die meisten Kinder verfügen über ein freundlich und kindgerecht eingerichtetes Einzelzimmer, Jugendliche leben außerhalb des Haupthauses in Wohngemeinschaften, die in verschiedenen Stadtvierteln angesiedelt sind. Dort leben sie mit einem Betreuer, was anstelle einer aseptischen Anstaltsatmosphäre ein geborgenes und familiäres Klima ermöglicht.

Das Kinderheim in Münster betreut insgesamt rund 150 Kinder. Das Personal umfasst 100 bis 150 Angestellte, Profi-Pflege-Familien eingeschlossen, hauptsächlich bestehend aus Sozialpädagogen, aber auch Erziehern, Heilpädagogen, Psychologen, Verwaltungsangestellten, Köchen und zwei Hausmeistern.

Um den Horizont der Kinder zu erweitern, werden oft Reisen gemacht. Die Gruppen fahren zelten oder auf einen Bauernhof, Ältere auch zu Ski- und Kletterfreizeiten. Außerdem besitzt das Heim ein Ferienhaus auf Norderney. "Für einen neun Jahre alten Jungen und seinen ein Jahr jüngeren Bruder war der erste Urlaub etwas ganz Besonderes", erinnert sich die Psychologin. "Zum ersten Mal haben sie das Meer gesehen, waren überwältigt von dem weißen Sand und sehr stolz, Muscheln zu sammeln und diese im Heim allen zu zeigen. Bei solchen Ereignissen geht einem das Herz auf."

Selten können Kinder nach einiger Zeit wieder zu ihren Eltern zurück. Doch fast alle haben weiterhin Kontakt zu ihren Eltern, auch wenn sie in neuen Familien leben. Die Psychologin schätzt, dass rund 30 Prozent der Kinder im Heim St. Mauritz vermittelt werden, wobei gilt: "Je jünger, desto besser, je stärker behindert, desto schlechter." Ein Pflegevater nahm vor neun Jahren einen Jungen aus einem Heim auf, den er seitdem mit seiner Frau großzieht. "Bevor er im Alter von sieben Jahren zu uns kam, lebte er erst zwei Jahre im Heim. Seine Mutter war früh gestorben, sein Vater, ein Alkoholiker, der sich nicht scheut, handgreiflich zu werden, vernachlässigte seine fünf Kinder. Drei Tage lang lebte der Junge mit seinem Bruder im Wald, bevor er von der Polizei entdeckt wurde. Schon im Heim galt er als schwer erziehbar, war zum Beispiel in einer Klaubande, und er war so untergewichtig, dass er mit sieben Jahren nur 17 Kilogramm wog." Kurz nach der Vermittlung fiel der Junge in eine Art Babyphase zurück, wollte im Kinderwagen geschoben werden oder aus der Flasche trinken. "Dieses Verhalten ist aber normal und sogar erwünscht. Hierdurch können Kinder sich in die emotionale Bedürfnislage eines Kleinkindes hineinversetzen und so eine Art Urvertrauen aufbauen." Für ein solches Kind zu sorgen, sieht die Psychologin als Herausforderung an. "Diese Kinder können bis auf die Messerspitze provozieren. Natürlich müssen die Eltern Kinder lieben und gernhaben, brauchen aber auch eine hohe Belastbarkeit und hohe Kränkbarkeit. Von den Kindern ist zu Beginn keine Dankbarkeit, sondern eher Angst oder Abwehr zu erwarten. Sie testen: Wie sehr bin ich hier gewollt? Wie sehr muss ich mich anstrengen, bis ich wieder rausfliege, wie zu Hause." Das bestätigt der Pflegevater: "Die Testphase dauerte mehrere Jahre. Er hat geklaut, Lehrer geschlagen und zu Hause Türen eingetreten. Die Wut, die seinem Vater galt, hat er unbewusst an uns ausgelassen." Wichtig ist, dass die Eltern viel Reflexionsvermögen besitzen und vom Heim weiterhin Beratung erhalten. Inzwischen hat sich das ehemalige Heimkind dank der Fürsorge zu einem selbständigen, freundlichen, jungen Mann entwickelt, der von einer eigenen Familie träumt.

Nicht immer kommt es zu einem so glücklichen Verlauf. In sehr seltenen Fällen kommen Kinder auch zurück ins Heim, da sich die Pflegefamilien überfordert fühlen. "So etwas ist natürlich sehr bitter für alle Beteiligten." Die größte Herausforderung ist es für die lebensfrohe Therapeutin, "dem Leid von kleinen Kindern zu begegnen, es zu ertragen und zu begleiten. Viele Wunden können wir zwar verpflastern, aber nicht heilen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Kinder testen, wie sehr sie gewollt werden
Autor
Henriette Wesselmann
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2014, Nr. 184, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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