Blitzschnell kontern

Rem!" schreit der Kampfrichter mit einer lauten, rauchigen Stimme. Es ist das Zeichen für die Wing-Tsun-Kämpfer, ihre Gegner mit Fauststößen, Fingerstichen, Handkantenschlägen, Hammerfäusten oder Fußtritten zu bearbeiten, um sie zu schwächen und später durch den finalen Schlag auf Kiefer oder Schläfe K. o. zu schlagen. Das Knie und der Ellenbogen dürfen dabei nicht verwendet werden. Außerdem dürfen die Kämpfer nicht würgen und keine Hebel zur Überstreckung von Gelenken anwenden. Es darf auch kein Druck auf Nervenschmerzpunkte angewendet werden. Wing Tsun wird vor allem in China, den Vereinigen Staaten, England und Deutschland ausgeübt. Die chinesische Kampfsportart dient nicht zur Schau, sondern zur Selbstverteidigung. Fließende Bewegungen und extreme Schnelligkeit verschmelzen zu einer kraftvollen Einheit. So können sich auch Schwächere verteidigen, indem sie die Kraft des Angreifers ableiten und gegen ihn verwenden. Abwehr und Angriff finden so gleichzeitig statt.

Nick Denecke macht den Sport seit sechs Jahren. Der 16-jährige blonde, große und kräftig gebaute Junge wohnt in Mögglingen am Fuß der Schwäbischen Alb und besucht die Realschule des Nachbarortes Heubach. Jackie Chan, ein chinesischer Kampfsportler und Schauspieler, habe ihn zu diesem Kampfsport inspiriert. "Meine Mutter war anfangs wenig erfreut über mein neues Hobby", sagt Nick. "Klar ist Kampfsport gefährlich, aber man muss einfach sehr konzentriert sein und darf keine hektischen Bewegungen machen. Es gibt auch Leute, die rennen gegen die Wand und sind tot, es ist also nur eine Frage, wie man sich anstellt." Bis auf einen Brustbeinbruch bei der Vorbereitung auf einen Wettkampf habe er sich noch nie ernsthaft verletzt, wobei Prellungen und blaue Flecken zur Tagesordnung eines jeden Kämpfers gehören.

Nick trainiert dreimal in der Woche zusammen mit zehn weiteren, in schwarzen Jogginghosen, weißen T-Shirts und bunten Gürteln gekleideten Kämpfern im Fitnesscenter Malibu in Böbingen an der Rems. Neun verschiedene Gürtel gibt es. Sie werden je nach Leistung vom Meister, der den neunten, schwarzen Gürtel besitzt, verliehen. Nick besitzt den blauen Gürtel, das ist der sechste.

In einem kleinen fünfeckigen Raum, der grell erleuchtet ist und streng nach Schweiß riecht, wird trainiert. Zum Aufwärmen wird Ball gespielt. Danach geht es zum Sparring, dem Warmkämpfen ohne den finalen Schlag. Dann erlernen die Schüler eine neue Technik. Der Meister demonstriert, wie man mit einem Handkantenschlag auf die Nase seinem Gegner das Gleichgewicht nehmen kann, die Schüler üben diese Methode zu zweit. Zum Schluss stehen alle im Kreis. Einer steht in der Mitte. Von außen greift überraschend jemand mit einem Faustschlag an. "Der in der Mitte muss den Angriff abblocken und den Angreifer zu Boden bringen", erklärt Nick, der auch Ju-Jutsu und Yia-Jutsu trainiert. Wing Tsun macht ihm am meisten Spaß, denn es stimme am meisten mit seiner Vorstellung von klassischem Kung Fu überein.

Ng Mui hieß die Frau, die der Legende nach einst diese Art der Verteidigung entwickelte. Sie lebte in einem Kloster, das von der Regierung Chinas niedergebrannt wurde. Ng Mui wurde Zeugin eines Kampfes zwischen einem Kranich und einem Fuchs. Der Kranich wehrte die Angriffe mit seinem Flügel ab und konterte mit dem Schnabel. Der Fuchs nutzte seine Schnelligkeit für Überraschungsangriffe. Ng Mui kombinierte die Techniken und passte sie dem Körper an. Ihre erste Schülerin hieß Wing Tsun. Sie wurde von einem Mann bedroht und konnte ihn zu Boden schlagen, denn beim Wing Tsun werden die Gegner mit Methode statt mit Kraft besiegt.

Nick hat schon die Finalrunde der Süddeutschen Meisterschaften im Wing Tsun erreicht. Tatsächlich musste er sein Können schon einmal unter Beweis stellen: "Ein Mädchen meiner Schule wurde von einigen Jungen bedroht. Sofort schritt ich ein. Die Jungen versuchten auf mich einzuschlagen. Ich wehrte diese Schläge ab und konterte blitzschnell mit einem Faustschlag in den Magen eines der Jungen. Sie suchten das Weite, und mir gelang es so, das Mädchen zu retten", sagt er stolz.

Informationen zum Beitrag

Titel
Blitzschnell kontern
Autor
Maximilian Frey
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2014, Nr. 237, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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