Spitz oder kurz am Gaumen

Wasser ist gleich Wasser. Das schmeckt doch alles gleich." Das ist eine Aussage, mit der sich Arno Steguweit nicht anfreunden kann. Im Gegenteil: Für ihn ist ein Wasser "spitz", das andere "kurz am Gaumen" und ein drittes eventuell "ausgedehnt auf der Zunge". Der 35-Jährige ist Wassersommelier. Als ausgebildeter Sommelier, erhielt Steguweit vor zehn Jahren, als er im Hotel Adlon angefangen hatte, eine Dienstanweisung seines Chefs. "Das Adlon suchte zu diesem Zeitpunkt ein neues Marketing-Tool, um sich von anderen Hotels abzusetzen. Also wurde eine Karte zusammengestellt mit 47 verschiedenen Wassersorten, die natürlich unterschieden werden sollten." Der junge Weinkenner wurde mit dieser Aufgabe betraut und "schmeckte sich rein". Er versuchte, in einer Verkostung mit allen Sorten besondere Aspekte zu finden.

"Das Wasser hat mir dann doch mehr gegeben, als ich anfangs dachte, da es über die Gastronomie hinaus präsent ist", sagt der gebürtige Kölner. "Und mittlerweile erkennt man wirklich große Unterschiede." Er nennt ein französisches Wasser. "Der typische Konsument würde niemals sagen, dass es bitter schmeckt, obwohl dem tatsächlich so ist. Wenn man es nicht glaubt, muss man nur den Vergleichsmoment beachten, das ist das Entscheidende. Im Vergleich mit Leitungswasser schmeckt man am Gaumen deutlich den Unterschied." Anfangs belächelten viele seiner Kollegen den neuen Berufsweg. Dafür war im Gegenzug die Resonanz der Gäste positiv, selbst wenn einige stark überrascht waren. "Es ist logisch, dass ihnen diese Art der Sommelier-Kunst noch unbekannt ist. Die Gäste kommen in schicke Restaurants, weil sie das Beste vom Besten wollen, und wenn dann etwas vollkommen Neues auf eine gute Art erlebt wird, hat man das erreicht."

Später wechselte der Sommelier nach Berlin zum Restaurant Fischers Fritz und in das Hotel Dorint Söl'ring Hof auf Sylt, bevor er sich vor dreieinhalb Jahren selbständig machte. Jetzt wohnt der Vater zweier Kinder in Berlin, ist als Weinhändler tätig und hat sich auf den Online-Handel spezialisiert. "Wenn ein Kunde einen außenstehenden Experten sucht, der ihm seine Meinung zu einem neuen Mineralwasser der jeweiligen Firma gibt, kann man mich beauftragen", erklärt er. Eines ist ihm wichtig: "Ich sage dem Kunden im Voraus bereits, dass wir nur dann ins Geschäft kommen, wenn ich die Wahrheit sagen darf, in Form einer objektiven Beurteilung."

Neben dem Beraten von Firmen wird Arno Steguweit auch hin und wieder von Institutionen gebucht, die das Thema Wasser einmal genauer erklärt bekommen möchten. "Wir haben es geschafft, dass man über das eigentliche Grauthema Wasser jetzt genauer Bescheid weiß. Mir persönlich macht es Spaß, das Ganze mit Verkostungen publik zu machen." In seiner Anfangszeit wurde Steguweit ins Fernsehen zu "Menschen der Woche" eingeladen. Der Titel als "Erster Wassersommelier Europas" wurde ihm von der nationalen Presse kurz nach Beginn seiner neuen Tätigkeit verliehen. "Das habe ich aber nie auf Rechtmäßigkeit überprüft", gibt Steguweit offen zu. Fest steht, dass es in Berlin Nachahmer gibt, die sich die Fertigkeiten zum Thema Wasser auch angeeignet haben. Allerdings gilt das nicht als Beruf, sondern als Zusatzqualifikation, die sich gut in Kombination mit dem "normalen" Sommelier-Beruf macht.

Seine Berufswahl hat Steguweit keinen Tag bereut. "Mir war als eigentlich mittelmäßiger Schüler bei einem längeren Austausch in den Vereinigten Staaten, wo ich auf einmal sehr gute Noten vorzuweisen hatte, klargeworden, dass ich einigermaßen tauge. Nach dem Abitur hab ich mir aber dann gesagt, dass das Studium nicht sein muss." Ernst wird er bei einem anderen Thema. "Uns muss klar sein, dass Wasser ein Lebenselixier ist. Der Korridor zu ihm wird allerdings immer schmaler. Eine irgendwann einsetzende Wasserknappheit wird die Menschen auf diesem Planeten hart treffen. Diese Problematik bewusstzumachen ist wichtig." Favorisiert er ein Wasser? "Mir persönlich schmeckt zum Abendessen eher ein ruhiges, relativ neutrales Wasser. Aber beim Sport ist zum Beispiel ein kerniges besser geeignet, da es den Körper mehr antreibt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Spitz oder kurz am Gaumen
Autor
Maximilian Wanzek
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2014, Nr. 208, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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