Bei gewagten Saltos herrscht respektvolles Schweigen

Den wilden Parcours des Dirt-Bike-Parks in Trippstadt haben viele Ehrenamtler gebaut. Die Sportler verändern die Strecke ständig, um sich auszupowern.

Ein Schloss mit Park, verwunschene Waldwege, wuchernder Fingerhut, Pferdekoppeln. So liegt Trippstadt mitten im Pfälzer Wald. Postkartenidylle, wie es sich für einen kleinen Luftkurort gehört. Wald, so weit das Auge reicht, Ruhe, Stille, Vogelzwitschern. Plötzlich ein markerschütternder Schrei, der die Stille zerschneidet, und ein Steilhang, durch Schilder "Fußgängerrundweg", "Vorsicht Lebensgefahr" vom Rest der Welt abgetrennt. Eine wilde Piste tut sich auf: Was die Natur nicht hinbekommen hat, haben Bagger und Bulldozer passgenau auf dem 15 000 Quadratmeter großen Gelände zu steilen Rampen, Bodenwellen, Sprungschanzen jeder Größe, Gruben und Sandwällen modelliert.

Lauter werdendes Rattern, ein quietschendes Geräusch, und der erste Biker steigt von seinem mattschwarzen Merida-Mountainbike ab, schultert es, als ob es kein Gewicht hätte, und läuft locker wieder nach oben zum Einstieg in den Parcours. Der stellt eine wilde Mischung aus MadMax-Arena und abenteuerlicher Seifenkistenbahn dar, mittendrin eine hölzerne Steilwand, von der man sich vorstellen kann, wie es kracht, wenn ein Rad dagegenknallt. Oben angekommen, trifft der Fahrer auf eine Gruppe von fünf Jungs, 15 bis 18 Jahre alt, in übergroßen T-Shirts mit Bike-Motiven, schwarzen Radhosen unter neonbunten, flatternden Boarder-Shorts. Sie zurren sich die obligatorische Schutzkleidung fest, ein Mix aus dunklen und bunt lackierten Cratoni-Helmen mit riesigen Kinnprotektoren, schwarzen dickgepolsterten Ellenbogen- und Knieschützern von O'Neal.

Das lässt erahnen, dass der Sport nicht ganz ungefährlich ist. Fast so wie damals bei Ritterturnieren und Schlachten, als Männer noch in den Kampf zogen. Statt Rüstungen und Pferden gibt es heute Super-Bikes, Helme und Full- und Half-Protektoren aus stylisch lackiertem Plastik, Leichtmetall, Carbon und Glasfaser. Je weniger Gewicht, desto größer die Chancen, den besten Move hinzubekommen, den höchsten Salto und die schnellste Runde. Damals wie heute zählt der Wettbewerb, das Gewinnen, Eindruck zu machen auf seine Kumpel oder manchmal auch auf eine Prinzessin.

Tobi, 17 Jahre alt, Typ junger Bruder von Ryan Gosling, grinst gelassen und behauptet ganz cool: "Ist nicht so gefährlich, wie es aussieht! Man kann es langsam angehen lassen. Zuerst übst du auf dem Pumptrack, den Wellen dort, um in den Sport reinzufinden. Anfangs versuchst du, ohne zu treten, nur durch das Hochdrücken deines Körpers aus der Tiefe des Rades, eine Grundgeschwindigkeit aufzubauen. Hast du das erst mal raus, kannst du weitergehen. Der Track hat unterschiedliche Schwierigkeitsstufen, je nach Können und natürlich Mut. Das macht ja auch den Reiz daran aus." Dann setzt er den Helm wieder auf und packt sein Rad, um erneut Anlauf zu nehmen.

Für diese Kicks, für diesen Spaß wird samstags "gebuddelt, das heißt mit Manpower die Strecke modifiziert". Die Jungs bauen bei gutem Wetter die Strecke immer wieder um, damit nur ja keine Langeweile eintritt. "Eine Supersache", sagt Lars. Er ist 16 Jahre alt, fährt ein schwarzes GT-Bike und trägt bis auf eine neongelbe, kurze Hose Schwarz. "Das ist endlich mal eine Möglichkeit, sich am Wochenende voll auszupowern und nicht nur vor der Playstation zu sitzen. Wir machen zusammen etwas für uns und für die Allgemeinheit. Hier kann jeder mitmachen und das tun, was er kann und so gut er es kann."

