Er lebt seinen Traum

Wo hat man die Möglichkeit, Beruf und Familie gut miteinander verbinden zu können? Und gleichzeitig mit Spaß an der Arbeit ein überwiegend finanziell abgesichertes Leben führen zu können? Im Profisport. Sverre Jakobsson war Kapitän der Handball-Bundesligamannschaft des TV Großwallstadt. Der 1,95 Meter große und 105 Kilogramm schwere Isländer erscheint im Handballleistungszentrum Großwallstadt im Foyer des dazugehörigen Hotels. Er wirkt entspannt in Trikot, Jogginghose und mit Dreitagebart. Ihm gefällt seine Arbeit. Vor ein paar tausend Zuschauern herrscht oft eine beeindruckende Stimmung in den Hallen. So auch in der Aschaffenburger f.a.n. frankenstolz Arena, in der der TVG regelmäßig seine Saisonspiele austrägt, obwohl sich das Publikum seit dem Abstieg 2013 in die Zweite Bundesliga verringert hat.

Kurioserweise begann Jakobsson mit ehrgeizigen Ambitionen Basketball parallel zum Handball zu spielen. "Aber dann, als ich 14 Jahre alt war, haben wir unsere Handball-Liga gewonnen. Also entschied ich mich dafür." Ab Mitte 20 konzentrierte sich der heute 37-Jährige auf das Studium der internationalen Wirtschaftswissenschaften und ging zwei Jahre ins Ausland. Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Er nahm ein unerwartetes Angebot, Abwehrchef in der ersten isländischen Liga zu werden, an. Er wurde sogar in die isländische Handball-Nationalmannschaft berufen und wechselte zum dominierenden Bundesligisten VfL Gummersbach in die stärkste Liga der Welt.

"Zur Absicherung, also für eventuelle Verletzungen oder die Zeit nach dem Karriereende, hatte ich meinen bürgerlichen Beruf bereits erlernt", erläutert er. "Abgesehen von den Spitzenspielern der besten Clubs, deren Gehalt vergleichsweise hoch ist, verdient der durchschnittliche Bundesligaprofi wie ich passabel. Man kann in dieser Zeit ein schönes Leben führen. Aber du kannst dir im Gegensatz zum enorm stark dotierten Fußballbereich keine fünf Autos oder zehn Häuser leisten."

Deshalb muss auch Sverre nach dieser Saison eine andere Beschäftigung finden, weil sein Vertrag beim TV Großwallstadt nicht verlängert wurde. So wird er nach der bevorstehenden Rückkehr in seine Heimat Island nicht umhinkommen, als Bankfachmann zu arbeiten. Diese Umstellung bereitet ihm Sorgen, wenngleich er sich auf das Wiedersehen mit Eltern und Verwandten freut. Der Kontakt zu ihnen geriet in den zehn Jahren seiner deutschen Bundesligazugehörigkeit zu kurz. Der Familienmensch verbringt viel Zeit mit seiner Frau und den in Deutschland geborenen Kindern. Das ist für ihn einer der größten Vorteile als Handballprofi.

Nur im Januar muss der Nationalspieler auf seine Familie verzichten, wenn entweder Welt- oder Europameisterschaften stattfinden. "Wir trainieren jeden Morgen werktags von 10 bis 12 Uhr, nachmittags folgt die zweite Übungseinheit. In den freien Stunden kümmere ich mich um meine Kinder." Der bodenständige Sportler hat seinen Kindheitstraum verwirklicht und sein Hobby zum Beruf gemacht. Sverre ist nicht nur in Großwallstadt beliebt. Spätestens nach dem Gewinn der olympischen Silbermedaille für Island 2008 in Peking verehrt ihn und seine Mannschaftskollegen beinahe sein ganzes Heimatland.

Natürlich gibt es auch Schattenseiten, so wie der Abstieg aus der Eliteklasse. "Aber man muss es in so einer unschönen Situation, wenn es nicht läuft, eben auch wieder schaffen, einen Weg zu seiner Form zu finden. Ein großer Druck sowie eine gewisse Erwartungshaltung sind immer vorhanden." Das sei oft nicht leicht.

"Genauso", ist er überzeugt, "wie anderen Berufstätigen fällt es dem Handballprofi gleich schwer, sich jeden Tag aufs Neue zu motivieren." Im Handball gibt es kein Einkommen ohne Sponsoren oder positive Ergebnisse. Fast jedes Wochenende sind die Sportler zu verschiedenen Spielen unterwegs. "Der Verein teilt dir oder deinem Berater sein Interesse ungefähr ein halbes Jahr vor Vertragsende mit." Obwohl Sverre gerne noch eine Spielzeit beim TVG geblieben wäre, sei er trotzdem mit der Entscheidung des Vereins einverstanden gewesen. "Ich durfte viele tolle Erfahrungen hier in Deutschland sammeln. Ich bin einfach nur glücklich, was ich alles erlebt habe."

Informationen zum Beitrag

Titel
Er lebt seinen Traum
Autor
Andreas Keck
Schule
Friedrich-Dessauer-Gymnasium , Aschaffenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2014, Nr. 196, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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