"Dicke Oberarme heben keine Stange"

Ich bin nicht so der Schreier", sagt der 19-jährige Marius Oechsle aus Böbingen, einem Dorf am Fuße der Schwäbischen Alb. Er reißt und stößt vier- bis fünfmal in der Woche Gewichte mit einer Masse, die vielen utopisch erscheint. Der angehende Industriekaufmann ist Leistungssportler im Gewichtheben und schafft im Reißen 125 Kilogramm und im Stoßen 155 Kilogramm. Seine Freizeit und viele Wochenenden opfert er für seinen Sport.

"Mit neun Jahren habe ich angefangen", sagt der breitschultrige Sportler. Nach einem Schnupperkurs im Ferienprogramm war für ihn klar, dass er im Gewichtheben seine Leidenschaft gefunden hat. Zusammen mit seinem Trainer Carsten Kluge, einem ehemaligen Bundesligaheber und mehrfachen deutschen Jugendmeister, arbeitet er penibel individuelle Trainingspläne aus. Diese sind auf bestimmte Höhepunkte ausgerichtet und ergeben sogenannte Makrozyklen. Dieses Jahr bereitet er sich akribisch auf die deutschen Meisterschaften und den Herbert Ehrbar Grand Prix vor. Normale Ligawettkämpfe oder kleinere Turniere dazwischen sind nicht auf seine Höchstleistung angelegt.

Was viele nicht wissen, ist, dass es beim Gewichtheben hauptsächlich auf die Beine und deren Maximalkraft ankommt. "Dicke Oberarme heben keine Stange", sagt Marius und streckt seine muskulösen Beine von sich. "Im Gegenteil, sie behindern den Gewichtheber eher." Eine große Muskelmasse schränkt das Bewegungsausmaß der Ellenbogen- und Schultergelenke ein. Statt Bizepspumpen macht er in jedem Training mindestens 60 Kniebeugen, manchmal bis er kaum noch laufen könne. Seine idealen kurzen Arm- und Beinhebelverhältnisse machen ihn zu einem hoffnungsvollen Talent. Denn kurze Hebel verhelfen beim Gewichtheben zu Schnelligkeit und hoher Explosivität. Marius zählt zu den erfolgreichsten Sportlern seines Vereins, dem SGV Oberböbingen. Im vergangenen Jahr schaffte er es sogar auf das Treppchen bei den deutschen Meisterschaften der Junioren.

"Gewichtheben ist Kopfsache", sagt Marius. Vor Wettkämpfen zieht sich der Leistungssportler am liebsten ins stille Eck zurück. Viele Heber hören vor dem ersten Versuch Musik, er lege aber mehr Wert auf Konzentration und innere Ausgeglichenheit. Sein Aufwärmprogramm vor einem Wettkampf beginnt immer mit leichtem Dehnen und dem Stoßen oder Reißen der leeren Hantel. "Der Kopf muss sich langsam an die Last gewöhnen." Um bei jedem Heber ähnliche Voraussetzungen zu schaffen, werden die Athleten bei dieser olympischen Sportart in Gewichtsklassen eingeteilt. Vom Fliegengewicht bis 62 bis zum Schwergewicht mit mehr als 105 Kilogramm staffeln sich bei den Männern sieben Gewichtsklassen. Marius Oechsle liegt mit seinen 85 Kilogramm Körpergewicht genau in der Mitte. "Wenn das Gewicht einmal nicht passt, muss ich auch mal joggen gehen oder warm eingepackt auf dem Hometrainer radeln." Und das so lange, bis der Schweiß tropft. Dazu gehören viel Disziplin und Selbstbeherrschung. "Bei vier bis fünf Kilo darüber wird es hart." Auch die Ernährung muss passen, viel Eiweiß, Fleisch und Gemüse anstatt Kohlenhydrate stehen dann auf dem Speiseplan. Beim Wettkampf muss jeder Heber jeweils dreimal die Hantel stoßen und anschließend reißen. "Da kommt es sehr auf die Technik an - 70 Prozent Technik und 30 Prozent Kraft." Dabei müssen alle antrainierten Bewegungsabläufe exakt und auf den Punkt genau sein, um beispielsweise ein Überreißen zu vermeiden. Manche puschen sich mit einem Schrei zur Höchstleistung. Das entspricht aber nicht der Art des eher ruhigen und coolen Mannes. "Ich schaffe das auch ganz gut ohne."

Außerhalb seiner drei Jahreshighlights hebt Marius bei Ligakämpfen seines Vereins. Dort ist er bisher immer "eine sichere Bank". Im März schaffte er mit seinen Vereinskollegen den Aufstieg in die baden-württembergische Oberliga. Leider läuft es auch bei ihm nicht immer rund. Als er im vergangenen Jahr mit dem deutschen Nationalteam beim Herbert Ehrbar Grand Prix bei Nagold mitheben durfte, hatte er dabei "nicht so einen guten Tag" erwischt und schaffte nur einen gültigen Versuch. "So ist halt nun mal Leistungssport", seufzt der Athlet. "Anschließend befand ich mich schon in einem Loch. Ohne meinen Trainer Carsten wäre ich da nicht so einfach herausgekommen." Beide verbindet nicht nur der Sport, sondern auch eine gute Freundschaft. Obwohl man als Gewichtheber Einzelkämpfer und bei Wettkämpfen auf sich allein gestellt ist, so trainiert man meist mit den Kollegen und unterstützt sich gegenseitig, was eine große Motivation ist. "Manchmal sehe ich meine Trainingskollegen häufiger als meine Familie", sagt der Single.

Gewichtheben ist seit dem Jahr 2000 in Sydney auch bei den Frauen olympisch. Marius findet das jedoch "extrem unästhetisch". Er sei nicht so der Freund von Frauengewichtheben. Viele Kritiker sehen den Kraftsport als gesundheitsgefährdend an aufgrund der hohen Gelenkbelastung. Marius sieht das anders: In der Jugend trainiere man hauptsächlich die Technik, außerdem helfe Gewichtheben auch beim Verbessern der Körperhaltung, um Haltungsschäden entgegenzuwirken. Doch die Kritiker zielen auch auf die große Anzahl der positiv getesteten Sportler. "Doping ist scheiße", sagt Marius geradeheraus.

Das Klirren der Hantelstangen, die Poster leicht bekleideter Frauen an den ansonsten kahlen Wänden und der Geruch nach Schweiß bestimmen die Atmosphäre der Böbinger "Gewichtheberbude". Das ist Marius Oechsles zweites Zuhause, hier verfolgt er seinen Traum: "Deutscher Meister 2014."

Informationen zum Beitrag

Titel
"Dicke Oberarme heben keine Stange"
Autor
Alina Böhm
Schule
Rosensteingymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2014, Nr. 237, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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