Für den Sound auf Holz klopfen

Wenn Schlagzeugerin Silke Büscherhoff ihre Marimba in Münster auf dem Prinzipalmarkt aufstellt und die Schlägel über das Holz tanzen lässt, dann bleiben die Passanten stehen und staunen.

Es ist ein bisschen wie ein Spiel. Man will es gewinnen. Die Leute für sich gewinnen. Mit allen Regeln und Tricks der Kunst", erklärt Silke Büscherhoff und zündet sich eine Zigarette an. Mit ihrer rockigen Kurzhaarfrisur verkörpert die 27-Jährige das Klischee einer Schlagzeugerin. Breitbeinig rauchend sitzt sie in Lederjacke und Jeans mit Wallet Chain in ihrer Wohnung in Münster. Doch wenn sie sich in ihrem Proberaum auf den nächsten Auftritt vorbereitet, kann von Ruhe keine Rede sein. "Zum Glück wohnt unter mir eine Schlagzeugkollegin", sagt sie und lacht. "Und die Vermieter sind fast taub."

Bereits im Alter von fünf Jahren erhielt sie erstmals Schlagzeugunterricht in der Musikschule ihrer Heimatstadt Lohne. Ihr Lehrer, ein begeisterter Marimbist und ehemaliger Straßenmusiker, weckte in ihr die Leidenschaft für das Marimbaspielen. Obwohl sich das Schlaginstrument, das zur Familie der Stabspiele gehört, inzwischen als Solo- und Orchesterinstrument etabliert hat, ist es in Deutschland nach wie vor den wenigsten bekannt. "Eine Marimba ist sozusagen ein großes Xylophon", erklärt Silke Büscherhoff und hüllt sich kurzzeitig in eine Wolke aus schlierigem Tabakrauch. "Im Bassbereich sind die Töne viel tiefer und haben deutlich größere Resonanzröhren." Bis zu fünfeinhalb Oktaven kann ein Marimbaphon, kurz Marimba, umfassen. Das Instrument, mit dem die Musikerin auf der Straße auftritt, hat mit seinen viereindrittel Oktaven und einer Länge von "nur" noch zwei Metern die Maße eines Esstisches auf Rädern.

Besonders gefällt ihr die Vielseitigkeit ihres Instrumentes. Ähnlich einem Klavier ist die ursprünglich aus Afrika stammende Marimba, die in ihrer heutigen Form erst seit wenigen Jahrzehnten existiert, in vielen Musikstilen zu Hause. "Man kann perkussive Stücke, afrikanische Musik, Klassik oder auch Jazz spielen", erklärt die Schlagzeugerin, die 2013 ihren "Master of Music" für klassisches Schlagwerk an der Musikhochschule Münster abgeschlossen hat. Diese Vielseitigkeit sei beim Musizieren auf der Straße besonders wichtig. Das Beste sei jedoch der Klang: "Das ist so ein geiler Sound!"

Ihr Traum, Musik zu ihrem Beruf zu machen, stieß nicht immer überall auf Verständnis. "Ich glaube, meine Oma denkt immer noch, dass ich auch Religion studiert hab'." Büscherhoff spielt in verschiedenen Bands und Ensembles und hat sich in Lohne den Traum einer eigenen Marimbaklasse mit 30 Schülern erfüllt. "Nicht nur eine Einnahmequelle zu haben, ist für jeden Musiker wichtig." Die Idee, auf der Straße zu spielen, kam von ihrem ersten Schlagzeuglehrer, der in seiner Schülerin einen "Typ" erkannte und sie vor neun Jahren überzeugte, einen Versuch zu starten. "Die ersten Male waren schon schlimm. Ich habe mich nicht getraut hochzugucken und die ganze Zeit kein Wort gesagt." Mit den ersten Erfolgen kam der Mut. "Wenn die Leute stehen bleiben und klatschen, weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist." Was mit einem kleinen Auftritt in Osnabrück begann, weitete sich aus auf Touren nach Hamburg, Berlin, Frankfurt, Dresden und München. "Demnächst habe ich zehnjähriges Straßenjubiläum. Das ist ein bisschen wie eine Sucht. Ich kann samstags nicht mehr einfach in die Stadt gehen, ohne zu spielen."

Diesmal musiziert sie auf Münsters Prinzipalmarkt. Kaum hat sie ihr Instrument, das mit stabileren Rädern ausgestattet wurde, um es kopfsteinpflastertauglich zu machen, neben einem Blumenstand aufgebaut, stehen die ersten Zuschauer bereit. "Mit vier Klöppeln!", raunt eine ältere Dame ihrer Begleitung bewundernd zu und meint die Schlägel, mit denen die Marimbistin die Palisanderplatten ihres Instrumentes anschlägt. Während Büscherhoff mit ihrem Repertoire aus Zwei- und Vier-Schlägel-Stücken durch die Musikepochen reist und ein Feuerwerk der Rhythmen abbrennt, wirft ein Mädchen einige Münzen auf die Abdeckhülle der Marimba. Mittlerweile hat sich eine Menschenmenge gebildet. "Großartig! Ganz große Klasse!", schwärmt eine Passantin mittleren Alters. "Es ist toll, wenn man mit den Leuten ins Gespräch kommt", erzählt die Musikerin. Besonders spannend seien Gespräche mit anderen Straßenmusikern. "Viele spielen natürlich aus finanziellen Nöten", erklärt sie.

Nur selten macht Büscherhoff schlechte Erfahrungen. "Einer hat mal gesagt: Zwei Euro, wenn du aufhörst", erinnert sie sich. "Die Straße ist eine ehrliche Bühne, eine harte Bühne." Wenn sie nicht gut genug sei oder dem Publikum die Stücke nicht passen, bekomme sie das sofort zu hören. Manche Musiker würden sogar beschimpft. "Man muss schon ein dickes Fell haben." Eine Überraschung erlebe man bei jedem Auftritt. "Einmal hat mich ein älterer Herr gebeten, La Cucaracha zu spielen, das habe seine Frau in den Sechzigern auf dem Xylophon gespielt. Als ich fertig war, hat er vor Rührung geweint." Manchmal spielen auch Leute mit oder tanzen. "Man erlebt das Verrückteste. Straße ist immer Überraschung."

Auch in ihrem Bekanntenkreis schlagen Silke Büscherhoff mitunter Vorurteile entgegen. Bei einer Familienfeier sei sie einmal gefragt worden, ob sie auch auf der Straße lebe. "Ich komme mit einem Auto angefahren und habe ein megateures Instrument am Start", ärgert sie sich und fügt hinzu: "Das ist schon ein bisschen frech." Umso mehr war 2011 die Jury des WDR-Wettbewerbs der Sendung "Daheim und Unterwegs" überzeugt, als sie der Münsteranerin den Titel "Beste Straßenmusikerin NRWs" verliehen. Seitdem tourt Silke Büscherhoff als Schlagzeugerin mit Jurymitglied Jimmy Kelly und seinem "Street Orchestra" durch Deutschland. "Bei Jimmy hab ich gesehen, was das Leben bieten kann", schwärmt sie. "Das sind Musiker, die haben noch echte Leidenschaft." Pure Freude am Spielen strahlt auch die Marimbistin aus, wenn sie die Schlägel über das Holz tanzen lässt. In atemberaubender Geschwindigkeit fliegen die Stäbe und entführen die Zuhörer mit der Melodie von "Erinnerung an Zirkus Renz" in die Manegenwelt. Applaus brandet auf, als Silke Büscherhoff die letzten Töne verklingen lässt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Für den Sound auf Holz klopfen
Autor
Charlotte Hahn
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2014, Nr. 243, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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