Weihnachten ist für die Schwäbin kaum auszuhalten

Eine Lautsprecherstimme verkündet die Landung der Delta 116 aus Atlanta, die vor zehn Minuten sicher den Stuttgarter Boden erreicht hat. "Ich kann sie sehen. Ganz in Rosa ist sie heute. Sie sieht gut aus, wie immer." Isolde Eberle fährt sich durch die grauen Locken und strahlt. Angekommen in Deutschland ist ihre 61-jährige Schwester, die vor 43 Jahren nach Amerika ausgewandert ist. Seit zehn Jahren wartet man jedes Jahr einmal auf ihr vertrautes Gesicht am Flughafen, wenn sie drei Wochen in der schwäbischen Heimat im Haus ihrer Schwester verbringen wird. Dieses Jahr trifft sie im quietschpinken Reisekostüm ein.

Sigrid Patrie, mit kurzen, blondgefärbten Haaren im bequemen T-Shirt im Haus der Schwester in Böbingen sitzend, hat sich Anfang der siebziger Jahre in einen amerikanischen Soldaten verliebt, der auf dem Hardt in Schwäbisch Gmünd stationiert war. "Damals war ich erst 19 Jahre alt, aber ich war jung und verliebt und wollte etwas Neues sehen. Ich kannte Amerika ja nur aus den Westernfilmen, aber ich hatte zu viele gesehen." Also zog sie mit ihm auf den anderen Kontinent, die Distanz zwischen dem neuen und dem alten Wohnort betrug über 7000 Kilometer. "Ich kam mir vor wie in der dritten Welt, als ich zum ersten Mal aus dem Flugzeug stieg. Erst vor Ort wurde mir bewusst, dass es in den Südstaaten rein gar nicht so aussah wie im Wilden Westen." Am Anfang wohnt sie fünf Wochen im Haus der Eltern ihres Mannes abgeschieden in einer ländlichen Gegend in Alabama fern jeglicher Zivilisation. Nach dieser Zeit kauft sich das junge Ehepaar einen Trailer, eine Art feststehendes Mobilheim, das sie auf dem Grundstück ihrer Schwiegereltern bewohnen. Mit ihrer ersten großen Liebe ist Patrie nicht mehr zusammen, doch lebt sie seit mehr als 40 Jahren in den Staaten. "Er verbot mir zu arbeiten, gegen den Führerschein war er auch, im südlichen Amerika wurde damals auf Bildung bei Mädchen nicht so viel Wert gelegt. So war ich abgeschnitten von der Außenwelt, hatte nur meine Hunde und Katzen." Aber sie lernt, sich durchzusetzen, bringt sich die Sprache anhand von Fernseher und Romanen bei. Als gelernte Goldschmiedin findet sie eine Stelle und meldet sich für den Führerschein an, der damals nur 20 Dollar kostete. Das Nächste, was die nach Unabhängigkeit Strebende verwirklicht, ist ein eigener Laden, in dem sie Reparaturen an Uhren und Schmuckstücken ausführt. "Durch diesen Beruf habe ich viele Bekannte gefunden und Leute, die mir das Leben in den Staaten um einiges erleichtert haben. "Ich fühlte mich dann nicht mehr verlassen und allein wie am Anfang."

Sie trennt sich kurze Zeit später von ihrem Mann, der ihren Erfolg nicht verkraftet habe. Ihre fanatische Tierliebe ist dagegen geblieben. Sie hat 17 Katzen und vier Hunde. "Das ist der Vorteil, wenn man in Amerika wohnt, alles ist offener, freier. Man kann in Fort Payne bauen, wie man will." So besitzt die Emigrantin 32 Hektar Wald und ein stabiles Balkenhaus. "In Deutschland könnte ich nie so viele Tiere halten, ich habe einfach unbegrenzt Platz." Regelmäßig werden verletzte "Kitties" in Kartons vor ihrem Laden abgestellt, die sie gesund pflegt und an neue Besitzer weitergibt.

Trotz allem überlegt sie, sich wieder in ihrem Heimatland niederzulassen. "Je länger ich drüben bin, desto mehr Heimweh habe ich." Die sonst so freundlich strahlenden braunen Augen blicken nachdenklich. "So familiäre Dinge wie Weihnachten sind für mich eigentlich kaum auszuhalten, was komisch ist, weil ich ja so lange schon dort wohne, aber es ist schon so, das wenn ich an Weihnachten das Radio einschalte und sie ,O Tannenbaum' spielen, ich prompt zu heulen anfangen muss." Einerseits wegen der Familie, andererseits weil es vieles in Amerika nicht gibt. "Schwäbisches Essen ist einfach unbezahlbar. Lebkuchen, deutscher Wein oder deutsches Bier war lange Zeit unerschwinglich für mich." Seit es den Aldi in Gadsden 53 Kilometer entfernt von ihrem Wohnort Fort Payne gibt, sei ihre Welt wieder etwas mehr in Ordnung. "Außerdem vermisse ich Verabredungen mit anderen Leuten, sich mit ihnen stundenlang in einem Café zu unterhalten. Die Amerikaner sind zwar freundlicher auf den ersten Eindruck, aber bei denen geht alles nicht so tief. Die Einladungen zum Essen sind meistens Floskeln, die dann nicht eingehalten werden."

Vor einigen Jahren gründete sie deshalb einen "Fossilien-Club". "Wir trafen uns einmal im Monat in einem Restaurant. Aber von dieser Gruppe ist nur noch eine Person übrig geblieben, und das bin ich. Die Letzte ist erst vor zwei Wochen gestorben, da war ich auf der Beerdigung." Ihr Blick gleitet über die Ostalb. "Aber ich bin im Besitz einer Greencard, das lässt mir alle Möglichkeiten offen, auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitze ich noch. Ich glaube, wenn ich in ein paar Jahren in Rente gehe und meinen Laden verkaufe, packe ich meine Sachen und komme wieder zurück in mein Heimatland, weil: Das Einzige, was mich wirklich drüben hält, sind meine Tiere."

Informationen zum Beitrag

Titel
Weihnachten ist für die Schwäbin kaum auszuhalten
Autor
Leonie Riek
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2014, Nr. 202, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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