Nicht mehr der coole Kerl, sondern ein Häufchen Elend

Wie beende ich mein Leben am schnellsten?" Das war Hakans erster Gedanke. "Nein, ich kann ihr jetzt nicht in die Augen schauen", war der zweite. Schnell wischt er aufkommende Tränen weg. Er ist ein harter Kerl, ein Krimineller. "Männer heulen nicht", sagt er. Dem Mann, der aufgrund seiner Größe gerade so durch eine Tür passt, schallen die Worte des Richters oft durch den Kopf. "Vier Jahre und neun Monate wegen Handels mit Heroin." Mit diesem Urteil verändert sich das Leben des 29-jährigen, muskulös gebauten Türken schlagartig, aber auch das seiner drei Jahre jüngeren Frau Ayse. "Ich hatte mir diese Szene so oft vorher vorgestellt, aber erst in diesem Moment, im Gerichtssaal, wurde alles Realität", sagt die hübsche, zierliche Türkin. Vor dieser Zeit war für sie alles in Ordnung. Sie sah einer schönen Zukunft entgegen. "Wir wollten von Berlin und den Problemen dort weg. Sogar eine Wohnung hatten wir gefunden in dem knapp 700 Kilometer entfernten Ludwigshafen. Auch konnte ich dort in meinem Beruf als Hotelfachfrau weiter arbeiten." Doch den Umzug bewältigte sie allein. So wie alles in den kommenden Jahren. Sie war auf sich gestellt, denn ihr Ehemann saß wegen Drogenhandel in der JVA Berlin-Tegel, so wie weitere 1500 männliche, erwachsene Strafgefangene. "Am Anfang war es der reinste Horror. Ich fühlte mich nutzlos, wie Abschaum", sagt Hakan, dessen Zelle 5 Quadratmeter groß gewesen sei. Eine Pritsche, ein Tisch, ein kleiner Fernseher, eine Toilette und ein Waschbecken, sonst nichts. Nach der Verhandlung im Juli 2010 konnte der frischgebackene Ehemann nicht mehr nach Hause. "Obwohl dort alles begann und ich Wedding seit langer Zeit wegen dem Leben dort verfluchte, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als meine Frau an die Hand zu nehmen und heimzugehen." Hakan hatte eine von sozialen Problemen geprägte Vergangenheit. Als er fünf Jahre alt war, 1985, wanderten seine Eltern mit ihm und seinen drei großen Brüdern nach Berlin aus. "Ich konnte kein Wort Deutsch, es hieß immer nur, in Deutschland sei das Leben besser." Er wurde spät eingeschult, besuchte eine Hauptschule, zum Unterricht erschien er kaum. "Ich hatte kein Bock, mein Deutsch war schlecht, und ich hatte eh nur türkische Kumpels. Abhängen war gechillter."

