14-Stunden-Schichten und keine Spur von Monotonie

Wer kriegt die Kohle?", hallt es im tiefhessischen Dialekt, der sich gegen die lärmende Maschine zu behaupten versucht. "Da, wo die Kasse steht!", tönt es trocken, jedoch freundlich aus dem Führerstand, ehe die schwere Fähre im Schritttempo die Überfahrt antritt. Am Steuer steht Wolfgang Riedel. Der 53-Jährige ist seit 25 Jahren Fährführer. Sein Outfit aus Shorts, Sandalen und T-Shirt spricht die gleiche Sprache wie auch das Zwitschern der Vögel oder die vielen Besucher in der nahen Gaststätte: Es ist mit 31 Grad ein heißer Tag.

Dementsprechend gut läuft das Geschäft. "Der Radtourist aus Hessen ist hier ebenso keine Seltenheit wie die zahlreichen Nutzer der Anlegestelle für die Ruderboote oder unsere Camper. Im Sommer ist hier immer einiges los." Ein gewisser Stolz schwingt mit, wenn Bürgermeister Tobias Blesch, mit der Fähre groß geworden und Fahrgast, über seine Heimat spricht. Wipfeld ist ein idyllisches Dorf des unterfränkischen Landkreises Schweinfurt. Gelegen am Main, der es an dieser Stelle allerdings gerade mal auf 80 bis 100 Meter Breite bringt, wirkt der Fährbetrieb auf den ersten Blick schon beinahe absurd, wäre eine Brücke in der Theorie doch durchaus denkbar.

"Das ist natürlich ein oft geäußerter sowie bereits weiterverfolgter Gedanke, wenn auch letzten Endes ein zerschlagener. Kurz gesagt: Daraus wurde nie was und wird auch nie was werden", ist sich Blesch sicher. Die Kosten seien für die Gemeinde nicht tragbar. "Außerdem ist die Fähre als eine Art Wahrzeichen auch gar nicht mehr aus dem Ort wegzudenken. Das Archaische und Atmosphärische birgt darüber hinaus natürlich auch einen großen touristischen Wert, den wir nicht missen möchten. Es ist eben mittlerweile einfach auch ein Teil von Franken."

Ganz ohne Kostenaufwand kommt jedoch auch das Fährgeschäft nicht aus. Fördermittel kommen daher sowohl vom Kreis als auch vom Freistaat, der immerhin die Hälfte der Defizite erstattet, wodurch sich das Hissen der Flaggen natürlich von selbst versteht. "Wenn man es genau nimmt, sind die Fahrpreise natürlich zu günstig. Will man jedoch, dass etwas genutzt wird, so muss man die Sache eben auch lukrativ für den Nutzer gestalten", sinniert Blesch über die Kosten. Zu denen zählt ebenfalls die geplante Sanierung des Kahns, dessen Kupplung arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, was aufgrund seiner 30 Tonnen Traglast, mit der sogar Lkws transportiert werden, kaum verwundert. Das Hauptaugenmerk ist dabei zuallererst auf verbesserte Arbeitsbedingungen der drei Fährmänner gerichtet, denen das "Schaffen" durch eine hydraulische Steuerung erleichtert werden soll. Die Freude darüber ist bei Riedel groß: "Das Kurbeln ist schon sehr beschwerlich, und das Gegenlenken bei starker Strömung erfordert große Kraft. Das geht dann mit der Zeit schon auf die Gelenke."

Dennoch könnte er als immerhin dienstältester Angestellter nicht glücklicher sein und will auch bei - durch die Binnenschifffahrtsverordnung geregelten - Schichten von 14 Stunden nichts von Monotonie wissen: "Ich bin immer an der frischen Luft, in der Natur. Mit meiner Stammkundschaft bin ich per du. Der Job ist genau mein Ding, und ich hoffe, das noch bis zur Rente machen zu können." Zur Stammkundschaft zählen die Schüler des nahegelegenen Gymnasiums, die Klosterschwestern vom benachbarten Mädcheninternat St. Ludwig oder die zahlreichen Pendler aus Gerolzhofen. Als ehemaliger Schiffslehrling freut er sich zudem über die Frachtschiffe, die seinen Arbeitsplatz gelegentlich passieren und denen er bereitwillig Platz macht: "Ich bekomm' dann immer einen Funkspruch, so dass ich rechtzeitig Bescheid weiß, wann ich das Feld zu räumen habe. Man grüßt sich dann auch immer nett." Riedel hat mit 15 Jahren eine dreijährige Lehre bei einem Binnenschiffer absolviert. Danach arbeitete er dort als Matrose, bis er zur Fähre kam. Besagte Lehre - mit anschließendem Fährschein, dem Querschifferpatent - befähigt Wolfgang Riedel, die Fähre führen zu dürfen. Seine beiden Kollegen haben sogar ein Längsschifferpatent. Sie könnten Schiffe steuern.

Herausragende Momente scheinen zumindest in seinem Alltag rar gesät. Das im Zweijahresrhythmus stattfindende Fährfest oder eine auf dem dunklen Riffelblechboden der Fähre gefeierte Hochzeit zählen dazu. Er sieht das gelassen: "Es ist doch erfreulich, wenn nichts Außergewöhnliches passiert und alles reibungslos klappt. Richtigen Ärger hatte ich noch nie, und der Unfall von 1945, bei dem mal ein Auto ins Wasser abgerutscht ist, blieb auch der einzige bei uns. Und das ist doch ein beruhigendes Gefühl." Der Mann mit dem Dreitagebart grinst verschmitzt in die Sonne, ehe er sich wieder hinters Steuerrad klemmt. In solchen Momenten erinnert er an den berühmten Wein der Region: trocken und ein wenig herb.

Informationen zum Beitrag

Titel
14-Stunden-Schichten und keine Spur von Monotonie
Autor
Daniel Schmitt
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2014, Nr. 190, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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