Auf japanischen Pantoffeln durch die Burg im Münsterland

Degenhard Freiherr von Twickel führt durch Haus Hameren. Er und seine japanische Frau Nobuyo haben die Wasserburg renoviert. Mehr als 100 Fenster und das Specklagenmauerwerk müssen instand gehalten werden.

Eine Glocke kündet die volle Stunde an, trotz der nahe gelegenen Straße ist im Salon kein Lärm zu hören. Auf Haus Hameren, einer historischen Wasserburg nahe der Kleinstadt Billerbeck im westlichen Münsterland, scheint die Zeit stillzustehen. Seit 1992 wohnt Degenhard Freiherr von Twickel zusammen mit seiner Frau in den alten Gemäuern, zuvor wohnten sie seiner Arbeit wegen in Bonn und Münster. "Ich bin selbst in einem großen Herrenhaus aufgewachsen, deshalb fühle ich mich hier sehr wohl. Das Haus hat etwas Lebendiges, es hat Seele und Charakter", erzählt der 64-Jährige, während seine Frau Nobuyo, eine gebürtige Japanerin, grünen Tee in die Tassen aus feinem Porzellan gießt. Dazu gibt es ein würziges Gebäck aus Japan. Die schwarze Labradorhündin Sola, deren japanischer Name Himmel bedeutet, sitzt auf dem buntgemusterten Teppich und blickt mit treuen, dunklen Augen auf das Gebäck. In schnellem Japanisch redet die schwarzhaarige Frau, die einen pinkfarbenen Pullover trägt, auf die Hündin ein und versucht sie mit Hundeleckerlis zu vertrösten. "Sola wächst zweisprachig auf", erklärt ihr Ehemann und fügt lachend hinzu: "Natürlich mehr passiv als aktiv."

Doch nicht nur die bilinguale Erziehung der sechsjährigen Hündin, sondern viele Details im ganzen Haus weisen auf den Einfluss der japanischen Kultur hin. Neben einem Kronleuchter, einem glänzenden, schwarzen Flügel und alten Möbeln aus dunklem Holz entdeckt der Besucher im Salon eine japanische Puppe und ein Bild, das kontrastreich die dunklen Äste eines Baumes vor einem hellen Himmel darstellt. "Dieses Bild ist ein Geschenk der japanischen Künstlerin Hidaka, einer Freundin meiner Frau, die sich mit dem Thema ,durch einen Baum zum Himmel schauen' beschäftigt", erläutert der Hausherr. Auch aus den großen Fenstern im umgebauten, japanisch neugestalteten Teil der Burg, in dem das Ehepaar wohnt, blickt man durch das verzweigte Laubwerk in den blauen Himmel. In diesem Teil der Burg dürfen keine Straßenschuhe getragen werden, dafür gibt es viele buntgemusterte japanische Pantoffeln, die für private Gäste in einem kleinen Regal bereitstehen. Im Türrahmen hängen japanische Schriftzeichen, und eine Tür mit milchigem Glas hinter einem Holzgitter erinnert an traditionelle, papierbespannte Schiebetüren.

In den anderen Bereichen des Hauses ist die lange Geschichte der Burg, deren älteste Mauern aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammen, zu spüren. Der Saal, der einst als Wohnzimmer für eine große Familie diente, beeindruckt durch die Holztäfelung aus dem Jahr 1880, detailliert verzierte Tische aus poliertem Holz, gut erhaltene Polstermöbel und Ahnengemälde an den Wänden. Heute wird dieser Raum nur für größere Veranstaltungen wie Familienfeste genutzt. "Die Räume und die alten Möbel brauchen viel Aufmerksamkeit und Pflege", sagt Frau von Twickel. "Man darf nicht schummeln, sondern muss sich wirklich Zeit nehmen. Jeder Sessel ist einzigartig und sehr sensibel. Heute sind die Menschen weniger als früher gewohnt, darauf Rücksicht zu nehmen. Deshalb sind die modernen Möbel ersetzbar, praktisch und robust. Hier leben die alten Traditionen weiter und wirken sich positiv auf die Menschen aus", sagt die 61-Jährige, die vor 28 Jahren nach Deutschland kam.

Ihren Ehemann lernte sie in einem überfüllten Intercity Richtung Stuttgart kennen. Beide waren an unterschiedlichen Orten eingestiegen und hatten unterschiedliche Ziele. Als Herr von Twickel einem älteren Österreicher dabei helfen wollte, dessen Platz wiederzufinden, bat er seine Sitznachbarin, den Platz neben sich frei zu halten. Nachdem das Problem des Österreichers gelöst war, kam der Baron mit seiner Sitznachbarin ins Gespräch, damals noch auf Englisch. "Und bis heute hält meine Frau den Platz neben sich für mich frei", beendet Herr von Twickel die kleine Geschichte.

