Entspannt kurbelt der junge Komponist an seiner Orgel

Gassenhauer und flotter Jazz erfüllen den Platz vor der Augustinuskirche in Schwäbisch Gmünd. Obwohl überwiegend ältere Männer in feiner Kleidung an ihren Instrumenten kurbeln, steht dort auch eine Dame im roten Kleid und verzaubert die Zuhörer mit Musik. Eine Besucherin ist besonders begeistert vom Zusammenspiel der Kirchen- und Drehorgel, die im Duett "Toccata und Fuge d-Moll" von Johann Sebastian Bach aufgeführt haben. "Der Respekt der Spieler voreinander ist aber so groß, dass sie nie versuchen würden, sich zu übertönen oder gegenseitig Konkurrenz zu machen", erläutert Kaspar Abele.

Der leidenschaftliche Drehorgelspieler hat Schwäbisch Gmünds erstes internationales Drehorgeltreffen ins Leben gerufen. Mehr als 40 Teilnehmer sind aus der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und aus Bayern angereist. Darunter auch der zweite Mitorganisator Winfried Klein aus Isen im Landkreis Erding, der mit seiner Lebenspartnerin Elisabeth Wolf auf vielen Drehorgelfestivals zu hören ist.

Mit seiner Holzorgel, die mit Blumen bemalt ist, seinem Anzug, dem Zylinder und dem Plüschaffen, der frech auf der Orgel thront, erzeugt Klein Nostalgie. Genau deswegen, meint Abele, würden die Leute heute noch Drehorgelspielern zuhören wollen. "Denn früher war ja alles besser. Es ist aber genauso ein Stück Kulturgeschichte. Diese Musikkultur hat die damals noch nicht vorhandene ,Bild'-Zeitung ersetzt." Ihren Ursprung hatte die Drehorgelmusik in elitären Kreisen, an Schlössern und Burgen, bis sie im 19. Jahrhundert zur Musik des Küchenvolkes verkam. Kaspar Abele stammt aus einer musikalischen Familie, hat sich aber nach erfolglosen Versuchen mit Geige und Waldhorn der "Königin der Instrumente" zugewendet. "Ich war fasziniert von ihrer Mechanik und dass es relativ einfach ist, mit ihr Musik zu machen." Die Töne werden durch die Pfeifen erzeugt, die von einem Blasebalg mit Luft versorgt werden. Dieser wird bewegt, sobald der Orgelspieler beginnt, an der Leier zu kurbeln. Damit die Pfeifen in der richtigen Reihenfolge und im richtigen Rhythmus Töne erzeugen, haben sie Ventile, die durch Stifte an zylinderförmigen Walzen geöffnet oder geschlossen werden. Das Muster der Stifte entspricht dem Lied, das mit der Orgel gespielt werden soll. Inzwischen gehe es auch elektronische Orgeln, diese seien jedoch verpönt, erklärt der Gmünder.

"Von Malermeistern bis Doktoren, von Lehrern bis Bautechnikern, die unterschiedlichsten Berufsgruppen unterhalten das Publikum, das finde ich sehr schön", schwärmt Abele, der sich als Hausarzt auf Naturheilverfahren spezialisiert hat. Winfried Klein verdient sein Geld mit dem Verkauf von selbstgestanzten Lochbändern. Er musste seinen Beruf als Kirchenmusiker an den Nagel hängen, nachdem bei einem Unfall drei Finger seiner rechten Hand versteiften. Die Informatikkenntnisse seines Sohnes halfen ihm, eine Stanzmaschine zu programmieren, die seine selbstkomponierten Drehorgelbänder produziert. Seine ganze Familie hänge im Drehorgelgeschäft mit drin. Damit sein Vater im Ruhestand wieder eine Aufgabe hatte, schenkte er ihm das Buch "Heimorgelbau" von Karl Bormann. S begann der eifrige Tüftler mit dem Bau. Bis zu seinem Tod vor sechs Jahren stellte der Schreiner mehr als 15 Drehorgeln her.

Ein junger Mann in Jeans kurbelt entspannt an seiner kleinen Orgel und lässt den Hit "Is it right" der Folk-Popband Elaiza ertönen. Erich Steiner kommt aus Peiting in Bayern und gilt als der weltweilt jüngste Komponist für Drehorgeln. Im Alter von drei Jahren besuchte er mit seinen Eltern ein Drehorgelfest. Seitdem ließ ihn die Faszination für dieses Instrument nicht mehr los, bis sein Vater eines Tages eine Schrottorgel kaufte und sie reparierte. Seinen ersten Auftritt hatte er im Kommunionanzug auf dem Bauernmarkt seines Heimatorts. Dabei merkte er, dass ihm die altmodische Musik nicht gefällt. "So habe ich angefangen, selber zu komponieren, aus Spaß auch mal die Melodie von Super Mario. Ich möchte zeigen, dass die Drehorgel nicht nur etwas für alte Leute ist, sondern auch modern sein kann." Begeistert über die Kreativität des 15-Jährigen, nennt Abele ihn einen "Drehorgelwurm" und kauft ihm sofort das Band von "Is it right" ab.

Informationen zum Beitrag

Titel
Entspannt kurbelt der junge Komponist an seiner Orgel
Autor
Milena Schurr
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2014, Nr. 243, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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