"Die akrobatischste Sprache der Welt"

Agram, der deutsche Name von Zagreb, ist heute kaum noch bekannt. Zu diesem Namen erzählte man sich viele Jahre diesen Witz in österreichischem Deutsch: "Wie heißt die leichteste Stadt der Welt? A Gramm!" Zwar wird "Agramer Deutsch" heute kaum noch gesprochen, obwohl Wörter wie "frustuk", "butabrot", "flasa", "cvikeri", "auspuh" und viele andere in der Zagreber Alltagssprache noch immer gebräuchlich sind. Doch Deutsch hat heute großes Gewicht in der kroatischen Hauptstadt, denn vor allem das Interesse an deutscher Literatur ist noch immer groß. Am germanistischen Institut der Universität Zagreb arbeiten international bekannte Wissenschaftler.

Von ihnen ist Viktor Zmegac der Größte. Das hört der bescheidene Germanist überhaupt nicht gerne, doch es ist nicht zu übersehen. Wenn er sein Büro betritt, muss er fast den Kopf einziehen, um nicht am Türbalken anzustoßen. Der leidenschaftliche Fußballfan hätte auch gut eine Karriere als Sportler machen können. Auch heute wirkt der hagere 85-Jährige noch immer erstaunlich fit. Sein Rezept? "Täglich lange, schnelle Spaziergänge. Und nie den Aufzug nehmen!" Das beherzigt er auch, wenn er einmal in der Woche in sein Arbeitszimmer im dritten Stock der Uni kommt. Oben angelangt, wirkt er fitter als manche seiner jungen Studenten.

Zmegac wurde 1929 in Slatina geboren, in der multiethnisch geprägten Region Slawonien im Osten Kroatiens, an der Grenze zu Ungarn und Serbien. Über Jahrhunderte lebten hier auch Tschechen, Juden und Deutsche. Zu Hause sprach man Deutsch, die Mutter war aus Ludwigsburg in der Nähe von Marbach. Seine frühestens Kindheitserinnerungen beziehen sich auf Spiele im Sandkasten, doch auch auf Schach und vierhändiges Klavierspiel. "Aber das Notenlesen war mir eine Qual. Doch wir hatten das große Glück, keine Geldsorgen zu haben. Mein Vater war Arzt." So konnte sich die Familie ein Radio leisten. Zmegac hört begeistert Musik und gerät noch heute darüber ins Schwärmen. Ein weiterer glücklicher Umstand: Zmegac geht mit Boris Kelemen in eine Schulklasse. Er ist der Bruder von Milko Kelemen, der später ein weltbekannter Komponist wird. "Und dann hatte ich das Glück, als Kind eine Bibliothek mit hoher Literatur in der Nähe zu haben. Rezitation deutscher Literatur ist für mich reinste Musik."

In der Schule waren Deutsch und Französisch damals obligatorisch. "Mit Englisch ging nichts, es war interessant, hatte aber keine Tradition." Doch 1941 wurde Französisch von Italienisch abgelöst, das 1943 wieder verschwand. 1945 wurde Deutsch per Dekret verboten. Zmegac lacht: "Aber der Chef der Kommunistischen Partei Kroatiens bestimmte: Deutsch kann weiter gesprochen werden, es ist schließlich die Sprache von Marx und Engels." Ab 1949 setzten sich dann schon Englisch und erneut Deutsch durch. "In diesem Jahr kamen auch schon die ersten deutschen Touristen nach Kroatien. Die fünfziger Jahre waren keine schöne Zeit, aber die neuesten internationalen Filme, auch deutsche, kamen in Originalsprache in die Kinos."

Bald gingen dann die ersten Gastarbeiter in umgekehrter Richtung nach Deutschland. Auch heute lernen in Kroatien wieder viele Menschen aus beruflichen Gründen Deutsch. Eine Enkelin von Zmegac gehört dazu: "Sie träumt davon, als Architektin in Deutschland zu arbeiten."

