Slammen für die Ehre

Es geht heiter zu an diesem Dienstagabend am Spielbudenplatz auf dem Hamburger Kiez. Dem orangefarbenen Schlund vom Nachtklub "Molotow", eingequetscht zwischen den vielen Bars und Hotels der berühmt-berüchtigten Vergnügungsmeile, entsteigt eine bunte, laute Schlange. Ein paar schwarze Hüte hüpfen aus ihr heraus, ein grell gestreiftes T-Shirt blitzt auf, ab und zu tanzt ein schmales, in schwarze Jeansröhre gekleidetes Bein aus der Reihe. Im Molotow, dem Herzen der Slamburg, soll er stattfinden: der allmonatliche Kampf um Ehre, Ruhm und Applaus. 15 junge Autoren haben in dieser Nacht die Chance, beim Poetry Slam allen zu zeigen, was sie in Sachen Lyrik, Darbietung und Unterhaltung draufhaben. Mit vollem Körpereinsatz, wenn es sein muss. Mitten in der bunten Schar stehen Martin Basman und Rick Reuther. Beide schreiben seit langem Gedichte und Prosa. "Bei mir fing es schon ganz früh an", sagt der 16-jährige Rick grinsend. "Mit sieben schrieb ich Gedichte über Michael Schumachers Kinn." Inzwischen hat er sich anderen Themen zugewandt. Er ist ganz in Schwarz gekleidet, denn Imagepflege gehöre genauso zu einem Dichter wie gute Verse. Martin und Rick haben sich beim Veranstalter vorab online angemeldet und stehen nun, jeder ein Bier in der Hand, genau wie die Zuschauer Schlange. Die Wartezeit vertreiben sie sich mit reden; Bücher werden getauscht, Autorennamen fallen. Dabei ist die Veranstaltung nicht so abgehoben, wie die Gespräche den Eindruck erwecken könnten. Denn jeder darf slammen, vorausgesetzt, er traut sich auf die Bühne und verpasst den Anmeldeschluss nicht. Improvisationstalent und gute Texte sind trotzdem gefragt, schließlich sind alle Werke der Kritik einer manchmal milden, manchmal strengen, in jedem Fall aber einer unberechenbaren Jury ausgesetzt. Sie besteht aus Zuschauern, wird vor Ort gewählt und soll jeden der vorgetragenen Texte mit einer Punktzahl zwischen eins und zehn bewerten. Nach der vielzitierten Aussage Bob Holmans, eines amerikanischen Literaturaktivisten und Slam-Poeten, erhält eine Zehn das Gedicht, welches "einen spontanen kollektiven Orgasmus im Raum auslöst", und eine Eins jenes, das "nie hätte geschrieben werden dürfen". Grund genug für Nervosität bei den meist jugendlichen Autoren. Nicht bei Martin. Er gibt zwar zu, dass seine ersten Auftritte ihn nervös gemacht haben, mittlerweile habe sich die Aufregung aber gelegt. "Bier kann auch helfen", erklärt der 1,90 Meter große Abiturient und nippt gedankenverloren an seinem Pils. Basman nimmt seit anderthalb Jahren regelmäßig an Hamburger Slam-Veranstaltungen teil. Die Schlange rückt träge hinab in die kellerartige Klubhöhle. Im Herzen der fensterlosen Slamburg ist es heiß. Die Eifrigen besetzen sofort die freien Stühle, die anderen begnügen sich mit den Stehplätzen entlang der Wände. Die Bühne ist so niedrig, dass sich beim Slammen Dichter und Publikum von Angesicht zu Angesicht begegnen können. Wer mit dieser Nähe ein Problem hat, ist hier falsch. Von der ersten Minute an ist das Publikum involviert, es gilt, eine geeignete Jury zu finden. Repräsentativ soll sie sein, und so wird auch heute Abend nach ganz verschiedenen Leuten gesucht. Tina Übel, eine der Initiatoren von "Slamburg", erklärt die Regeln: Bewertet wird das Werk und nicht der Verfasser, die fünfköpfige Jury hat die Macht über die Punkte, nach fünf Minuten klingelt für jeden der Vortragenden die Eieruhr, am Ende wird ein Sieger gekürt. Das Zeitlimit darf nicht überschritten werden es sei denn, das Publikum will es so. "Ich ,probiere' meine Gedichte vor dem Slam aus, um zu gucken, ob die Zeit reicht oder nicht", sagt Martin. "Wenn aber ein Gedicht länger oder kürzer ausfällt als erfordert, macht es mir nicht viel aus. Schließlich entscheidet ja immer noch das Publikum, ob es das ganze Gedicht hören will oder nicht." Ein mittelgroßer Mann mit dunklen Haaren betritt die Bühne. Laut und mit guter Betonung trägt er seine Kurzgeschichte vor, in der eine Hummel erstaunliche Buchstabierfähigkeiten zeigt: Es geht um einen toten Vater, der in Form einer schlauen Hummel zurückkehrt, um seiner kleinen Tochter mit Hilfe ausgefallener Flugmanöver seine Geburtstagswünsche zu überbringen. Der Applaus ist mäßig, die Punktanzahl auch; die Messlatte für die kommenden Performer ist gelegt. "Eigentlich ist es Quatsch, Gedichte zu bewerten. Aber ohne die Punkte würde es Slam nicht geben", stellt Martin fest, und Rick ergänzt: "Leute brauchen für alles einen Sieger, und beim Slam ist es nicht anders. Es ist wie bei den Noten in der Schule: Nicht immer ist der mit dem besten Schnitt auch der Intelligenteste." Beide sitzen im Vorraum, aus Lautsprechern ertönt die Stimme der vortragenden Dichter. Beide kommentieren die Qualität der Gedichte. Während Rick der Meinung ist, man könne beim Slam "meist keine gute Lyrik" finden, sieht Martin das anders. "Jemand, der einen Text für Poetry Slam schreibt, ist sich darüber klar, dass er den Text vor dem Publikum präsentieren muss, dass er an die Zeitbegrenzung gebunden ist. Deswegen werden sie anders geschrieben als Lyrik oder Prosa, die gedruckt wird, die über viele Seiten oder auch nur ein paar Zeilen gehen kann. Sie kann auch wiederholt werden, während der Slam-Beitrag vorgetragen und vom Publikum direkt und nur einmal aufgenommen wird." Schließlich müssen Martin und Rick auf die Bühne. Ihre Darbietung beweist, dass man als Teilnehmer beim Poetry Slam nicht unbedingt als "Crowdpleaser" enden muss. Für Rick ist das genaue Gegenteil der Fall: "Ich spalte gerne das Publikum", erklärt er. "Für mich gibt es nichts Besseres, als wenn mir einer aus der Jury zehn und ein anderer zwei Punkte gibt." Was ihm an diesem Abend auch zum Teil gelingt; rund die Hälfte des Saals kreischt während seines Vortrags: "Weiter!", während die andere Hälfte lautstark seinen Abgang von der Bühne fordert. Es sind nur fünf Minuten, die über den Verlauf des Abends, über Sieg und Niederlage entscheiden. Fünf Minuten, in denen jedes Wort zählt, auch wenn scheinbar ein ganzer Wortschwall aus den Dichtermündern heraussprudelt. Um was es sich handelt? "Innere Bilder, wo ich denke: Das kannst du nirgends besser als in einem Gedicht sagen", sagt Rick.

Informationen zum Beitrag

Titel
Slammen für die Ehre
Autor
Julia Rotenberger Charlotte-Paulsen-Gymnasium, Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2010, Nr. 292 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180