Dass das Paar seit seinem Einzug viel Liebe, Zeit und Geld in das Anwesen investiert hat, ist unübersehbar. Alle Räume sind heute bewohnbar, auch wenn die meisten nur extensiv genutzt werden. "Vor unserem Einzug waren einige Zimmer nur als Abstellkammer nutzbar, da sie nicht beheizt wurden. Jetzt haben wir Heizungen eingebaut und zugemauerte Kamine wieder geöffnet", erklärt der Hausherr und zeigt auf einen alten Kamin, über dem eine Steintafel mit sechs Familienwappen und lateinischer Inschrift hängt, die das Jahr 1549 als Baujahr ausweist. Auch das runde Turmzimmer, das Herrn von Twickel während seiner Tätigkeit als Richter als Arbeitszimmer diente, lässt keinen Zweifel an der Mühe aufkommen, die in die einzelnen Räume investiert wurden. Durch ein großes Fenster fällt Sonnenlicht auf den antiken Schreibtisch, an den weißgestrichenen Wänden reihen sich in Regalen die roten Gesetzessammlungen des Barons, der bis vor einigen Monaten noch am Bundesfinanzhof in München tätig war.

Vom Fenster aus ist die kleine, neugotisch umgestaltete Kapelle zu sehen, die durch Renovierungen wieder neuen Glanz erhalten hat. "Als wir nach Haus Hameren kamen, war sie einsturzgefährdet, überall waren Risse", sagt der Freiherr auf dem Weg zur Kapelle. Es riecht nach frischgemähtem Gras, und in den hohen Bäumen ist das leise Rauschen des Windes zu hören. Die Hündin Sola jagt über die Wiesen, bis sie von ihrem Herrn zurückgerufen wird und er die St.-Anna-Kapelle betritt. Durch die bunten Kirchenfenster fällt viel Licht in das Gemäuer aus Sandstein, dessen Ursprung auf das Jahr 1493 zurückgeht. Auf dem hellen Boden sind zwei Steinplatten mit den Namen einer Urtante des Barons und ihres Ehemannes zu erkennen. "Unter der Kapelle befindet sich eine kleine Gruft, in der die Särge meiner twickelschen Vorfahren stehen", verrät er.

Gegenüber der Kapelle befindet sich ein mittelalterlicher Turmspeicher, und der vor 1600 gebaute Rundturm, in dem sich das ehemalige Büro befindet, ist wieder zu sehen. Von außen beeindruckt er durch das Specklagenmauerwerk, das seinen Namen seinem Aussehen verdankt, da die sich abwechselnden Schichten aus roten und hellen Ziegeln an Schinken und Speck erinnern. Geht man um den Turm herum, erkennt man in den ältesten Mauern der Burg noch Schießscharten für Pfeil und Bogen.

"Es ist ein großer Aufwand, ein solches Anwesen zu erhalten, und es ist immer etwas zu tun", sagt der Baron, der sich für den Gang um das Haus einen dunkelgrünen Hut aufgesetzt hat, passend zum in Grün- und Brauntönen gehaltenen Hemd, Pullover und der dunklen Cordhose. Die Kosten für alle Reparaturen und Restaurationen seien in seiner Zeit bisher insgesamt höher gewesen als die Gewinne aus Forst- und Landwirtschaft. Das Gelände, das zu Haus Hameren gehört, umfasst 280 Hektar, davon 100 Hektar Wald und 150 Hektar Acker. Die Haupteinnahmequelle des landwirtschaftlichen Betriebs sind die Putenställe, die er auf einer Luftaufnahme des Geländes zeigt, die in einem der Büros der Verwaltung im Erdgeschoss des Hauptgebäudes hängt.

"Die über 100 Fenster müssen immer wieder neu gestrichen werden, und wenn Fenster ausgetauscht werden, dürfen es keine Kunststofffenster sein", erklärt er. Denn alle Baumaßnahmen, die an dem seit den siebziger Jahren unter Denkmalschutz stehenden Anwesen durchgeführt werden, müssen vom Westfälischen Amt für Denkmalpflege abgenommen werden. Manche Denkmalbesitzer ständen mit dem Amt auf Kriegsfuß. Doch seine Frau und er hatten bis jetzt noch nie Probleme bei Umbaumaßnahmen. "Das Haus ist wie die Musik", empfindet die Baronin, die in Tokio Gesang studiert hat. "Erst wenn man die Form erkannt und verstanden hat, kann man selbst Neues hinzufügen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf japanischen Pantoffeln durch die Burg im Münsterland
Autor
Helena Schäfer
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2014, Nr. 202, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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