Nachmittage mit Sisyphos

Wenn ihre Mitschüler freitagmittags schulfrei haben, ist für Kristina Schulz und vier andere Schüler der Stufe 11 aus Münster erst die Hälfte des Schultages vorbei. Die fünf nehmen am schulübergreifenden Altgriechischkurs teil, der freitags von 15.40 Uhr bis 18.40 Uhr am Schillergymnasium in Münster stattfindet. "Meine Mitschüler denken, ich sei komplett bescheuert, um diese Uhrzeit noch freiwillig Griechisch zu machen, sie haben aber auch Respekt", sagt die 17-Jährige, die das Gymnasium Paulinum besucht. Den anderen Kursmitgliedern geht es nicht anders. Obwohl der Kurs zum regulären Unterricht gehört, wird er in den Stundenplänen nicht berücksichtigt, da die Schüler von vier verschiedenen Schulen kommen. Der für alle passende Termin ist freitags. "Den Termin mag ich nicht", sagt die braunhaarige Kristina, die in ihrer Freizeit tanzt, liest und Klavier spielt. "Für Griechisch musste ich auf keines der Hobbys verzichten, aber es ist schöner, freitags früher zu Hause zu sein. Trotzdem bereue ich es nicht, Griechisch gewählt zu haben."

Der Lehrer ist Uwe Schmidt-Hagemann, der als Ausgleich zum Beruf Marathon läuft. "In den kleinen Gruppen herrscht eine gute Lernathmosphäre, da sich die Schüler wirklich für das Fach interessieren. Es ist zum einen das Interesse an der faszinierenden Sprache selbst, zum anderen sind es aber die in dieser Sprache vermittelten Inhalte und zeitlosen Fragestellungen, die für die Schüler den Anreiz bilden, sich mit diesem heute leider selten gewordenen Fach zu beschäftigen", sagt der 54-Jährige. "Allerdings ist die Zahl der Schüler in Münster wirklich erschreckend gering. In meinen ersten zehn Jahren als Lehrer habe ich in Bochum gearbeitet. Dort gab es zwei Gymnasien mit Griechisch-Kursen. Warum das Interesse an Griechisch hier in der Universitätsstadt geringer ist als im Ruhrgebiet, kann ich mir nicht erklären."

Die fünf lernen an einem Gruppentisch. So können sie sich leicht austauschen. In einem Griechisch-Kurs sieht der Unterricht ähnlich aus, wie in einem Latein-Kurs: Zunächst lernt man die Sprache, dann werden Originalautoren übersetzt. Zuallererst müssen die Schüler natürlich die aus 24 Buchstaben bestehende griechische Schrift lernen. Einige der Buchstaben kannten sie schon, zum Beispiel das Pi aus dem Mathematikunterricht oder das Alpha und das Omega auf der Osterkerze. Gerade hat die Gruppe begonnen, Homers "Odyssee" zu übersetzen. Caroline Lenz mag das Übersetzen besonders: "Das Tolle am Griechischen sind die Regeln, man muss nichts aus dem Gefühl machen wie bei Englisch, alles ist logisch und hat einen Grund. Wenn man die logischen Konstrukte erkannt und verstanden hat, ist es nicht mehr schwierig." Die 16-Jährige, die das Kardinal-von-Galen-Gymnasium besucht, liest in ihrer Freizeit gerne, guckt Filme, trifft sich mit Freunden, geht shoppen oder kocht. Ihre Lieblingsfächer sind Mathe und Latein. "Ich war ein Riesenfan von Latein, ich habe Griechisch gewählt, weil ich wusste, dass es so ähnlich ist, und deswegen dachte ich, dass mir das Fach gefallen würde."

