Voller Respektlosigkeit

Hügel, ein Teich, ein paar Enten, die umherwatscheln. Zwischen einigen Gebäuden aus rotem Stein ist ein rautenförmiger Platz angelegt, in dessen Mitte Bäume stehen. Man kann sich auf Steinbänke setzen und weitere Bäume betrachten. Die parkähnliche Idylle kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um einen ernsten Ort handelt, die Jugendstrafanstalt Schifferstadt. "Es haben sich schon einige Leute daran angestoßen, dass das Gelände so schön aussieht", sagt Gerhard Brill, der stellvertretender, Anstaltsleiter. "Doch das hat schon seinen Zweck, denn die Inhaftierten müssen die Anlage auch gemeinsam pflegen. Es ist also ein sozialer Aspekt dabei vorhanden." Der Psychologe betont: "Auch beim vielfältigen Sportangebot sollen die Leute nicht denken, dass die Gefangenen hier nur Spaß haben sollen, denn auch beim Sport werden soziale Kompetenzen gefördert. Man soll sich an Regeln halten, kann fair spielen, seine Selbstbeherrschung trainieren, sich untereinander absprechen, sich anstrengen und lernt so dadurch." Paul nutzt dieses Angebot. Er ist ganz locker in Jogginghose und Pulli gekleidet. Der Inhaftierte, der eher klein und kräftig ist, hat mittelkurze, gegelte Haare. "Hier ist es viel besser, als ich mir es vorgestellt habe. Man hat zum Beispiel genug Zeit, um Sport zu machen", erzählt er, der regelmäßig Fußball, aber auch Basketball oder Tischtennis spielt. "Auch die Beamten sind eigentlich ganz nett, aber die vielen Kontrollen nerven auf Dauer schon etwas", gibt der junge Mann zu, der noch keine berufliche Ausbildung hinter sich hat. Außerhalb der Anstalt hatte er, der wegen Körperverletzung inhaftiert ist, viel Kontakt mit Gewalt, doch mittlerweile hat sich einiges bei ihm geändert, denn er hat am Courage-Training teilgenommen. Er ist durch einen Aushang darauf aufmerksam geworden, und da er sonst in dieser Zeit nur in seiner Zelle gesessen hätte, ist er auf das Angebot eingegangen.

Das Courage-Training wird vom evangelischen Pfarrer der Anstalt, Jürgen Mock-Böhringer, angeboten und hat die Stärkung des Selbstwertgefühles zum Ziel. Dadurch sollen die Teilnehmer lernen, Konflikte konstruktiv und friedfertig zu lösen, anstatt sofort Gewalt anzuwenden. Das Training findet wöchentlich statt, insgesamt sechsmal, wobei jede Sitzung anderthalb bis zwei Stunden dauert. Das Lernen erfolgt teils spielerisch, teils aber auch durch Gespräche, in denen jeder von sich und seinem Umgang mit Gewalt erzählen kann. "Ich finde es schon hilfreich, was man da lernt", sagt Paul. "Man kann es auch schon im Vollzug anwenden, aber eigentlich ist es ja für außerhalb gedacht." Er möchte sich in Zukunft nicht mehr so häufig in Schlägereien verwickeln lassen und findet, dass er früher keine Grenze gesehen und manchmal zu voreilig Gewalt angewendet hat. "Hier war ich in noch keine Schlägerei verwickelt", sagt er fast ein wenig stolz. Generell gebe es zwar viel Aggressivität, vor allem beim Sport, aber jeder wolle ja eigentlich so schnell wie möglich wieder raus, wofür man sich gut benehmen müsse, und deswegen gebe es eher selten Gewalt unter Inhaftierten. "Wenn man bei einer Schlägerei mitgemacht hat, kann man in eine besondere Zelle kommen, darf diese dann nur einmal täglich eine Stunde lang verlassen und hat selbst dann noch Handschellen an." Ein Disziplinarverfahren wird immer gegen einen Gefangenen, der Gewalt anwendet, eingeleitet. In besonders schweren Fällen werden sogenannte "Besondere Sicherungsmaßnahmen" angeordnet.

Die Einleitung der Disziplinarverfahren fällt in den Aufgabenbereich der Wohngruppenleiter; bei Untersuchungsgefangenen müssen die Maßnahmen von Brill beim Gericht beantragt werden. Er weiß, dass viele Straftäter meistens schon im Elternhaus mit Gewalt konfrontiert werden. "Wenn jemand schon als Kind Respektlosigkeit am eigenen Körper erfahren hat, wie soll er ein Gefühl dafür entwickeln, dass er den Körper anderer respektieren muss?", fragt der Psychologe. Die Behandlungsmaßnahmen wie die Straftatbearbeitung, das Anti-Aggressivitäts-Training oder Courage-Training seien notwendig, vor allem weil hier rund 40 Prozent der Gefangenen wegen eines Deliktes sind, bei dem Gewalt im Spiel war. Brill hofft, dass die Behandlungsmaßnahmen die erhoffte Wirkung erzielen. Damit würde Straftaten vorgebeugt, was sowohl weniger rückfällige Täter als auch weniger Opfer zur Folge hätte. "Manchmal kommt der Vorwurf, dass wir zwar Angebote für die Täter haben, aber wir nicht an die Opfer denken würden", sagt Brill. Doch wenn die Anzahl der Gewaltstraftaten reduziert würde, gebe es ebenso weniger Opfer. Paul möchte nach seiner Haft eine Ausbildung anfangen. Aufgrund seines guten Benehmens hat er auch schon Lockerungen im Strafvollzug erhalten, das heißt, er darf an einem Wochenende im Monat für wenige Stunden heraus aus der JSA. Diese Zeit verbringt er dann vor allem mit seiner Familie.

Informationen zum Beitrag

Titel
Voller Respektlosigkeit
Autor
Jannis Klein. Paul-von-Denis-Schulzentrum, Schifferstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2010, Nr. 286 / Seite N6
Projekt
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