Das eingepflanzte Auge wird ein Baum

ZoriDierolf rettet alte Obstsorten. Das geht durch Okulation und den großen Einsatz der Frau, die sich über viele Jugendliche freut, die ihr zur Seite stehen.

Auf der großen Wiese wachsen in langen Reihen mit mehreren Metern Abstand voneinander junge Apfel- und Birnbäume. Kein Baum gleicht dem anderen, ein großer Apfelbaum erstrahlt in voller weißer Blüte, daneben sind an einem kleineren Baum bereits die Fruchtansätze erkennbar. Leises Vogelzwitschern taucht die Streuobstwiese in eine friedliche Stimmung, Bienen schwirren von Blüte zu Blüte. In dem Sortengarten in Bönnigheim im Landkreis Ludwigsburg wurden mehr als 250 verschiedene Apfel- und Birnensorten angepflanzt. "Hier stehen insgesamt 400 Bäume. Normalerweise beginnt erst Ende April die Blütezeit, doch dieses Jahr waren die Bäume ein bisschen früher dran", sagt die 55-jährige Zori Dierolf.

Die kleine Frau mit den schulterlangen blonden Haaren steht neben einem etwa dreimal so hohen Apfelbaum und schaut mit schräg gelegtem Kopf kritisch auf einen nach unten hängenden Ast. Sie trägt ein hellgrünes T-Shirt und an beiden Handgelenken Armbänder mit vielen kleinen schwarzen und hölzernen Perlen. Gerade weckt ein Traktor, der mit angehängtem Wassertank auf die Wiese fährt, ihre Aufmerksamkeit. Ein junger Mann in Arbeitskleidung steigt aus und beginnt die kürzlich gepflanzten Obstbäume über einen Schlauch mit Wasser zu versorgen. Zur Pflege der Streuobstwiese, die die Stadt Bönnigheim übernimmt, gehören neben dem Bewässern auch das Anpflanzen und Schneiden der Bäume und das Mähen der Wiese.

Zori Dierolf hat es möglich gemacht, dass der Sortengarten überhaupt angelegt werden konnte. Im Jahr 2003 startete offiziell ein vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) geleitetes Projekt, um alte Obstsorten im Landkreis Ludwigsburg, die vom Aussterben bedroht waren, wieder zu verbreiten. "Das größte Ziel ist es dabei, die Sortenvielfalt, die es hier in der Umgebung gibt, zu erhalten", sagt Dierolf. Die alten Obstsorten müssen dafür aber erst einmal gefunden und bestimmt werden. Oft ist es gar nicht so einfach, die Namen der Sorten ausfindig zu machen.

"Alte Leute, die diese Sorten noch von früher kannten, waren dabei meine besten Helfer." Auf ihrer Suche trat sie mit vielen Menschen in Kontakt und bekam interessante Geschichten zu hören. Eine alte Frau erzählte ihr von einer "Osterhasbirne", die sie als Kind jedes Jahr zu Ostern in ihrem Nest gefunden hatte. "Früher war diese Birne dann Gold wert, weil es eine der seltenen Sorten war, die noch bis April gehalten haben", erklärt die Projektinitiatorin. Um so eine alte Sorte wieder zu vermehren, müssen von dem alten Obstbaum einjährige Triebe abgeschnitten werden, die sogenannten Reiser. Zori Dierolf machte sich dann mit einer Schere, die an einer Teleskopstange befestigt war, auf den Weg zu der Stelle, wo die alten Obstbäume standen. "Oft war ich allein unterwegs, was ziemlich anstrengend war. Einfacher war es natürlich, wenn ich ein paar Jungs dabei hatte, denen ich dann sagen konnte, welche Zweige sie abschneiden sollten." Die geschnittenen Reiser wurden danach in Baumschulen zur Vermehrung abgegeben. Aus den einjährigen Trieben werden dort die Augen herausgeschnitten, die unter die Rinde eines Sämlings eingepflanzt werden. Bei dieser Methode, die auch Okulation genannt wird, wächst das eingepflanzte Auge unter der Rinde an und entwickelt sich schließlich zu einem kleinen Baum. "Das muss leider so kompliziert gemacht werden. Denn wenn man einfach nur den Samen einer Frucht in die Erde pflanzt, dann kommt nie genau dieselbe Sorte heraus, sondern immer eine etwas andere", erklärt Zori Dierolf.

Durch diese Vermehrung war dann diese alte Obstsorte, von der es im Landkreis Ludwigsburg vielleicht nur noch einen einzigen Baum gegeben hatte, erst einmal gerettet. Manchmal kommt sie an Stellen am Wegrand eines Feldweges vorbei, an denen sie noch im Jahr zuvor Reiser von einem Baum abgeschnitten hatte. "Dann steht dort heute aber kein Baum mehr, weil er inzwischen entfernt wurde oder abgestorben ist. Das zu sehen finde ich zwar ein bisschen deprimierend, doch dafür mache ich das ja. Damit es diese Sorten später auch noch geben kann."

