Schrille Schreie

Man hört Schreie von Frauen, Feuer knistert, Wind rauscht. In dem Turm, den man durch eine schmale Tür betritt, ist es kalt und feucht, es gibt keine Fenster. Ein Loch führt in die Tiefe. Der Hexenturm in Zeil am Main lässt die Besucher gruseln. In dem Städtchen in Unterfranken, das im 17. Jahrhundert zum Hochstift Bamberg gehörte, wurden von 1616 bis 1631 mehr als 400 Menschen der Hexerei angeklagt, gefoltert und verbrannt. Das Dokumentations- und Informationszentrum "Zeiler Hexenturm" erinnert an die Geschichte des Hexenturms und an Zeil am Main als Richtstätte des Hochstifts Bamberg. Von den Toten waren viele aus dieser Stadt, in der damals rund 1000 Menschen lebten.

"Es geht um die Fakten und um die Aufbereitung der tatsächlichen Geschichte des Hexentums", erklärt Museumsleiterin Birgit Geißler. Der um 1400 erbaute Stadtturm, der zunächst ein in die Stadtmauern integrierter Wachturm war, wurde von 1616 bis 1631 als Gefängnis für die Hexen und Hexer genutzt. Warum sie verfolgt wurden, dokumentieren Schautafeln im nächsten Raum, in dem die Vorurteile gegenüber Hexen und die Ursachen für die Verfolgungen gezeigt werden. Das Logo des Zentrums zeigt ein rotes "X". "Innerhalb von 16 Jahren wurden 400 Menschen ausgeixt, sie wurden einfach weggestrichen, umgebracht. Deswegen das rote X", sagt die Kunsthistorikerin Birgit Geißler.

Damals suchte man einen Sündenbock für Ernteausfälle, Krankheiten, Viehseuchen, Unwetter und vieles mehr. "Angeblich haben die Hexen als Masse vom Teufel den Auftrag bekommen, die Welt zu vernichten, indem sie anderen Menschen Schaden zufügen", berichtet die 46-Jährige. Schautafeln erklären diese angeblichen Sünden. "Man glaubte, dass der Teufel in Menschen einfahren kann und man sozusagen nur die Hülle des Menschen sieht, der agierende Teil aber der Teufel höchstpersönlich ist." Mit diesem Körper soll der Teufel dann andere Frauen und Männer verführt haben. Ebenso soll der Teufel die Hexen getauft haben, wodurch die kirchliche Taufe rückgängig gemacht worden sei. Die meisten Hexen waren verheiratet und brachen durch den Bund mit dem Teufel ihre Ehe. Der Auftrag des Teufels an die Hexen: die Welt vernichten. Letztendlich fühlte sich der Christ dazu berufen, dagegen anzukämpfen, was dazu führte, dass jede, die nur im Verdacht stand, eine Hexe zu sein, umgebracht wurde.

In den folgenden Räumen und der mit akustischen Eindrücken erfüllten Dunkelkammer wird gezeigt, wie es den Opfern erging und wie sie gefoltert wurden. Der Boden ist schiefgelegt und soll das schiefe Weltbild der damaligen Zeit darstellen. Die Schreie und schrillen Klänge unterstreichen die Grausamkeit der Verfolger. Zentrum der Hexenverfolgung war Europa. Etwa 50 000 bis 60 000 Hexen und Zauberer wurden hingerichtet, davon wahrscheinlich rund 25 000 bis 30 000 allein in Deutschland, dem Zentrum der Hexenverfolgungen.

Der Krieg gegen Hexen begann mit dem Hexenhammer, der von Heinrich Kramer geschrieben und 1487 veröffentlicht wurde. "Kramer schreibt die Gesetzgebung und die Regeln, die vorher für die Inquisition da waren, einfach um, für das neue Schwerverbrechen - Hexerei. Dieses Buch ist sozusagen ein Handbuch. Im ersten Teil fragt er sich, ob es tatsächlich Menschen gibt, die Magie ausüben, um zu dem Entschluss zu kommen, dass es diese natürlich gibt", sagt Geißler. Dann führt Kramer Erkennungsmerkmale wie Leberflecken auf, die Hinweise auf eine Berührung des Teufels sein sollen, oder die Locken einer Frau, die des Teufels sein sollen. Schließlich schlägt er ein juristisches Verfahren vor, darunter einen Fragenkatalog, den die Angeklagten beantworten müssen. "Das zielt darauf ab, dass die Beschuldigten die Vorwürfe gestehen und zugeben, den Bund mit dem Teufel eingegangen zu sein."

Patrizierfamilien aus Nürnberg haben sich durch Geldspenden und dadurch, dass sie mehrmals vor den kaiserlichen Gerichtshof gezogen sind, für die Freilassung von Angeklagten eingesetzt. Ein bekannter Fall war der von Dorothea Flock, die der bambergische Fürstbischof Johann Georg II. trotz der Intervention des kaiserlichen Hofrats umbringen ließ. Daraufhin ging das kaiserliche Gericht mit juristischen Mitteln gegen ihn vor, mehrere Strafmandate liefen bereits gegen ihn. Als die schwedische Armee zwischen Ende 1630 und Anfang 1631 nach Zeil kam, floh er nach Österreich - das Ende der Hexenverfolgungen im Bamberger Raum.

"Letztendlich gab es den Glauben im Volk immer noch, und den gibt es auch heute noch", sagt Geißler. Am Ende des Rundgangs steht der restaurierte Turm. Man sieht das Angstloch, durch das die Hexen mit einem Seil 9,5 Meter nach unten gelassen wurden, wo sie verblieben, bis sie wieder verhört wurden. Damals gab es keinen anderen Weg nach unten, heute gibt es eine Treppe, die zum Ausgang führt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schrille Schreie
Autor
Celine Lechner
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2014, Nr. 226, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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