Er fühlt sich eingedeutscht

Ian Owen sitzt am Schreibtisch im gemütlichen Büro seiner Tanzschule, die mitten im Kulturviertel von Wilhelmshaven liegt. Er trägt eine Brille, seine Kleidung ist schlicht, was beim Ballettunterricht praktisch ist. Dass er nach Deutschland gekommen ist, bezeichnet er als ein Schicksal. Es war ein langer Weg, den der 62 Jahre alte Leiter der Tanzakademie am Meer hinter sich gebracht hat. Geboren und aufgewachsen ist er in Wales, bis er mit zwölf Jahren an die Royal Ballett School in London ging. "Ich lernte dort auch schnell, selbständig zu sein." Viereinhalb Jahre blieb er auf dem Internat. Nach weiteren zweieinhalb Jahren auf der Senior School wurde er Profitänzer im Royal Opera House und ging als Solist durch das ganze Land auf Tournee.

Nach einer Rückenverletzung, von der er sich aber erholen konnte, und wegen des sich ständig wiederholenden Repertoires, beschloss der Waliser, sich bei der Royal Academy of Dance als Ballettpädagoge umschulen zu lassen. Nach Stationen in Frankfurt und Bonn kam er schließlich nach München. Von dort aus reiste er 14 Jahre lang als Tänzer einer freien Tanztheatergruppe durch Deutschland, bis er 1986 Inge Stoffers kennenlernte, die ihm das Angebot machte, das Ballettstudio Stoffers in Wilhelmshaven zu übernehmen. Aber weiterzutanzen war zunächst wichtiger für den Briten. Erst elf Jahre später übernahm er die Tanzschule und zog nach Wilhelmshaven. Aus dem Ballettstudio Stoffers wurde die Tanzakademie am Meer.

"Natürlich hatte ich Schwierigkeiten mit der Sprache", berichtet er mit seinem britischen Akzent. Als Owen nach Frankfurt kam, konnte er kein einziges Wort Deutsch. Doch weil er ehrgeizig war, legte er sich ein Sprachkursbuch zu und hatte schon nach einem halben Jahr gute Deutschkenntnisse. Natürlich musste sich der Waliser an viele Sachen gewöhnen, die anders waren als in seiner Heimat. Ihm kam zum Beispiel die Polizei sehr präsent vor, aber auch sehr verschlossen und sie sei immer in eigenen Fahrzeugen unterwegs. In England seien die Polizisten immer durch die Straßen gelaufen und man habe sich mit ihnen unterhalten können. Außerdem fiel ihm auf, dass Engländer schnell über sich selbst lachen könnten und die Deutschen sich damit schwertäten und Angst hätten, etwas Falsches zu sagen. Andererseits gebe es dafür in fast jeder deutschen Stadt ein Theater.

Im Fernseher sah er häufig Filme über den Zweiten Weltkrieg. "Ich sah Deutschland damals als Opfer seiner Vergangenheit." Doch je länger er hier lebte, desto bewusster wurde ihm, dass es wichtig ist, sich mit seiner eigenen Geschichte zu konfrontieren, anstatt sie unter den Teppich zu kehren. In England wurden auch Kriegsfilme gezeigt. Zum Teil seien sie antideutsch, wie er sagt. Deshalb hatte seine in Wales lebende Mutter Schwierigkeiten damit, dass er in Deutschland leben wollte. Auch, weil er dort keine Verwandten hatte. Er selbst sei aber nie jemandem begegnet, der ihm gegenüber rassistische Kommentare geäußert hat. Er habe viel Toleranz erlebt. Auch das deutsche Essen, das seiner Meinung nach gesünder ist als das britische, war für ihn kein Problem. Denn er ist Vegetarier. "Ich denke, ich bin selbst schon sehr eingedeutscht", sagt er lachend.

Informationen zum Beitrag

Titel
Er fühlt sich eingedeutscht
Autor
Maren Kossyk Hernández
Schule
Neues Gymnasium , Wilhelmshaven
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2014, Nr. 214, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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