Um Flächen zu finden, auf denen die jungen Obstbäume angepflanzt werden konnten, kontaktierte Zori Dierolf Gemeinden und Städte im Landkreis Ludwigsburg und erklärte ihre Projektidee. Durch die vielen Antworten, die sie bekam, nahm das Projekt plötzlich viel größere Ausmaße an als ursprünglich geplant. "Mir ist die Sache so leicht entglitten. Eigentlich war geplant, 100 verschiedene lokale Obstsorten mit je zwei Bäumen zu pflanzen und somit zu erhalten. Heute gibt es mehr als 3000 Bäume mit über 300 verschiedenen Sorten im ganzen Landkreis Ludwigsburg." Zu Beginn des Projektes hätte sie sich nicht vorstellen können, dass sich so viele Menschen dafür interessieren würden.

Zori Dierolf, die mit 12 Jahren aus Slowenien nach Deutschland kam und heute in Löchgau, einem kleinen Ort zwischen Heilbronn und Stuttgart, wohnt, hatte schon immer Freude an Spaziergängen in der Natur und interessierte sich für die Pflanzen, die dort wuchsen. Daher kam in ihr der Wunsch auf, die vielen Obstsorten, die sie in der Umgebung finden konnte, zu schützen und zu erhalten. "Ich wollte diese Sorten wieder anpflanzen, und zwar dort, wo sie auch herkamen. Also hier im Landkreis Ludwigsburg."

Dank ihrer langjährigen Mitgliedschaft im BUND bekam sie dort die volle Unterstützung für das Projekt, das von der Kreissparkasse Ludwigsburg gesponsert wurde. Außerdem gab es eine Zusammenarbeit mit dem Landratsamt und viel Hilfe und Fachwissen vom Obst- und Gartenbauverein und von der Universität Hohenheim bei Stuttgart.

Um die Sortenvielfalt zu präsentieren und die vielen kleinen Unterschiede in Geschmack, Farbe und Form der Früchte jedem Interessierten zugänglich zu machen, wurden Obstsorten-Ausstellungen in verschiedenen Städten und Gemeinden veranstaltet. "Es kamen ganze Schulklassen und Kindergärten. Die Leute kamen, um die unzähligen Sorten an Äpfeln und Birnen zu sehen und zu probieren." Auf der größten Ausstellung wurden rund 350 verschiedene Obstsorten präsentiert. "Viele Früchte eignen sich aber nur zur Herstellung von Most. Sie sehen wunderschön aus, schmecken jedoch so herb, dass sie sofort wieder ausgespuckt werden müssen. Oder sie enthalten viel Säure und haben einen ganz eigenwilligen Geschmack, der nicht alle Leute begeistert." Zori Dierolf weiß genau, wovon sie spricht, so viele Äpfel und Birnen hat sie in den letzten Jahren probiert. "Eigentlich bin ich gar kein Obstesser. Doch wenn ich die Wahl habe, dann esse ich auf jeden Fall Birne lieber als Apfel."

Vor allem im Herbst und in Zeiten der Ausstellungen war Zori Dierolf, die beruflich als Bürokraft tätig ist, von morgens bis abends in das Projekt eingespannt, für das sie ehrenamtlich arbeitet. "Es riefen ständig Leute bei mir zu Hause an, um mich über die neu gefundenen Sorten zu informieren. Ich war manchmal ganz schön gefrustet, weil ich mit dem Antworten gar nicht mehr hinterhergekommen bin."

Doch natürlich bekam sie auch viel Hilfe von anderen, die ebenfalls Freude an alten Obstsorten haben. "Es gibt vor allem auch viele Jugendliche, die mit großem Engagement dabei sind. Obwohl es ja heißt, dass junge Leute an solchen Dingen kein Interesse haben." Nach einer kurzen Einweisung und ein wenig Starthilfe konnte jeder, der wollte, mithelfen, um beispielsweise junge Bäume einzupflanzen. Eine solche Pflanzaktion führte Zori Dierolf einmal mit einer siebten Klasse einer Schule der Ludwigsburger Innenstadt durch. "Da hat man dann doch gemerkt, dass das Stadtkinder sind. Die wussten am Anfang nicht einmal, was ein Spaten ist", erinnert sie sich und lacht.

Heute, nach dem offiziellen Ende des sechsjährigen Projektes, gibt es immer noch ungefähr 50 Obstsorten, die vermehrt werden sollten. "Jetzt findet alles nur noch im Kleinen statt, wie es ganz am Anfang eigentlich geplant gewesen war." Ein Ende auf der Suche nach alten Obstsorten wird es wohl nie geben, da ist sich die Naturfreundin sicher. Durch das ehrgeizige Projekt hat sie es geschafft, dass die vom Aussterben bedrohten Obstsorten gerettet werden konnten. Wer heute alte Obstsorten finden will, der kann in einen der vielen Obstsortengärten im Landkreis Ludwigsburg gehen, dort durch die Reihen laufen und die Vielfalt der alten Sorten hautnah erleben. Auch ein Lehrpfad mit Tafeln und Sortenbeschreibungen ist entstanden, wo alte Obstsorten mit den Namen "Heinzelmännle", "Regenbirne", "Pfirsichroter Sommerapfel", "König Karl von Württemberg" oder "Kiefersheckel" bewundert werden können. Begeistert sagt Zori Dierolf: "Es ist genial, was für Sorten man findet, wenn man sich erst einmal auf die Suche begibt. Das hätte ich selbst nie gedacht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Das eingepflanzte Auge wird ein Baum
Autor
Felicia Sühs
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2014, Nr. 231, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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