Der Regisseur träumt von vielen Sängern auf einer dünnen Holzplatte

Wenn das Orchester stimmt, die letzten Huster verklingen und das letzte Handydisplay erlischt, warten die 1150 Zuschauer in der Staatsoper Hannover darauf, dass sich der Vorhang öffnet. Wenn er sich hebt, achtet der Besucher auf Musik und Sänger, kaum einer denkt an die aufwendige Arbeit, die in dem Bühnenbild steckt. Dabei gibt es eine eigene Werkstatt für den Bau des Bühnenbilds.

Vor einer Aufführung muss nicht nur geplant und geprobt, sondern auch das Bühnenbild konstruiert, gebaut und bis zur letzten Schraube zusammengesetzt werden. 55 Handwerker sind in den Werkstätten des Niedersächsischen Staatstheaters damit beschäftigt. Es herrscht eine entspannte Arbeitsatmosphäre, die Mitarbeiter begrüßen sich mit Handschlag. In der Schlosserei steigt einem der Geruch von Maschinenöl in die Nase, während an einem der großen Tische Funken von einem Schweißgerät sprühen. An den Wänden hängen Collagen mit Bildern von alten Produktionen und Bühnenelemente, unter anderem ein kunstvoller Schwan aus Stahl. Ebbt der Lärm für einen Moment ab, hört man im Hintergrund leise NDR Niedersachsen im Radio laufen. In diesen Räumen nehmen die Konzepte der Bühnenbildner langsam Gestalt an.

38 Bühnenbilder je Spielzeit müssen gebaut werden. "Nachdem das Konzept vorgestellt wurde, müssen wir es prüfen, sowohl von technischer als auch von wirtschaftlicher Seite her. Dabei geht es nicht nur darum, ob und wie es sich bauen lässt, sondern auch um die Beleuchtbarkeit und die Auf- und Abbaubarkeit", erklärt Werkstattleiter Nils Hojer. Denn bei einer Vorstellung verschwinden die einzelnen Elemente nicht etwa einfach im Bermuda-Dreieck der Opernbühne, sondern werden von Bühnenarbeitern abgebaut, weggerollt oder auf den Schnürboden gezogen. Unerlässlich ist ein Kostenvoranschlag, da nur ein gewisses Budget je Produktion gegeben ist. Dieses wird meist überschritten, so dass Materialien gespart oder vereinfacht werden müssen. Manch rosarote Seifenblase eines Regisseurs zerplatzte bereits an der spitzen Nadel der Realität.

Wenn aber das Konzept für realisierbar gehalten wird, geht es an die Umsetzung. Hierfür wird ein Modell gebaut und das Bühnenbild gezeichnet. Diese Zeichnungen übernimmt Konstrukteurin Nele Aufurth. Je nach Komplexität kann dies nur ein paar Tage oder mehrere Wochen dauern. Eines ihrer komplizierteren Projekte war "ein überdimensionaler Lippenstift, der sich auch rausdrehen lassen musste". Bei einer Bauprobe wird das Bühnenbild in einfachen Materialien auf die Bühne gebracht. Hierzu werden alte Dekorationsteile, Stoffe und Latten verwendet, um die Grundmaße des Entwurfs zu improvisieren. So können in Originalgröße Beleuchtung, Farbe und Proportionen kontrolliert sowie technische Details geklärt werden: ein Praxistest für das Konzept. Vor allem wird darauf geachtet, von welcher Position aus welcher Teil des Bühnenbilds zu sehen ist. Nun beginnt die eigentliche Handwerksarbeit. Obwohl das Hauptbaumaterial Holz ist, hat fast jedes Bühnenbild ein Stahluntergestell zur besseren Stabilität. Das wird mit Holz verkleidet und im Malsaal gestrichen.

In der Tischlerei füllt eine tosende Kreissäge die warme Luft mit dem Duft der Holzspäne, während in einer Ecke ein Teil eines Bühnenbilds zusammengebaut wird. Eine Etage höher steigt einem der beißende Geruch von Lackfarbe in die Nase. Hier im Malsaal ist es eher still. Während einige Teile einfarbig gestrichen werden, sind andere malerisch gestaltete Kunstwerke. Manche Regisseure wollen viel Stahl sehen, andere hätten lieber eine hauchdünne Holzplatte, auf der zahlreiche Sänger gleichzeitig stehen sollen. Bei solchen Sonderfällen wird oft getrickst - eine dünne Metallplatte wird durch Farbe und Beleuchtung zu einer vermeintlichen Holzfläche. "Wir müssen nicht nur die Ideen umsetzen, sondern auch technische Voraussetzungen berücksichtigen", sagt der Leiter der Schlosserei Bernd Auras.

Ist ein Element in einer Abteilung fertig, wird es in die nächste weitergegeben. Nils Hojer lobt seinen Betrieb als sehr leistungsfähig. Anders als etwa beim Bau eines Hauses ist hier nur ein kurzer Zeitraum zum Fertigstellen gegeben. "Immer andere Ansprüche und Materialien zu haben bringt Abwechslung in den Alltag", schwärmt Schlosser Bernd Auras.

Ist das Bühnenbild fertiggestellt, wird es in Lkws zur jeweiligen Spielstätte transportiert. Im Saal der Oper übernehmen die Bühnenarbeiter die Verantwortung für den rechtzeitigen Auf- und Abbau. Handwerklich wird hier nicht mehr viel gemacht, das meiste funktioniert durch die Bühnentechnik. Nur wenige Bühnenelemente müssen tatsächlich per Hand aufgebaut werden, dafür gibt es per Knopfdruck bedienbare Schienen und Züge. Dies spart Kraft und oft Zeit, bedeutet aber, dass man bei einem Ausfall der Maschinerie nichts tun kann. "Man ist der Technik ausgeliefert", sagt Regieassistent Charles Ebert.

Nicht jedes Bühnenbild hat so viel Glück wie das von "Hänsel und Gretel", das sich seit 1964 nicht verändert hat: Ist eine Produktion abgespielt, wird das Bühnenbild aufgelöst, wiederverwendbare Teile werden eingelagert oder für andere Ausstattungen verwendet, der Rest wird entsorgt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Regisseur träumt von vielen Sängern auf einer dünnen Holzplatte
Autor
Natalie Bühl
Schule
Wilhelm-Raabe-Schule , Hannover
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2014, Nr. 220, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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