"Er muss verzeihen, aber er darf nie vergessen"

Es gibt den Familiennamen Lustig, und es gibt auch Traurig. Und die Lustigs sind manchmal traurig und die Traurigs manchmal lustig. Was hat der Name mit der Familiengeschichte zu tun?" Branko Lustig kommt entspannt auf seine Besucher zu, so, als ob man sich schon lange kennen würde. Er trägt Jeans, bequeme schwarze Straßenschuhe, einen dunklen Fleece-Pullover, einen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Sein Auftreten verrät nichts von seiner Lebensgeschichte. Der Mann ist 82 Jahre alt. Im Gespräch mit Branko Lustig lauscht man einer sanften, ruhigen Stimme, blickt in ein offenes, einladendes Gesicht, die große Brille vor wachen, aufmerksamen Augen.

Es gibt nicht viele Menschen, die in Hollywood gleich zwei Oscars gewonnen haben. Aus Kroatien ist er der Einzige. Der Anfang seiner Dankesrede 1994, als er als Ko-Produzent von "Schindlers Liste" den ersten "Academy Award" erhalten hatte, rührte viele zu Tränen: "Meine Nummer war A 3317. Ich bin ein Überlebender des Holocaust." Steven Spielberg, der Regisseur und einer der beiden weiteren Produzenten des Films, konnte damals noch sagen: "Bitte lasst nicht zu, dass der Holocaust eine Fußnote der Geschichte wird. Es gibt noch etwa 350 000 Experten, die nur darauf warten, beizutragen und Zeugnis abzulegen." 20 Jahre sind seither vergangen, es gibt immer weniger Menschen, die als überlebende Zeitzeugen vom Holocaust berichten können. Branko Lustig schätzt, dass es heute nur noch etwa 3000 Überlebende von Auschwitz gibt.

2001 erhält Branko Lustig als Produzent von "Gladiator" seinen zweiten Oscar. Zu der Zeit ist er in Kalifornien längst heimisch geworden. Als zehnjähriges Kind war er 1942 aus Kroatien in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt worden. "Meine Muttersprache ist Deutsch, in Osijek im Kindergarten habe ich Deutsch gesprochen. Ich konnte Deutsch, als ich nach Auschwitz kam." Seine Mutter hatte an der Rampe des Vernichtungslagers auf die Frage nach seinem Alter geantwortet: "16." Dieser Lüge verdankte Branko Lustig unmittelbar sein Leben; die meisten Kinder wurden umgehend in den Gaskammern ermordet. Branko Lustig überlebte Auschwitz, überstand danach auch das Lager Bergen-Belsen, aus dem er befreit wurde und wo er auf glückliche Weise wieder mit seiner Mutter zusammenfand. Doch viele Familienmitglieder und Freunde haben nicht überlebt.

Branko Lustig kehrte nach Kroatien zurück, wurde Schauspieler und Filmproduzent, kam nach Hollywood, gewann mehrfach große Preise. Doch mittlerweile hat er sein Anwesen in Los Angeles, "mit Haus und Garten und allem" gegen eine Etagenwohnung im dritten Stock eines Gebäudes im Zentrum von Zagreb getauscht. Mit seiner Frau Mirjana, mit der er seit 44 Jahren verheiratet ist, lebt er seit acht Jahren dort. "Im Erdgeschoss des Hauses war eine Bäckerei. Jetzt haben wir, wie so oft in Stadtwohnungen, leider auch Kakerlaken." Das Geräusch der krabbelnden Tiere schreckt ihn nachts auf, es erinnert ihn an Auschwitz. Noch immer fühlt sich der 82-jährige Überlebende den Millionen Toten verpflichtet und erinnert sich an die, die in Auschwitz vor seinen Augen gestorben sind: "Viele haben gesagt: Vergiss uns nicht! Berichte der Welt, wie wir gestorben sind." Als er Auschwitz verließ, hat er versprochen, die Jugend zu informieren über das, was geschehen ist, damit das Leiden von Millionen Menschen nicht umsonst gewesen ist und damit so etwas nie wieder geschieht. Es ist seine Lebensaufgabe geworden. Dabei will Branko Lustig aber nicht immer die gleichen Fragen zu seiner persönlichen Geschichte beantworten, wie er "Auschwitz erlebt und überlebt" hat. Es erschüttert ihn zu sehr. Deshalb mag er auch Filme wie Roberto Benignis "Das Leben ist schön" überhaupt nicht. Branko Lustig, der im Interview Deutsch spricht, wechselt spontan ins Kroatische, seine Stimme wird laut: "Meiner Meinung nach darf man mit dem Schmerz der Überlebenden keine Scherze machen."

Auch mag er "nicht mehr die Frage hören, was ich nach dem Holocaust von den Deutschen halte: Ich habe nichts gegen die Deutschen. Das waren damals Faschisten, Nazis." Und dann erzählt er von dem jungen Deutschen, der durch Zufall erfuhr, dass sein Vater ein SS-Mann gewesen ist, und dann vor lauter Wut und Enttäuschung den grünen Sessel seines Vaters aus dem Fenster warf. "Kann ich auf den böse sein? Ich habe sehr gute Freunde unter den Deutschen." Auch Volker Schlöndorff, für den Lustig bei der Verfilmung von Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" Regieassistent gewesen ist, gehört dazu. An der Eingangstür des Hauses, in dem Lustig wohnt, steht sein Familienname auf dem Klingelschild, so wie der von allen anderen Bewohnern. Er ist also leicht zu erreichen. Denn er möchte seine Botschaft weitergeben: "Der Mensch darf nicht hassen, er muss verzeihen, aber er darf nie vergessen." Auch deshalb hat er das "Festival der Toleranz - Jüdisches Filmfestival Zagreb" gegründet, das in diesem Jahr zum achten Mal stattfand. Es richtet sich gegen Diskriminierung und Hass auf Minderheiten, gegen Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in der Welt. Bei der Eröffnungsfeier mit vielen, auch prominenten Gästen wie Ralph Fiennes, Volker Schlöndorff und Stefan Ruzowitzky, zeigte sich der Bezug zur Gegenwart: Branko Lustig bat die Besucher, die alle Filme im Programm kostenlos sehen können, spontan um eine Spende für die Opfer der aktuellen Flutkatastrophe auf dem Balkan.

Er möchte aber vor allem zur Toleranz erziehen, weil dies die Basis unseres Zusammenlebens ist. "Hitler hat damals eine Wirtschaftskrise für seine Zwecke genutzt. Wirtschaftliche Krisen gibt es immer wieder und überall: Muss man deshalb Nazi werden? In immer mehr Ländern ist das so. Wir haben auf dem zentralen Platz in Zagreb eine Umfrage gemacht. Zwei Drittel der Befragten wussten nicht, was der Holocaust ist. Man muss mehr Geld und Zeit in Bildung und Aufklärung investieren!"

Informationen zum Beitrag

Titel
"Er muss verzeihen, aber er darf nie vergessen"
Autor
Chiara Alegic, Lucija Bulic, Ana Buljan, Dragica Mamic
Schule
18. Gymnasium , Zagreb
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2014, Nr. 220, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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