Heute ist kaum noch ein Akzent zu hören. "Ich war so um die 14 Jahre, als ich auf die komplett falsche Bahn geriet." Erst konsumierte der Heranwachsende Alkohol und Zigaretten, um cool zu sein, später kamen Joints dazu. "Als auch diese den Kick nicht mehr brachten, kam härteres Zeug dazu. Ich wurde süchtig." Er erinnert sich nicht gerne an diese Zeit. Mitte April kommt Ayse von ihrer Arbeit nach Hause. Sie ist erschöpft, denn sie macht viele Überstunden, damit sie sich und ihren Mann über die Runden bringen kann. Der ist seit Monaten arbeitslos. Ein drei viertel Jahr zuvor hat sie ihn kennengelernt. Seitdem lebt er bei ihr, aus seiner alten Wohnung ist er rausgeflogen. "Ich kam heim, und Hakan war nicht da. Eigentlich keine ungewöhnliche Situation, aber als er auch die Nacht nicht heimkam, fing ich an, mir Sorgen zu machen." Gegen neun Uhr ruft die Polizei an. "Man sagte mir keine Einzelheiten, nur dass meinen Mann am Vortag verhaftet wurde und er mich dringend sprechen wolle. Außerdem sollte ich noch Kleidung von ihm mitbringen." Die junge Frau ist schockiert. Sie weiß von Hakans Vergangenheit, denkt, er hätte diese hinter sich gelassen, seit er bei ihr ist. Sie versteht die Welt nicht mehr. "Ich war wütend, enttäuscht, verwirrt, ängstlich, irgendwie alles zusammen." Inzwischen saß er schon in Untersuchungshaft. "Ich war so dumm, ich hätte mich niemals auf diese Sache einlassen dürfen." Heute bereut der Türke alles, was am Tag seiner Verhaftung geschah. Ein Kumpel hatte einen Auftrag erhalten, Heroin zu verkaufen. Er berichtete Hakan von dem Gewinn, den er dabei machen würde. Hakan hatte seiner Frau versprochen, keine Drogen mehr zu nehmen, nicht aber, keine zu verkaufen. Er und sein Freund teilten sich den Auftrag. "Ich dachte, das eine Mal wird's ja noch mal gutgehen. Von dem Geld könnte ich meiner Frau endlich mal wieder Gutes tun. Sie hätte neue Klamotten bekommen, wir wären ins Kino gegangen, und ich hätte sie zum Essen eingeladen." Es gab an die Polizei einen Hinweis. Bei der Übergabe werden die beiden gestellt. "Ich dachte nur: "Scheiße, was geht jetzt ab! Wir wollten fliehen, doch keine Chance." Als Ayse am nächsten Tag das Polizeipräsidium betrat, ging es ihr sehr schlecht. "Es war wie Trance, sie durchsuchten mich, dann wurde ich verhört. Sie wollten alles über den Alltag meines Manns wissen, aber ich konnte ihnen nicht viel sagen." Anschließend durfte sie ihren Mann sehen. Das habe sie einander "sehr nahe gebracht". Beide weinten. "Anschuldigungen hätten nichts gebracht. Es war sowieso zu spät." Ayse besuchte Hakan, sooft es ging. Ansonsten ging sie arbeiten und bereitete den Umzug vor. Sie verdrängt, so gut es geht, dass ihr Mann höchstwahrscheinlich die nächste Zeit nicht heimkommen wird. Am Morgen vor der Verhandlung musste sie sich übergeben. Ayse funktionierte nur. "Er war nicht mehr der coole Kerl, sondern ein Häufchen Elend. Er hat mir nicht in die Augen sehen können. Ich glaube, er schämte sich." Die nächsten fünf Jahre waren die längsten seines Lebens für ihn. "Wenn man sich benimmt, ist es gar nicht so schlimm. Am Anfang natürlich schon. Ich bekam einen Job in der Metallwerkstatt, dadurch wurde ich abgelenkt." In diese Werkstatt ging er täglich, außer an Wochenenden. Er erarbeitete sich ein kleines Taschengeld, kaufte Zigaretten und kleine Geschenke. Ayse besuchte ihren Mann einmal im Monat, später, als sie in Ludwigshafen wohnt, alle drei Monate. "Wir hatten eine Stunde, und ich erzählte ihm alles, vom Umzug, dem Ort und was sonst so passierte." Erst empfand er es als schlimm, zu hören, wie das Leben draußen ohne ihn weiterging. Aber mit der Zeit wurde er stolz auf seine Frau. "Sie meisterte alles allein, und in Gedanken war ich immer bei ihr. Sie brachte bei jedem Besuch ein Stück Freiheit mit." Nach knapp fünf Jahren wurde er entlassen. "Ab dem Moment, in dem ich meine Frau nach vier Jahren und neun Monaten das erste Mal in Freiheit in die Arme schloss, konnte es nur noch perfekt werden", erinnert er sich. Heute hat er bei einem Autohändler Arbeit gefunden (die Namen des Paars sind geändert)

Informationen zum Beitrag

Titel
Nicht mehr der coole Kerl, sondern ein Häufchen Elend
Autor
Rahel Kunzler, Trifels-Gymnasium, Annweiler
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2010, Nr. 286 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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