Der Freizeitwert eines pfälzischen Durchschnittsdorfes ist für Jugendliche eben nicht hoch, Schloss, Pferde, Luftkurort hin oder her. Außer dem Freibad wird nicht viel geboten. Ein Spaziergänger in Wanderschuhen, der seinen gutmütigen Labrador Sam Gassi führt, beobachtet wohlwollend die Abfahrten, Saltos und anderen halsbrecherischen Aktionen: "Besser, sie powern sich hier aus, als dass sie auf dem Dorfplatz sitzen, aus lauter Langeweile Unmengen trinken und dann die Leute anpöbeln. Das hier wurde alles ehrenamtlich angelegt. Eine tolle Idee!"

Der Öffentliche Bikepark Trippstadt und das gesamte Freizeitgelände drumherum wurde von den ehrenamtlichen Mentoren Ralf Drumm und Hans Kallenbach im Rahmen der Spielleitplanung der Ortsgemeinde Trippstadt entwickelt und realisiert. Finanziell wird es vom Ministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz gefördert. Vor zwei Jahren gewann der Park den mit 5000 Euro dotierten Deutschen Fahrradpreis. Dieser zeichnet Bewerbungen im Bereich "Fahrrad-freundlichste Entscheidung in den Kategorien Alltagsmobilität sowie Freizeit/Tourismus" aus. Entscheidend für die Jury war, dass die Initiative für den Bikepark Trippstadt von den Kindern und Jugendlichen ausgegangen ist und sie bei der Umsetzung mitgewirkt haben.

Zwei Jungs, 18 und 20 Jahre alt, steigen mit ihren Bikes aus dem Bus aus Kaiserslautern. Ihr Equipment, eine Wasserflasche und mehrere Dosen Energy-Drink, Power-Riegel, Flickzeug für die Räder, Erste-Hilfe-Box, findet in Rucksäcken Platz, die Schutzhelme sind am Bike befestigt. Den Nachmittag haben sie sich reserviert, für Klausuren wird ein anderes Mal gelernt. "Der Park hier ist super. Endlich muss man nicht wer weiß wohin fahren, um einigermaßen sicher fahren zu können", sagt Marius. Auch er erinnert ein wenig an Gosling. Jedenfalls, bevor er gleich unter seinem Helm verschwindet. "Allein off-road, abseits der Waldwege, ist viel zu gefährlich. Falls wirklich was passiert, wo soll Hilfe herkommen, wenn man nicht mal selber weiß, wo man genau gestürzt ist? Hier im Park ist immer jemand da und die Zivilisation nicht weit entfernt. Außerdem sind alle Schwierigkeitsgrade auf kleinem Raum zu erreichen. Perfekt!" Dann, rückt er die Protektoren zurecht und ruft noch schnell, bevor es losgeht: "Leider ist der Bus für uns die einzige Möglichkeit hier hochzukommen. Auf der Landstraße ist es zu gefährlich. Was wirklich helfen würde, ist ein Radweg aus der Stadt. Vielleicht ist ja irgendwann mal Geld dafür übrig."

Und dann stapft er auch schon zusammen mit seinem Freund hoch aufs Einstiegsplateau. Fast sehen sie aus wie zwei der drei Musketiere, die wissen, worauf es jetzt ankommt. Sie halten inne, legen sich ihre Strecke im Kopf zurecht und reden sich leise Mut zu. Wie vor einer Schlacht liegt Spannung in der Luft, dann wird der Kinnschutz noch einmal festgezurrt, hier noch einmal die Bremse überprüft. Gefühlt dauert es Stunden, bis genug Adrenalin aufgebaut ist, um sich tollkühn hinunterzustürzen. Und doch ist es am Ende nur ein Moment, ein Herzschlag, der zwischen Angst und Mut entscheidet. Und es geht nicht ohne anfeuerndes Gejohle der umstehenden Biker. Bei echten Könnern, die in ihre Jumps gewagte Saltos und Free Moves einbauen, herrscht respektvolles Schweigen.

Am Ende der Session sitzen sie dann da, eine Handvoll rotgesichtiger, verschwitzter Jungs, die Carbonräder kreuz und quer auf dem Boden, dazwischen verdreckte Helme, Knieschützer und ein abgerissener Kinnschutz. Es wird palavert, Kritik verteilt, Schultern werden geklopft: "Dein Wheely war aber krass vergeigt", "an meinem Step-up muss ich noch arbeiten", "dein Superman ist noch nicht ganz sauber". Im Dirt-Park gibt es keine Prinzen, aber dafür Männer, die ihren Sport leben und diesen zur Not mit Schaufel und Hacke auf die Spitze treiben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Bei gewagten Saltos herrscht respektvolles Schweigen
Autor
Sarah Opperskalski
Schule
Gymnasium am Rittersberg , Kaiserslautern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2014, Nr. 237, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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