Nach dem Training kostet Mathelernen doppelt Überwindung

Die Sonne spiegelt sich auf dem See vor dem Essener Ruderverein, und einige Menschen nutzen das schöne Wetter und schlendern mit einem Eis in der Hand um den Baldeneysee, machen eine Radtour oder picknicken. Acht junge muskulöse Männer, schon jetzt verschwitzt vom Warmlaufen, wuchten sich in das am Steg liegende Rennboot. Morgan Baumgärtel und der Rest des Achters beginnen mit ihrem Training. Die Ruderer schlüpfen in ihre Schuhe und ziehen ihre Einteiler über die Schultern. Sie bereiten sich auf die Trainingseinheit vor: Heute stehen 20 Kilometer mit zweimal 500 Metern schnellerer Frequenz auf dem Programm. Beim Ruf des Steuermannes "Mannschaft zusammen stößt ab" verlässt der Achter den Steg, und mit einem weiteren Kommando: "Rücklage - und ab" ziehen die Ruderer im Gleichtakt an ihren Riemen. Nicht nur der Trainer im Motorboot analysiert seine Sportler, auch die umherstehenden Spaziergänger beobachten die Ruderer gespannt.

Für Morgan Baumgärtel war dieses Programm zu Zeiten des Leistungssports Alltag, heute trainiert er jedoch nur noch dreimal in der Woche für die Ruder-Bundesliga-Regatten. Der ehemalige Leistungssportler hat zu Spitzenzeiten, wie beispielsweise vor der Junioren-Weltmeisterschaft, bis zu zehnmal in der Woche trainiert. Dazu gehörten Rudereinheiten, Ergometer fahren, eine Art Rudern an Land sowie Krafttraining.

Nach einer langen Trainingseinheit war der Sportler häufig erschöpft, fühlte sich ausgelaugt und sehnte sich nach Erholung. Dann aber standen noch Schulaufgaben auf dem Programm - es kostete viel Überwindung, sich an den Schreibtisch zu setzen, sich auf Mathe oder Vokabellernen zu konzentrieren. Morgan entschied sich oft gegen die Schularbeiten und erholte sich stattdessen.

Auch Morgans Freundin Lisa Vitting, eine ehemalige Schwimmerin, kennt die Herausforderungen des Leistungssports: "Als ich an der Spitze war, habe ich elfmal die Woche trainiert. Um Viertel vor sechs ins Wasser springen, danach bis 14 Uhr Schule, anschließend wieder drei Stunden Schwimmen." Auch ihre Wochenenden waren meist für Wettkämpfe reserviert. In den Ferien war häufig ein Trainingslager Pflicht. "Man musste akzeptieren, dass man zwei Sachen hat, die wichtig sind: Sport und Schule. Dafür musste man sich einen guten Plan machen, um zeitlich nicht zu viel Stress zu bekommen. Dann darf man nicht immer traurig sein, wenn man andere Dinge verpasst."

Im Vergleich zu ihren Freundinnen und Mitschülern hatten die beiden Sportler weniger Zeit für andere Hobbys und dafür, sich mit Freunden zu treffen, geschweige denn, auf Partys zu gehen. "Trotzdem sind Freunde und Familie für mich immer das Wichtigste gewesen", erklärt die 23-Jährige. "Weder die Schule noch der Sport konnten das ändern. Die haben mir immer Kraft gegeben, das ist das Besondere an Familie und Freunden."

Ganz wichtig ist für Leistungssportler der Rückhalt in der Familie. Eltern müssen Fahrdienste übernehmen, Mahlzeiten zu ungewöhnlichen Zeiten bereitstellen, Wettkämpfe ansehen, mitfiebern, aber auch motivieren durchzuhalten. "Meine Eltern haben mich immer unterstützt, auch wenn es mal schlecht lief, weil ich mich zu wenig um die Schule gekümmert habe. Dann musste ich die 12. Klasse wiederholen", berichtet der 1,90 Meter große Baumgärtel.

Erst als der Abiturient auf das Sport-und Tanzinternat in Essen wechselte, bekam er die nötige Unterstützung und den erforderlichen Freiraum seitens der Schule. Auf dem Sportinternat gab es etwa 35 Sportler, die Bewohner waren zwischen 13 und 21 Jahre alt. Diese sogenannten Eliteschulen des Sports zeichnen sich durch ein Verbundsystem zwischen Schule, Training am Olympiastützpunkt und Wohnen im Internat aus. Die jungen Talente profitieren so von der Möglichkeit, schulische Bildung und sportliches Training parallel zu bewerkstelligen. Es gibt die Möglichkeit, einmal in der Woche Frühtraining zu machen und später mit dem Unterricht zu beginnen. Es wird entschuldigt, wenn der Sportler schon donnerstags zu den Wettkämpfen anreisen muss, und die Schüler dürfen montags nach den Wochenendwettkämpfen keine Klausuren schreiben. "Insbesondere die Sportlehrer und sportbegeisterten Lehrer", sagt der 24-Jährige, "haben mich wohlwollender behandelt. Sie waren verständnisvoller und konnten sich noch mehr für den Leistungssport begeistern."

Auch die Kaderzugehörigkeit hat den beiden Sportlern viele Vorteile gebracht. Dazu gehörten einige Vergünstigungen, Vorteile bei der Suche nach einem Studienplatz sowie eine finanzielle Grundförderung durch die Sporthilfe. Die Sporthilfe hat das Ziel, den Sport in Deutschland und einzelne Sportler zu fördern. "Der größte Vorteil der Sporthilfe war die finanzielle Förderung, die man bekommen hat, wenn man in einem bestimmten Kader war oder einen besonderen Platz auf internationalen Wettkämpfen erreicht hatte", erklärt der Junioren-Weltmeister im Achter. Viele Sportler sind auf die Sporthilfe angewiesen und hätten ohne die finanzielle Unterstützung weniger Chancen auf Erfolge.

Die beiden Studenten der Wirtschaftspsychologie mussten nicht auf ihren Numerus clausus achten, sondern konnten mit Hilfe der Laufbahnberatung des Olympiastützpunktes ihren Studienplatz frei wählen. Der Olympiastützpunkt ist eine Einrichtung, die den Athleten die anfallenden Serviceleistungen abnimmt. Die Kaderathleten können unter anderem medizinische, physiotherapeutische oder sportpsychologische Behandlungen durchführen und eine Ernährungsberatung oder eine individuelle Laufbahnberatung kostenlos in Anspruch nehmen.

Den Leistungssport und das Studium zu vereinen wurde den beiden Studenten letzten Endes zu viel. Trotzdem bereuen sie die Zeit nicht. "Wegen meines Leistungssports habe ich gelernt, mich zu organisieren und zu disziplinieren. Ich habe viel verzichtet, aber ich glaube nach wie vor, dass die Fixierung auf den Sport eine richtige Entscheidung war", sagt die zweifache Olympiateilnehmerin. "Ich habe so viele schöne Sachen erlebt, die mir ohne das Schwimmen verwehrt geblieben wären. Viele tolle Menschen habe ich kennengelernt und einige Erfahrungen gemacht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Nach dem Training kostet Mathelernen doppelt Überwindung
Autor
Helene Baumgärtel
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2014, Nr. 196, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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