Auch bei Uwe Schmidt-Hagemann war es in seiner Schulzeit die Begeisterung für die Sprache, die ihn dazu bewog, Griechisch zu studieren, obwohl ihm sein Griechisch-Lehrer deutlich davon abriet: "Im Nachhinein hatte er auch recht, die Berufsaussichten für Lehrer waren zu der damaligen Zeit schlimmer als katastrophal, auch mit der Fächerkombination Latein und Griechisch." Schmidt-Hagemann hatte Glück und bekam eine Stelle in Bochum, wo er zehn Jahre unterrichtete. Dann klappte es mit der Versetzung nach Münster, wo er seit seinem Studium mit seiner Familie lebt. Zwischendurch sprechen die Schüler immer wieder über Sachthemen, häufig geht es dabei um philosophische Ansichten. "Der Griechischunterricht geht immer über das Fach hinaus und behandelt auch andere Wissenschaftsbereiche. Es finden sich immer Berührungspunkte mit anderen Fächern, auch solchen, bei denen man es eigentlich nicht erwarten würde: Die Schlacht bei Marathon zum Beispiel konfrontiert mit dem antiken Marathonläufer und spannt den Bogen zu der heutigen olympischen Disziplin. Die ionischen Naturphilosophen befassten sich bereits in der Antike mit Fragestellungen der heutigen Naturwissenschaften", sagt Uwe Schmidt-Hagemann und schwärmt: Wer Griechisch gelernt hat, der weiß, was ein Atom ist (atomos, unteilbar) und dass der erste Marathonläufer der Geschichte von Marathon nach Athen gelaufen ist, um dort den Sieg über die Perser zu verkünden. "Wer Griechisch lernt, der wird sich bewusst, wie sehr unsere Gegenwart, ohne dass wir es merken, durch die Antike geprägt ist", bekräftigt der Lehrer.

Besonders die Diskussionen gefallen Aurelius Thoß vom Wilhelm-Hittorf-Gymnasium: "Das Besondere am Griechischunterricht ist die Verbindung mit unserer Kultur, deren Wurzeln in der antiken griechischen Kultur liegen. Vorher habe ich mich auch schon mit Sagen und Dramen des klassischen Altertums beschäftigt, von Ödipus bis Sisyphos." Das Lernen der Vokabeln und der Grammatik mag der 17-jährige weniger: "Das ist mit der Zeit anstrengend."

Einmal im Quartal schreiben die Schüler eine Klausur, sie besteht aus einem Übersetzungs- und einem Interpretationsteil. Um die Klausuren nicht abends schreiben zu müssen, liegen sie oft am Samstagvormittag. Den meisten gefällt der Termin nicht. Nach eineinhalb Stunden Unterricht gibt es eine zwanzigminütige Pause. Dann gehen die Schüler in die Eingangshalle oder besuchen den nahen Supermarkt und besorgen sich eine Stärkung.

Das Ziel der Schüler ist es, nach drei Jahren Griechischunterricht in der Oberstufe das Graecum zu erwerben. Dazu müssen sie Griechisch entweder als drittes oder viertes Abiturfach haben oder eine zusätzliche Prüfung absolvieren. "Heutzutage braucht man das Graecum nur noch für wenige Dinge, um beispielsweise Latein oder Theologie zu studieren. Trotzdem ist das Lernen des Griechischen für alle Schüler aufgrund der vielfältigen Inhalte sinnvoll. Griechisch ist zwar vordergründig ein Sprachfach, es erhält seine gymnasiale Berechtigung in der heutigen Zeit aber vor allem als Kulturfach. Die Antworten, die die Griechen früher einmal gegeben haben, sind auch heute noch relevant und können zu intensiver Diskussion anregen", sagt Schmidt-Hagemann, der seit 25 Jahren Griechischlehrer ist. Den Schülern hat der Unterricht in anderen Fächern schon einige Male Vorteile verschafft: "Man kann sich griechische Fremdwörter herleiten und so viele Dinge besser verstehen", sagt Kristina. Und wenn in Deutsch oder Latein philosophische Richtungen durchgenommen werden, wissen die fünf Schüler meist schon Bescheid.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nachmittage mit Sisyphos
Autor
Johanna Büning
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2014, Nr. 214, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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