Bananenäpfel und Holunder

Ein schmaler geteerter Weg nahe dem 2000-Seelen Dorf Konau im Südwesten des Kantons Zürich. Vorbei an grünen Weiden geht es zu einem großen Holzgebäude mit Solarpanels auf dem Dach. Vis-à-vis erstreckt sich eine riesige Plantage Holundersträucher. Dieser idyllische Fleck Erde, eingebettet zwischen zwei Hügeln, nennt sich Biohof Margel. "Schon mein Schwiegervater hat damals auf Bio umgestellt", erklärt Kathrin Frei, die den Hof zusammen mit ihrem Mann führt. Sie trägt ihre dunklen Haare in einem Pferdeschwanz und hat blaue Augen. "Zu seiner Zeit war er einer der Einzigen überhaupt, die so produzierten, was in dem sonst eher konservativen Dorf für großen Aufruhr gesorgt hat." Auf ihrem Land stehen unter anderem 200 junge Apfel-, Kirsch-, Birnen- und Zwetschgenbäume. An ihnen reifen nicht etwa Gala-Äpfel für den Supermarkt. Sie sind vielmehr Teil des nationalen Projekts Pro Specie Rara zur Erhaltung seltener Sorten. "Früher gab es in der Schweiz regional bedingt überall verschiedene Obstsorten", sagt die 34-Jährige. "Wir haben Bäume in unserer Plantage, die die letzten ihrer Art sind." Vertreten sind etwa die Sorten "Gast Karlis Bananenapfel" oder "Erdbeerapfel Giswil" neben den "Uelibirnen" und der "Försterkirsche".

Neben den Obstbäumen stehen die 600 Holundersträucher. Ein Schild weist auf die Zusammenarbeit mit dem Bonbonhersteller Ricola hin, schon lange wandern die weißen Blüten, die der Holunder Anfang Sommer produziert, in die Ricola-Fabrik, um zu Holunderbonbons verarbeitet zu werden. "Ricola ist ein faires Unternehmen", sagt Kathrin Frei. "Es gibt nicht viele Abnehmer für Kräuter, aber auf den Preis drücken sie nie." Leider habe Holunder oft Läuse. "Doch zum Glück gibt es dagegen ein biologisches Mittel, das die Läuse vertreibt."

Auch Mäuse seien ein Problem, denn diese liebten die Wurzeln der Bäume. Deshalb muss man immer wieder auf Mäusejagd gehen. In mühsamer Handarbeit werden die Blüten geerntet. Bei der Ernte darf es nicht regnen. Außerdem müssen die Blüten mindestens zu drei Viertel geöffnet sein, um sich für die Bonbonherstellung zu eignen. Die Blüten werden in Tonnen gesammelt und zur hofeigenen Trocknungsanlage gebracht. Dort bleiben sie rund vier Tage, bevor sie in Säcke gepackt und zu Ricola nach Laufen im Kanton Basel-Landschaft gebracht werden.

Weil der Holunder oft im August noch nachblüht, gibt es im Herbst viele der dunkelvioletten Holunderbeeren, jedoch zu wenige, um sie an einen Betrieb zu verkaufen. "Wir verschenken die Beeren dann an Leute aus unserem Bekanntenkreis. Viele freut es, Konfitüre zu machen", sagt die Bäuerin. Sie stellt Sirup her, der zum Einsatz kommt, wenn eines der drei Kinder der Familie krank ist. Im Winter geht die Arbeit weiter. "Alle alten Triebe, welche dieses Jahr Blüten getragen haben, werden abgeschnitten. Nur die neuen sollten bleiben, denn sie sind es, die im kommenden Jahr wieder am meisten Blüten tragen werden."

Es gibt noch eine weitere Erwerbsquelle. "Kaufen Sie ein Jahr Staubsaugen" oder "schenken Sie den Strom für 70 Mal Raclette". So wird im Internet dafür geworben, der Familie Strom der Photovoltaik-Anlage auf dem Scheunendach abzukaufen. Die Solarpanels von rund 700 Quadratmetern sind schon eine ganze Weile auf dem Dach, die Bewohner der Scheune, mehrere Pferde, scheint dies nicht zu stören, sie stehen ruhig in ihrem Offenstall. Doch wieso sollte man jemandem den Strom für das typische Schweizer Gericht schenken? Frei lacht: "Eigentlich gibt es eine kostendeckende Einspeisevergütung, wir sind aber noch auf der Warteliste. Deshalb können wir unseren Strom nur zum normalen Strompreis ins Netz geben, der allerdings die Kosten der Anlage nicht deckt." Darum können Einzelpersonen den Strom im Internet etwas teurer kaufen.

Auf den Wiesen weiden graue Kühe. Doch die Tiere gehören nicht der Familie Frei-Boerlin. Beide haben ihren Hof früh übernommen, als sie noch studierten. Deshalb haben sie einen Teil des Hofes für neun Jahre verpachtet. Kathrin Frei hat an der Fachhochschule Wädenswil studiert und ist Umwelt-Ingenieurin. Auch jetzt noch arbeitet ihr Mann 80 Prozent auswärts. Der gelernte Maschineningenieur arbeitet heute in der Planung von Holzschnitzel-Heizungen. "Er hat einen super Arbeitgeber, der flexibel ist, was Arbeitszeiten betrifft. So kann mein Mann mithelfen, wenn wir heuen."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Bananenäpfel und Holunder
Autor
Sophie Sturzenegger
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2014, Nr. 231, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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