Zmegac studierte nach dem Abitur Deutsch und Musik in Zagreb und Göttingen. "Durch glückliche Umstände bin ich dann Professor für Literaturgeschichte an der Universität Zagreb geworden." Zmega?, der Deutsch für "die akrobatischste Sprache" hält, ist selbst ein großer Wortakrobat. Er hat internationale Standardwerke zur deutschen Literatur und Musik verfasst, seine Publikationsliste ist seitenlang. Seine Arbeit bringt der Zagreber Germanistik internationale Bedeutung. Alle Germanistik-Professoren in Zagreb sind seine Schüler gewesen. Generationen von Studenten, die ihn "Zmegs" nannten, hat er in seinen Vorlesungen begeistert.

Mirna Zeman, von 1996 bis 1999 seine Studentin, ist heute an der Universität Paderborn tätig. "Ich erinnere mich gut daran, dass die dvorana 7, der größte Hörsaal der Fakultät, bei seinen Vorlesungen immer voll war", sagt sie. "Da die akustischen Bedingungen im Raum nicht die besten waren, bekam Professor Zmegac irgendwann ein kleines Mikrofon und scherzte, er würde sich wie ein Schlagersänger fühlen." Der Vergleich passt, denn viele Studentinnen verehrten ihn so sehr, dass sie in Begleitung zu seinen Vorlesungen kamen. Robert Buric, der heute in Zapresic bei Zagreb lebt, reiste 1989 sogar aus München an, um herauszufinden, von wem seine junge Frau so schwärmte. Begeistert, aber auch erleichtert stellte er fest: "Zmegac ist einfach faszinierend, eine wandelnde Enzyklopädie."

Auch heute noch, 20 Jahre nach seiner Pensionierung, arbeitet Zmegac bis etwa um zwei Uhr in der Nacht, steht gegen elf Uhr auf. Noch immer berät er Studenten, hält Vorträge, besucht Kongresse. Jeden Tag schreibt er eine Seite, jedes Jahr ein Buch, auch zu aktuellen Themen, zum Beispiel "SMS-Essays". Denn Viktor Zmegac ärgert sich: "Das gute Deutsch wird kaputtgemacht. Aber nicht vom Englischen, sondern dadurch, wie Englisch benutzt wird. Es macht mich wahnsinnig, wenn ein Ort nicht mehr Ort, sondern location heißt."

Durch seine Arbeit hatte er einst auch sein privates Glück gefunden. "Ja, meine Frau und ich, es war eine germanistische Liebe. Aber die erotische Anziehung war so groß, dass wir uns auch begegnet wären, wenn wir nicht die gemeinsame Liebe zur Literatur geteilt hätten." Doch dem Glück des Lebens begegnete das Schicksal des Alters. "Meine Frau ist seit Jahren an Alzheimer erkrankt, jetzt lebt sie leider in einem Heim. Ich konnte sie nicht mehr pflegen." Zmegac senkt den Blick, schaut auf seinen Ehering. "Ich besuche sie täglich, aber sie erkennt mich schon lange nicht mehr." Auch deshalb arbeitet der Literaturhistoriker noch täglich weiter: "Beim Schreiben fühle ich mich mit meiner Frau verbunden, denke an die Bücher, die wir gemeinsam gelesen haben." Aber der berühmte Germanist muss auch weiterhin Geld verdienen, die Kosten für die Pflege seien hoch.

Im Rückblick auf sein erfahrungsreiches Leben bringt Zmegac aber ausdrücklich wieder das Glück ins Spiel und hat für Jugendliche einen Rat: "Zwischen den Staaten, die zur EU gehören, gibt es seit fast 70 Jahren keinen Krieg. Nutzt diese Chance. Reist in Europa und lernt euch noch besser kennen. Und gerade in Mitteleuropa reist man noch immer sehr gut mit Deutsch im Gepäck."

Informationen zum Beitrag

Titel
"Die akrobatischste Sprache der Welt"
Autor
Matea Banovic, Sheona Naemi Bell, Lucija Zabjacan
Schule
18. Gymnasium , Zagreb
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2014, Nr. 214, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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