Der Mann aus Venezuela

Wo führt das wohl hin?" Das wird sich die 22-jährige Jennifer Rivas Castillo in den vergangenen Jahren oft gefragt haben, nachdem sie begann, mit ihrem heutigen Ehemann Asdrubal Daniel Rivas Castillo aus Venezuela zu chatten. Als er 2010 zufälligerweise auf das Facebookprofil der damals 18-jährigen Blondine stieß, war er begeistert und stellte ihr eine Freundschaftsanfrage. Das weckte bei Jennifer Neugier. "Es war mal was anderes, und immerhin kommt er nicht aus so einem Kaff", dachte sie. Damals lernte Jennifer am Technischen Gymnasium in Schwäbisch Gmünd das erste Jahr Spanisch, das reichte für einen Smalltalk. "Eine Internetbeziehung mit jemandem aus Venezuela zu führen hat durchaus seine Vorteile", sagt sie. "So schickte ich ihm oft meine Spanischhausaufgaben, von denen mein Lehrer total begeistert war."

Der damals 20-jährige Südamerikaner stammt aus Maturín, der Landeshauptstadt des Bundesstaates Monagas, seine Frau aus Lorch, einer 11 000-Seelen-Stadt 40 Kilometer östlich von Stuttgart. Unterschiedlicher können Gegensätze kaum sein, trotzdem begann eine Liebesgeschichte der etwas anderen Art mit dem Austausch der Handynummern. Mehr als zwei Jahre lang ging der Kontakt über Facebook, Skype oder SMS, was zur Folge hatte, dass beide ständig ihr Handyguthaben aufladen mussten, beklagt der etwas schüchtern wirkende Venezolaner. Im April 2012, zwei Jahre nach dem ersten Mailaustausch, brach der Kontakt einige Monate ab. In dieser Zeit hatten beide feste Beziehungen. Als diese in die Brüche gingen, schrieben sie sich wieder und wollten sich endlich im realen Leben sehen.

Jennis Mutter war von diesen Plänen wenig begeistert und verbot ihrer Tochter, nach Venezuela zu fliegen. So musste Asdrubal das Risiko eingehen und ins ferne, kalte Deutschland reisen. Für den Venezolaner war das keine leichte Entscheidung. Er wollte nicht auswandern. Er sei ein Patriot, sagt er von sich. Das führte zu Streitereien übers Handy. "Man mag es sich kaum vorstellen können, aber ja, es geht, auch wenn man knapp 8000 Kilometer voneinander entfernt ist, kann man durchaus Streit haben", betont Jennifer, die heute stolz auf ihren Mann ist. "Er verabschiedet sich von seiner Familie und Menschen, die ihm wichtig sind, fliegt um den halben Globus, und das nur, um jemanden zu treffen, dessen Macken er gar nicht kennt."

Ihre erste wirkliche Begegnung erfolgte in Stuttgart. "Es war eine ganz komische Situation, denn am Terminal des Flugs aus Caracas standen nur schwarzhaarige Venezolaner. Ich hatte Angst, ihn gar nicht zu erkennen. Als ich ihn sah, war ich voller Freude und umarmte ihn, er schaute ganz erschrocken, sodass ich dachte, ich hätte den Falschen umarmt." Zu ihrer Verwunderung musste sie sich eingestehen, dass er ganz schön klein war und sie sich ihn größer vorgestellt hatte. "Wenn man jemanden jahrelang nur aus Facebook kennt und über Skype sieht, hat man ein anderes Bild, das nicht unbedingt der Wahrheit entspricht", sagt Rivas Castillo, der damals drei Wochen bei Jennis Familie blieb. Sein erstes Fazit war, dass Lorch ruhig und schön und die Luft gut sei.

Später reiste er als Überraschungsgast zu Jennis Geburtstag an. Ab diesem Moment ging alles schnell. "Eigentlich gab es keinen richtigen Hochzeitsantrag. Es waren die praktischen Gründe. Asdrubal sollte in Deutschland bleiben können", sagt die sympathische Lorcherin. Einen 0815-Antrag mit roten Rosen und auf die Knie gehen habe sie ohnehin nicht gewollt. "Mich kann man mit so einem romantischen Kitsch jagen." Jennis Schwiegermutter war von der Heirat nicht überzeugt, da sie ein negatives, vom Krieg geprägtes Deutschenbild hatte. Jennis Mutter war entspannter: Falls die Ehe scheitert, sei das auch nicht schlimm. Sie arbeitet beim Rechtsanwalt und hat täglich mit Scheidungen zu tun.

Seit der Trauung im Oktober in der Dorfkapelle wohnen sie im elterlichen Haus. Jenni studiert Chemie in Stuttgart, Asdrubal besucht einen Integrationskurs. Später wünschen sie sich maximal zwei Kinder. Wo die beiden ihre Rente verbringen, darüber haben sie sich auch schon Gedanken gemacht: Welcher Ort käme da eher in Frage als das karibische Venezuela?

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Mann aus Venezuela
Autor
Lorenz Rodríguez Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
nkfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2014, Nr. 202, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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