Kraftvoller Woderich

Das rhythmische Trommeln und Klirren der Schwerter auf dem freien Feld im brandenburgischen Nauen versetzen die Zuschauer zurück in die Zeit des Schwertkampfes. Männer in mittelalterlichen Rüstungen kämpfen um den Sieg. Ihre Schwerter schlagen unerbittlich gegen die gegnerische Klinge und den gegnerischen Schild. Kraftvoll und schnell sind die Hiebe. Das Trommeln wird schneller. Freudig reckt Woderich sein Schwert in die Höhe. Diesen Kampf hat er gewonnen. Die Menge applaudiert. Woderich heißt in Wirklichkeit Lucien Fechner, kommt aus Berlin, ist 21 Jahre alt, 1,85 Meter groß und hat lange, dunkelblonde Haare. Er stellt einen Germanen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus dar. Jeder Kämpfer trägt die stammestypische Bewaffnung und Bekleidung des Volkes, das er darstellt. Die Unterschiede zu anderen Stämmen sind auch durch Schmuck und Schuhwerk gekennzeichnet. Lucien trägt die Rüstung der Germanen und stellt ein wohlhabendes Stammesoberhaupt dar. "Stahl war sehr selten und wertvoll, und Schwerter hatten die wenigsten", erklärt er. Typische Waffen waren eine kleine Axt, ein kurzer Speer oder ein langes Messer. Kettenhemden, Leder und Felle dienten zum Schutz.

"Das Bild, das viele im Kopf haben von Wilden, die entweder nackt oder nur mit Fellen bekleidet in die Schlacht zogen, stimmt so nicht", sagt er und behauptet, dass die Stämme relativ kultiviert waren und viele sogar einen Beutel mit sich trugen, in dem sich Rasierutensilien, Kamm und Schere befanden. So ein Kampf, wie er auf einem Turnier ausgeführt wird, will gut vorbereitet sein. "Anfangs haben wir in öffentlichen Parks in Wilmersdorf und Charlottenburg trainiert. Die Polizei kam manchmal vorbei." Deshalb übte die Gruppe auf zwei privaten Reiterhöfen. Dort trafen sie sich mit zwei anderen Gruppen, den Tiuwari und Tiuteiva. Inzwischen trainieren sie auf dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhof. Samstags, manchmal auch sonntags, trainiert Fechners Truppe rund drei Stunden. Nach Aufwärm- und Ausdauerübungen wird mit den Grundschlägen begonnen. "Die müssen bei jedem sitzen, genauso wie die Schrittfolge." Dann werden Techniken geübt. Wie man mit Schilden umgeht, Situationen ausnutzt oder gegen einen Speer vorgeht. Hinzu kommen Freikämpfe, zum Beispiel ein "Circle". Man stellt sich im Kreis auf, und Regeln werden festgelegt.

Zwei Varianten sind zum Beispiel "mit Ehre" und "ohne Ehre": Man legt entweder nur Einzelkämpfe ab, oder wenn man ohne Ehre spielt, kann man sich zusammentun und gegen andere kämpfen, von hinten anschleichen ist auch erlaubt. Eine weitere Variante ist der Kampf "Mann gegen Mann". Zwei Kämpfer bieten sich die Stirn, bis einer von ihnen vor Erschöpfung aufgibt. Das Wissen über die Techniken wird untereinander weitergegeben. Vieles hat Fechner auch aus Büchern. Seine Rüstung baut der gelernte Schmied selbst. "Für ein brauchbares Schwert muss man schon so mit um die 200 Euro rechnen. Für eine solche Spezialanfertigung zahlt man um die 400 Euro." Woher kommt sein Interesse am Schwertkampf? "Mein Vater hat früher Kendo gemacht, das ist eine japanische Schwertkampfart. Als kleiner Junge habe ich immer mit meinem Bruder Amadeus zusammen gekämpft - mit Stöcken." Irgendwann nahm ihn seine Familie mit auf Mittelaltermärkte. Dort knüpften sie Kontakte zu Kämpfern. Das erste Mal trainiert hat er in der Gruppe Afarie vor drei Jahren. Dann hat er seine eigene Truppe gegründet, die bestand aus Wikingern.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kraftvoller Woderich
Autor
Katrin Drisch Werner-Heisenberg-Gymnasium, Leverkusen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2010, Nr. 292 / Seite N6
Projekt
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