13 Kriegsverbrecherprozesse

Steht man an einem Sonntag kurz vor 14 Uhr auf dem Vorhof der Bärenschanzstraße 72, sieht man ein älteres Haus aus dem Jahre 1916. Über seiner gewaltigen Tür erkennt man zwei Figuren. Auf dem Platz davor hängen drei Fahnen: Eine deutsche, eine bayerische und eine fränkische. Alle drei wehen stattlich im Wind. Aber in diesem Vorhof mit den Fahnen und dem Haus mit der bemerkenswerten Tür steht man nicht allein. Es sind noch andere Menschen anwesend, und alle scheinen auf etwas zu warten. Um 14 Uhr treten sie in das Haus ein, das von draußen gewirkt hat, als sei es sehr alt. Innen sieht es aber modern aus: weiße Wände, grauer Boden - so wie man sich ein Museum im 21. Jahrhundert vorstellt. Denn das Haus ist ein Museum, das sich mit den Nürnberger Prozessen auseinandersetzt.

Matthias Gemählich ist Historiker und arbeitet seit der Eröffnung des Memoriums Nürnberger Prozesse im November 2010 dort als Ausstellungsführer. "Hier zu arbeiten macht mir Spaß, ich interessiere mich auch persönlich für die Ausstellung", erklärt er. Während er über die Prozesse spricht, leuchten seine Augen. So ist es auch bei jeder Frage, die aus dem Publikum gestellt wird.

Die Besucher betreten das Haus. Mit einer Treppe oder einem Aufzug gelangt man in den zweiten Stock. Dort beginnt die Führung. Zuerst bekommen alle den Schwurgerichtssaal 600 zu sehen, das Herz des Hauses. In ihm werden immer noch Prozesse durchgeführt, in denen es um Mord und Totschlag geht. Ab dem 20. November 1945 fanden hier 13 Kriegsverbrecherprozesse statt, deren Zweck es war, zuerst die führenden Köpfe des Dritten Reichs und danach verschiedene andere an den Verbrechen des Nationalsozialismus Beteiligte zu verurteilen. Der berühmteste Prozess war der erste. Er dauerte 218 Tage und wurde von der ersten bis zur letzten Minute gefilmt. Danach kamen die sogenannten "Nachfolgeprozesse". In diesen wurden zum Beispiel Ärzte verurteilt, die Menschenversuche durchgeführt hatten, oder Manager der Firma IG Farben, die das Giftgas für Konzentrationslager herstellen ließ.

"Am Anfang ging man davon aus, dass der Prozess in Berlin stattfinden würde. Aber die Amerikaner, die den Prozess vorbereiteten, bevorzugten einen Ort in ihrer Besatzungszone, und so fiel die Wahl auf Nürnberg", erklärt Matthias Gemählich den Besuchern im nächsten Stock des Hauses. Der Doktorand im Fach neuere und neuste Geschichte macht die Führungen im Museum als Nebenjob.

Auf der dritten Etage ist die Ausstellung zu sehen. Rechts in einer Ecke steht eine Hälfte der Anklagebank von damals. Die andere Hälfte ist nicht mehr da. "Auf dieser Bank saßen im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 21 Angeklagte. Darunter auch Hermann Göring, der sich als der zweite Mann im Dritten Reich bezeichnete, und Rudolf Heß, der Stellvertreter Hitlers in der NSDAP", berichtet der Promovend. In dem Prozess gab es vier Anklagepunkte: erstens gemeinsamer Plan oder Verschwörung, zweitens Verbrechen gegen den Frieden, drittens Kriegsverbrechen, viertens Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es wurde nach angloamerikanischem Recht verhandelt, wobei die beteiligten Länder, also die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion, jeweils zwei Richter stellten.

Drei Angeklagte wurden freigesprochen, sieben bekamen eine Freiheitsstrafe, und es gab zwölf Todesurteile. Diese wurden in der Sporthalle des angrenzenden Gefängnisses vollstreckt. "Der Prozess wurde in vier Sprachen geführt: Deutsch, Französisch, Englisch und Russisch. Man entschied sich das erste Mal in der Geschichte simultan übersetzen zu lassen", berichtet der Fremdenführer. "Zu Beginn des Prozesses hat sich die Öffentlichkeit stark dafür interessiert. Im Laufe der Zeit nahm das Interesse allerdings ab. Es gab jedoch immer wieder spektakuläre Momente und vielbeachtete Prozessphasen." Einer dieser Momente war, als Rudolf Höß, der ehemalige Kommandant des Konzentrationslagers in Auschwitz, als Zeuge der Verteidigung auftrat. Er sollte aussagen, dass einer der Angeklagten nie das KZ Auschwitz besucht hatte. Dies tat er auch, aber mit seiner kühlen und gleichgültigen Schilderung der Vorgänge in Ausschwitz belastete er viele Angeklagte sehr. "Das hat mich am meisten geschockt bei der Führung", sagt Besucherin Anne Metzen aus Schniegling, eine der Teilnehmerinnen der Führung.

"Die drei westlichen Richter waren von ihren Regierungen unabhängig. Für den sowjetischen galt das allerdings nicht. Er bekam die Order, in allen Fällen für die Todesstrafe zu stimmen", berichtet Matthias Gemählich. Silvia Dechant aus Parsberg meint, dass es schockierend, aber auch vorhersehbar war, wie kaltblütig die Angeklagten waren.

"Es ist schon unglaublich, dass der Internationale Militärgerichtshof, der damals in Nürnberg entstand, der Vorgänger des jetzigen Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag ist", findet Sabine Dirrigl. Sie kommt aus Regensburg und ist mit zwei anderen Touristen extra nach Nürnberg gekommen, um das Memorium Nürnberger Prozesse und das Dokuzentrum, ein anderes Museum mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus in Nürnberg, zu besichtigen. Holger Melzl bemerkt allerdings: "Das Traurigste an der ganzen Sache ist, dass sich trotzdem nichts geändert hat. Es gibt immer noch sehr viele Kriege auf der Welt."

Informationen zum Beitrag

Titel
13 Kriegsverbrecherprozesse
Autor
Marcel Fortus
Schule
Dürer-Gymnasium , Nürnberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2014, Nr. 226, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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