Kritisch wird es kurz vor der Entlassung

Ein inhaftierter Mann bietet eine ungeheure Projektionsfläche, sagt eine Eheberaterin, die im Gefängnis arbeitet. Heute Nachmittag geh' ich wieder ins Gefängnis!" Obwohl Ina Rücker seit elf Jahren für die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Münster arbeitet, kann sich ihre Familie immer noch darüber amüsieren, wenn sie ankündigt arbeiten zu gehen. Die Psychologin ist dort in der Eheberatung tätig. Da die JVA Münster ein Männergefängnis mit zurzeit 537 Insassen ist, handelt es sich bei den betroffenen Paaren immer um einen Mann, der von "innen", also aus dem Gefängnis kommt, dessen Frau von "außen" nur zu Besuch hier erscheint. Viele Paare sind unsicher und haben Ängste. Die Paarberatung soll helfen, das Leben nach der Entlassung vorzubereiten, erklärt die Mutter von drei Kindern. Dieses Angebot der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum Münster gibt es seit 20 Jahren. Die Gesprächstermine finden in einem Raum statt, der vor dem abgeschlossenen Zellentrakt liegt und auch von Anwälten oder Seelsorgern benutzt wird. Die Einrichtung ist schlicht und besteht aus einem Schrank, Holzstühlen und einem alten Holztisch. Das Paar ist mit der Eheberaterin allein, für sie gilt die Schweigepflicht. Die kleine, zierliche Frau hat keine Angst, mit einem verurteilten Straftäter in einem Raum zu sein, "Ich selber habe da keine Sorge." Die Sicherheitsvorkehrungen seien sehr streng, für den Notfall gibt es einen Sicherungsknopf, von dem sie noch keinen Gebrauch gemacht habe. "In Münster sitzen Erststraftäter, Straftäter, die nicht sehr lange Haftstrafen haben. Häufig geht es um Drogen, Betrug, Raub, Körperverletzung oder Beschaffungskriminalität." Nur in Ausnahmefällen säßen "Gewalttäter" ein. Das Paarberatungsangebot gilt für alle Insassen. Die Termine rechnet man nicht in das normale Besuchskontingent ein, manchmal eine falsch verstandene Chance auf mehr Besuch. Wenn sie das Gefühl hat, dass die Beratungsstunde missbraucht wird, bricht Ina Rücker sie sofort ab. Dennoch ist es ihr wichtig, dass das Paar einen Moment Zeit hat, sich in Ruhe zu begrüßen und zu verabschieden. Seit dem vergangenen Sommer hatte Ina Rücker drei laufende Beratungen. In den meisten Fällen sind es junge Paare, die Interesse an einer Beratung haben.

Häufiger ist es aber der Mann im Gefängnis, der den Wunsch äußert, da er Angst vor dem Verlust der Frau hat. Die Scheidungsrate bei Gefängnisehen zeige keine ungewöhnlichen Auffälligkeiten, sagt Ina Rücker. Es sei ein Trugschluss, dass Paare sich scheiden lassen, weil der Mann im Gefängnis sitzt. Oft sei sogar eher das Gegenteil der Fall, und die Beziehungen festigten sich scheinbar noch. Im Jahr 2009 fanden hier sogar fünf Eheschließungen und drei Taufen statt. Kurz vor der Entlassung kommt es jedoch immer zu einer kritischen Phase, erläutert die dunkelhaarige Frau. "Ein Mann im Gefängnis ist eine ungeheure Projektionsfläche. Man kann in ihn alles hineinsehen, was man will. Man kann einen Mann, der nicht da ist, super gut lieben." Häufig findet ein Briefwechsel statt. Diese Kommunikation trägt zusätzlich dazu bei, dass die Beziehung eine andere Qualität bekommt. So entwickelt sich unter Umständen während der Gefängniszeit eine scheinbar starke Verbindung zwischen den Partnern. Wenn dann aber die Entlassung vor der Tür steht, der Mann wieder nach Hause kommt, entsteht in der Partnerin vielleicht unbewusst Angst vor der Zukunft. Geht es so weiter wie vorher? Der anfänglichen Euphorie nach der Entlassung steht der Alltag mit seinen teilweise schon bekannten Konflikten entgegen, der die Familien schnell wieder einholt. Darauf muss vorbereitet werden. Die Eheberatung wird nach der Entlassung meistens nicht weitergeführt, da die Häftlinge oft aus anderen Städten kommen. Probleme in der Partnerbeziehung gibt es aber selbstverständlich auch während der Gefängniszeit. Das größte Problem stellt oftmals die "Passivität" des Mannes dar, der sich eigentlich um nichts kümmern muss, während die Frau womöglich noch alleinerziehend zu Hause sitzt und mit der schwierigen Situation alleine zurechtkommen muss.

"Männer können sehr schön in ihrer Passivität verharren", erklärt Ina Rücker, die auch Diplompädagogin ist. Männer stellen häufig nicht einmal einen Antrag auf Urlaub, sind schon im Vorfeld überzeugt, keine Bewilligung zu erhalten. Im Gegensatz zu dem "passiven" Mann im Knast fühlt sich seine Frau zu der genau gegenteiligen Rolle gedrängt. Sie ist diejenige, die sich mit den Kindern, Eltern oder auch Behörden zum Beispiel bei einem Antrag auf Hartz VI auseinandersetzen muss. Ina Rücker beschreibt diese Frauen mit dem Wort "busy" und sagt, dass es manchmal so scheint, als wollten sie vor ihren Gefühlen weglaufen. "Ich würde ja gerne was tun, aber ich kann nicht anders", sagen viele Männer, die außerdem das Problem haben, zu ihren Taten zu stehen. An dieser Stelle kann die Beratung helfen. Auch der Mann sollte zum Beispiel mal einen Antrag stellen, egal ob er angenommen wird oder nicht. Die beginnende Aktivität des Partners kann für seine Frau eine wertvolle Stütze bedeuten. Auch ein Analphabet, der sich im Gefängnis weiterbildet, gibt seiner Frau das beruhigende Gefühl, nicht stehen zu bleiben. Und für die Zukunft vorbereitet zu sein. Manchmal stellt sich aber auch die Frage, um welchen Preis eine Beziehung erhalten bleiben soll. Vielen Frauen fällt es schwer, trotz aller Rückschläge einen Schlusspunkt zu setzen. So kommt es zu Äußerungen, wie "Aber ich liebihn doch". "Ich rate nichts, ich berate das Paar", betont Ina Rücker, "das Paar muss selbst merken, was am besten für es ist." Ein wichtiger Aspekt bei der Arbeit sind Prägungen und biografische Hintergründe wie etwa Immigrantenschicksale. "Nicht immer geht es um schwierige soziale Milieus", stellt Ina Rücker klar.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kritisch wird es kurz vor der Entlassung
Autor
Isabel Evels, Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2010, Nr. 286 / Seite N6
Projekt
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