Schüler gegen den Sturm

All hands on deck!" Lang, kurz, lang. Signal ,,K". Die Besatzung stellt sich auf. Kapitän Detlef Soitzek kommt an Deck, die Reise auf der Thor Heyerdahl beginnt. Schon mit acht Jahren hatte der 61-jährige Kapitän den Traum, zur See zu fahren, und seinem Kindheitstraum blieb er treu. Soitzek geht auf die Seemannsschule in Hamburg-Blankenese, macht später sein Kapitänspatent und bereist den Ozean als Schiffsoffizier. 1977 studiert er in Bremen Sport und Wirtschaftslehre für die gymnasiale Oberstufe. Aber die Seefahrt lässt ihn nicht los. "Die See ist ein Teil meines Lebens geworden, und so musste ich zu ihr zurückkehren."

Der norwegische Forscher Thor Heyerdahl sucht 1977 einen Berufsseefahrer aus Deutschland für die Tigris-Expedition im Indischen Ozean. Soitzek stürzt sich in das Abenteuer. Vom Fluss Tigris im heutigen Irak startet die Expedition mit einem Schilfboot altsumerischer Bauweise durch den Arabischen Ozean nach Afrika. Die Reise soll beweisen, dass bereits vor 5000 Jahren die Bewohner des Zweitstromlandes über die Meere nach Indien und Ägypten fuhren. Mit dem Schilfboot überquert die elf Mann starke Besatzung den Ozean. Nicht nur Meer, Wind und Wellen zerren an den Grundfesten des Bootes, Piraten erpressen die Mannschaft, und Krankheiten hindern die Männer an der Überfahrt. Fliegende Fische zum Frühstück zu essen und Haie zum Mittagessen zu fangen wird Alltag. In der ostafrikanischen Republik Dschibuti endet die Expedition ein Jahr später auf Grund des Kriegs zwischen Somalia und Äthiopien.

Mit seinem Freund Günther Hoffmann erwirbt er einen alten Frachtenseglerrumpf. Ersparnisse werden zusammengelegt, Freunde werden um Darlehen gebeten, eine Bank gibt den entscheidenden Kredit. Vier Jahre lang bauen sie den Rumpf bei der HDW-Werft in Kiel zum Dreimast-Toppsegelschoner Thor Heyerdahl um. 16 Stunden Arbeit fallen für beide jeden Tag an, rund 250 000 Euro werden für Materialien investiert, um das Schiff zum Jugendsegler aufzubauen.

Während des Aufbaus des Dreimast-Toppsegelschoners nimmt Soitzek an einer Faltbootexpedition bei den Aleuten teil und ist Navigator auf der ersten Etappe der Ice-Sail-Expedition, der Abenteurer Arved Fuchs leitet die Expeditionen.

1996 beginnen die halbjährigen Jugendreisen über den Atlantik mit dem Projekt High Seas High School. Mit Elftklässlern aus verschiedenen Schulen Deutschlands segelt die Mannschaft der Thor Heyerdahl jährlich von Kiel über den Atlantik nach Mittelamerika. "Ein Klassenzimmer unter Segeln für ein halbes Jahr ist eine gute Möglichkeit, selbständig zu werden und die Welt zu entdecken. Bis jetzt sind alle Jugendlichen vollkommen verändert wieder zu Hause angekommen."

In der Zwischenzeit baute Soitzek sich in dem Dorf Laboe eine Familie und ein neues Leben auf. Der Vater von zwei Töchtern ist zwischen seinem Leben auf dem Land und seinem Leben auf der See hin und her gerissen.

Seit 2009 segelt der Kapitän mit der Thor Heyerdahl im Rahmen des Projektes "Klassenzimmer unter Segeln" über den Atlantik. In windfestem Ölzeug auf dem Achterdeck erteilt er Anweisungen an die Wachen. Bei heftigem Seegang hängt die Mannschaft meistens über der Reling und verkriecht sich in ihre Kojen. Dann steht der Kapitän an seinem Posten und segelt das Schiff durch die unsanften Gewässer. In ruhigem Ton gibt er Anweisungen an die Crew. Wenn eine Wende nicht wie geplant abläuft, die Taue trotz Anordnung nicht aufgeschossen sind und zum Beispiel Tassen sorglos abgestellt wurden, wird er leicht ungeduldig.

Die Schüler verlassen ihre Heimat für ein halbes Jahr und lernen neue Kulturen und Sprachen kennen. Der soziale Umgang mit Gleichaltrigen auf engstem Raum wird eingeübt. Wenn die Sonne scheint, sitzen die Schüler auf dem Hauptdeck und haben Unterricht. Der Kapitän selbst unterrichtet die Schüler in Navigations- und Wetterkunde. Sind die Schüler im Segeln fit, geht das Kommando an einen der Schüler. Das komplette Schiff liegt dann in der Hand des Jugendlichen. "Die Teilnehmer fahren als Kinder los und kommen als Erwachsene wieder. Wer das durchhält, nimmt einiges mit fürs Leben." Eines der größten Highlights für Detlef Soitzek ist es immer wieder, mit den Jugendlichen in der Karibik anzukommen. Nach so vielen Seetagen ist es für die Schüler ein besonderes Erlebnis, zwischen Kokospalmen auf einer einsamen Insel in Hängematten zu schlafen. Dann gehen sie auf ihre Panama-Regenwaldexpedition.

Auf der Rückreise über den Nordatlantik nach Kiel zieht überraschend ein schlimmer Sturm auf. Die hohen Wellen schlagen gegen den Rumpf des Schiffes. Die Crew schließt alle Luken und Bullaugen, legt ihr Ölzeug und ihre Gurte an und sichert alles. Unruhe kommt auf. Die Crew fängt an, die Segel zu bergen. Regen prasselt nieder, Wasser läuft über das Hauptdeck. Die Befehle verlieren sich im tobenden Sturm, der Kapitän muss mit Handzeichen aushelfen. Alle arbeiten vereint zusammen. Als sich der Sturm gelegt hat, fällt die Crew erleichtert und erschöpft in ihre Kojen. Die Thor Heyerdahl segelt in Richtung Sonnenaufgang.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schüler gegen den Sturm
Autor
Lisa-Marie Soitzek
Schule
Kieler Gelehrtenschule , Kiel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2014, Nr. 190, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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