Abweichler flogen von der Schule

Klaus Metzner, 16 Jahre jung und Schüler der 10. Klasse, ist auf dem Weg nach Hause. Doch diesmal mit "einer fürchterlichen Laune und auch Angst" im Bauch. Er ist soeben von der Schule geflogen. "Ich wusste gar nicht, was los ist. Was sollte ohne Schule werden?", erzählt der heute 77 Jahre alte Mann aus Cottbus. Metzner ist damals nicht der Einzige, der "mit sofortiger Wirkung vom Unterricht beurlaubt" wird, wie es im Brief des Schulleiters an den Vater des Schülers hieß. Vier weitere Mitschüler wurden am 6. Mai 1953 aufgrund ihres Glaubens von der 6. Oberschule in Cottbus verwiesen.

Klaus Metzner war weder durch Schwänzerei noch durch Faulheit oder groben Unfug im Schulalltag aufgefallen. Ganz im Gegenteil: Seine schulischen Leistungen konnten sich sehen lassen. Die Ursachen für den Schulverweis lagen schlichtweg im System der DDR, das "Abweichler" nicht duldete. So wurde zum Beispiel in der Zeitung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) behauptet, dass die Jungen Gemeinden, also die Jugendgruppen innerhalb der evangelischen Kirche, eine "Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage im USA-Auftrag" und "Agentennester des amerikanischen Geheimdienstes" seien. Die DDR-Regierung erklärte sie kurzerhand zur "illegalen Organisation" mit "verbrecherischem Treiben". Schüler, die aktiv zur Jungen Gemeinde hielten, wurden immer wieder im Unterricht angegriffen und zu Einzelgesprächen mit dem Schulleiter zitiert.

In der Presse wurde offen gegen sie polemisiert und schließlich die Forderung erhoben, dass diese "unverbesserlichen Hetzer" nicht mehr "für das von den Werktätigen aufgebrachte Geld unseres Staates an unseren Ober- und Hochschulen . . . studieren" dürfen, wie in der "Lausitzer Rundschau" zu lesen war. "In diesen Wochen gingen wir immer mit einem flauen, ungewissen Gefühl in unsere Schule: Was würde dieser Tag wohl bringen?", erinnert sich Klaus Metzner. Am Donnerstag, dem 30. April 1953, spitzte sich die Lage zu: Die gesamte Schülerschaft der 6. Oberschule Cottbus wurde zu einer FDJ-Vollversammlung ins benachbarte Pionierhaus am Spreeufer einberufen. Damals gehörten so gut wie alle Schüler der Jugendorganisation der DDR an, weil ohne Mitgliedschaft ein Weg zum Abitur so gut wie unmöglich war. Der Schulleiter Alois Syniawa trat vor die Schüler und rief namentlich fünf, die sich zur Jungen Gemeinde bekannten, auf die Bühne. "Es war wie ein Schlag. Wir wussten absolut nicht, was uns erwartet", sagt Metzner, der damals Vorsitzender des evangelischen Stadtjugendkonvents war. Der Schulleiter beschuldigte die fünf, Anhänger jener "illegalen Organisation" zu sein und damit gegen den Aufbau des sozialistischen Staates zu agieren. Öffentlich sollten sie sich von der Jungen Gemeinde distanzieren, ansonsten sei ihr Verbleib in der FDJ nicht länger tragbar. Da sich die Fünf trotz des Druckes zur Jungen Gemeinde bekannten, nötigte der Schulleiter zu einer Abstimmung, an der sich die gesamte Schule beteiligen musste. Diese verlief äußerst suggestiv: Es wurde nur gefragt "Wer ist dagegen?" - also gegen den Ausschluss aus der FDJ. Als sich einige Hände hoben, wurde kommandiert: "Aufstehen!" Der Unterton ließ keinen Zweifel daran, welches Abstimmungsverhalten erwartet wurde. So ist es kaum verwunderlich, dass jetzt nur noch drei Schüler der gesamten Schule aufstanden. Die meisten hatten Angst, sich ebenfalls Schwierigkeiten einzuhandeln. Am 6. Mai erhielten sowohl Metzner als auch die anderen vier Junge-Gemeinde-Mitglieder den offiziellen Schulverweis. Der Pädagogische Rat der Schule hatte am 5. Mai verfügt, dass sie "weiterhin nicht mehr Schüler einer demokratischen Oberschule sein können", wie an die Eltern geschrieben wurde. Die Schulversammlung hatte dazu gedient, sich das Deckmäntelchen der Demokratie umzuhängen und die Stimmung zu lenken.

Drei der suspendierten Schüler standen kurz vor dem Abitur. Sie gingen für die letzten Monate nach West-Berlin, um dort ihre Schulausbildung zu beenden. Einer berichtet, ein Lehrer habe ihm ein Schreiben mit seinem aktuellen Zensurenstand zugesteckt: handschriftlich, doch auf einem offiziellen Schulformular mit Unterschrift des Lehrers - nur der Schulstempel fehlte. Die anderen beiden, darunter Klaus Metzner, standen kurz vor den Abschlussprüfungen der 10. Klasse. Doch sie durften ja nicht mehr die Schule besuchen. Was tun? Die Freizeit genießen? Sie ließen sich von ihren Mitschülern den Unterrichtsstoff bringen und arbeiteten zu Hause.

Die Ereignisse um den Schulausschluss spiegeln wider, was sich in der DDR im Allgemeinen abspielte. Im Frühjahr 1953 häuften sich die Missstände, und die Unzufriedenheit der Menschen nahm immer mehr zu. Die Arbeiter forderten, dass der Staat die maßlosen Arbeitsnormen zurücknehmen müsse. Die Bauern protestierten gegen die hohen Sollabgaben, und die Kirchen setzten sich für Glaubensfreiheit ein. Zunächst reagierte die DDR-Regierung nicht auf die Anliegen der Bürger. Die sowjetische Regierung hingegen erkannte, dass aufgrund der Missstände und Unzufriedenheit in der DDR die Situation zu eskalieren drohte. So wurden am 5. Juni Ulbricht und andere SED-Funktionäre nach Moskau einbestellt. Der "große Bruder" forderte einen Kurswechsel, da sich sonst das Volk gegen die Regierung richten würde. Verschiedene Zwangs- und Unrechtsmaßnahmen mussten zurückgenommen werden - unter anderem auch der Ausschluss etlicher hundert Mitglieder der Jungen Gemeinde von Unterricht, Ausbildung und Studium.

"Sechs Wochen später, am 16. Juni, klingelte der Schulleiter höchstpersönlich an der Tür meines Elternhauses: ,Klaus kann morgen wieder zur Schule kommen.'" Jetzt gab es kein vollmundiges Schreiben, sondern eine kurze Mitteilung eines kleinlauten Schulleiters. "Rücksichtslos musste ich am nächsten Tag sofort alle Prüfungen der 10. Klasse mitschreiben. Doch ich war ja vorbereitet", schmunzelt der pensionierte Pfarrer. Eine Geschichte mit glücklichem Ende? "Nun, die Angst vor der Willkür eines autoritären Systems schleppt man mit sich rum; die wird man nicht mehr los."

Informationen zum Beitrag

Titel
Abweichler flogen von der Schule
Autor
Olivia Metzner
Schule
Pücklergymnasium , Cottbus
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2014, Nr. 226, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180