Lila Frau mit Drachenkopf

Eine besondere Atmosphäre umgibt den Pfalzbau in Ludwigshafen, den Ort, auf dem sich Tausende verkleidete Menschen treffen. Sie tragen ausgefallene Kostüme, manche dick eingepackt in eine Rüstung, manche ungewohnt freizügig nur mit einem BH-ähnlichen Oberteil und kurzem Höschen. Eine Frau in einem langen, aufwendig genähten lilafarbenen Kleid fällt besonders auf. Sie kann sich nur schwer fortbewegen, da sie von einer Traube von Fotografierenden umringt ist.

Ein ebenfalls lilafarbener Drachenkopf hat das Schneideblatt einer Sense im Maul. Sein Hals geht in einen Stab über, den die Frau in der rechten Hand hält. Im Maul eines zweiten Drachenkopfes, den sie wie einen Helm auf dem Kopf trägt, schaut das Gesicht der Cosplayerin hervor. Ihre gelben, katzenartigen Augen blicken in die Kameras. Die roten Glasaugen der Drachen starren ins Leere. Stille ist etwas anderes, wenn man auf dem Vorplatz steht, umzingelt von den vielen bunt gekleideten Leuten. Man wird angesprochen, macht zusammen Bilder und albert herum, egal, ob man sich kennt oder nicht. "Man wird so akzeptiert, wie man ist", bemerkt Kristin Neickert aus Kirrlach, die den Charakter Ichigo Kurosaki aus dem Anime "Bleach" cosplayt. Sie trägt einen schwarzen Hakama, eine traditionell-japanische Faltenhose, und einen Kimono. Die orange Perücke ist kurz, die 19-Jährige führt ein silberschwarzes Schwert mit sich, das aufgestellt so groß ist wie sie selbst.

Das Hobby, genannt Cosplay, ist ein Verkleidungstrend aus Japan, in dem es darum geht, einen Charakter aus einer Serie oder einem Spiel nachzustellen. Auch das Tragen von Waffen ist keine Seltenheit, und man bekommt eher einen anerkennenden als einen nervösen Blick zugeworfen, wenn diese besonders beeindruckend sind. Viele Kostüme sind selbstgenäht, Rüstungsteile und Waffen in mühevoller Handarbeit eigenhändig gebaut. Man muss Schnittmuster erstellen und Stoffe aussuchen. Worbla, ein im heißen Zustand verformbares Material oder Holz, wird zum Waffenbau verwendet und oft im Internet besorgt. Dann beginnen die handwerklichen Arbeiten. Für Kristin zählt nur das Ergebnis: "Wenn ich weiß, ich habe mein Bestes dabei gegeben, dann bin ich eigentlich zufrieden. Wenn andere es besser hinkriegen, dann ist es halt so."

Die Convention ist für manche auch so etwas wie eine große Bühne, auf der man sich selbst und seine Arbeit präsentieren kann. Das steigert das Selbstvertrauen und die Fähigkeit, mit Kritik umzugehen. Es passiert wohl den meisten Cosplayern, dass ihnen in der Bahn oder anderswo wegen des Kostüms kritische Blicke zugeworfen werden oder sie sich gar abwertende Sprüche gefallen lassen müssen. Doch man bekommt auch neue Dinge mit auf den Weg. Beispielsweise handwerkliche Fähigkeiten sowie Übung im Stylen von Perücken. Meist spezialisiert man sich auf eine Tätigkeit und organisiert sich in einer Gruppe, in der jeder seine Aufgabe hat.

Für die Planung von Anreise und Aufenthalt ist ein gewisses organisatorisches Geschick nötig. Dabei so preiswert wie möglich zu bleiben ist eine Voraussetzung für ein gelungenes Con-Wochenende. "Alltagsleben und die Zeit, die man für dieses Hobby investiert, sollten streng getrennt sein", sagt Kristin, die dieses Jahr ihre Ausbildung im Bereich Mode und Design abschließt.

Cosplay ist eher ein Ausgleich zum Alltag, trotz des Zeitaufwandes. Der zahlt sich auf den Conventions aus: Wenn einem ein Wildfremder ein Küsschen auf die Backe drückt. Oder wenn man auf einen spielerisch aufgesetzten bösen Blick mit einem wissenden Grinsen reagiert. Ohne Faszination für den Charakter, den man darstellt, funktioniert das nicht. Dessen Eigenschaften und Eigenarten sind es, die man möglichst gut darstellen muss. Beschreibe Cosplay in einem Wort. "Freiheit", sagt Kristin, ohne zu zögern. "Es sind die tolerantesten Menschen, die ich je getroffen habe." Wie das alles angefangen hat, weiß sie selbst nicht mehr so genau. "Eine Freundin hat mich da mit reingeschubst. Ich kannte das Hobby sonst nur von Bildern." Doch dann stand sie 2011 selbst im Cosplay auf der Frankfurter Buchmesse.

Informationen zum Beitrag

Titel
Lila Frau mit Drachenkopf
Autor
Eileen Kammer
Schule
Friedrich-Dessauer-Gymnasium , Aschaffenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2014, Nr. 220, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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