Pferdesalbe für die Streicher

Atemlose Stille. 95 Musiker und 1200 Zuhörer halten die Luft an. Der Dirigent lässt nur langsam seinen Dirigierstab sinken. Tosender Applaus. 50 Minuten war jeder gefangen in einer anderen Dimension - in Russland, 1937, als Schostakowitsch seine 5. Sinfonie komponierte. In so manchen Musikeraugen glitzern Tränen bei diesem Abschlusskonzert in der Stuttgarter Liederhalle. Mit einer sechstägigen Deutschland-Tour feierte die Junge Waldorfphilharmonie (JWPS) ihr zehnjähriges Bestehen. Zu den Konzerten in Waldorfschulen in Berlin, Hamburg und Kassel waren die 100 Musiker und 15 Helfer vom Organisationsteam in zwei Bussen unterwegs.

2004 gründet Sebastian Brüning die Junge Waldorfphilharmonie, um junge, begabte Musiker aus ganz Deutschland zu vernetzen und ihnen zu ermöglichen, sinfonische Werke auf höchstem Niveau unter Anleitung von Profis zu erarbeiten und aufzuführen. Längst ist die Waldorfphilharmonie ein Orchester, das durch das Prinzip "von Schülern für Schüler" lebt. Einmal im Jahr werden eine Woche lang Werke geprobt, Konzerte bestritten - und alles ausschließlich von Schülern organisiert.

Das stößt oft auf Skepsis. So müsse man eben Skeptiker überzeugen, dass das Orchester "nicht eine Chaotentruppe" sei, sagen Lydia und Sebastian vom Organisationsteam, sondern eben "eine tolle Truppe, gewissenhaft und überlegt, witzig und spontan, musisch und ernst, verlässlich und kompetent". Immer wieder müssen die sogenannten Orgas schmunzeln, wenn gefragt wird: "Schön und gut, aber wo sind denn jetzt die Verantwortlichen?" Und dann die ungläubigen Blicke, wenn es heißt: "Wir sind die Verantwortlichen." So werden Gleichaltrige von Gleichaltrigen ins Bett gebracht. Um 23 Uhr ist Nachtruhe, am nächsten Morgen ist um neun Uhr die nächste Tutti- oder Dozentenprobe.

Ein Tag beginnt um 8 Uhr, wenn laute Musik durch die Gänge der Waldorfschule in Filderstadt bei Stuttgart dröhnt und die Musiker in ihren Matratzenlagern aus dem Schlaf holt. Gemeinsam wird gefrühstückt. Je nach Plan stehen Tutti-Proben mit allen unter dem Dirigat von Patrick Strub an oder Proben unter der Leitung von professionellen Dozenten. Auch in der Mittagspause wird geprobt, in kleinen Ensembles für den bunten Abend oder manchmal nur eine schwere Stelle aus einem der Werke. Bei schönem Wetter wird draußen musiziert, unter Apfelbäumen und Beschuss von Volleybällen oder Badmintonschlägern. Auch nachmittags stehen Proben auf dem Programm, manchmal auch nach dem Abendessen - sieben bis zehn Stunden am Tag. "Ich hab sogar schon Hornhaut auf der Innenseite meiner Lippe", sagt eine Oboistin. Das Orga-Team hält für die Streicher Pferdesalbe bereit, um Sehnenscheidenentzündungen vorzubeugen. Liebevoll bereitet das Team Casinoabende, Nachtwanderungen oder Filmabende vor.

Töne dringen aus den Nebengebäuden, den Schlafsälen - und wenn schon alle Probenräume belegt sind, wird eben auf der Toilette oder in den Duschräumen geprobt. Eine Tournee muss auch finanziert werden. Sponsoren und Fördergelder müssen gefunden, Finanzen verwaltet werden. Zum Jubiläum wurde das bisher wohl anspruchsvollste Programm gewagt: Wagners kurze, dynamische Einleitung zum 3. Akt seiner Oper Lohengrin, Bruchs erstes und bekanntestes Violinkonzert, geprägt von Klangschönheit und ausdrucksstarker Melodik. Und die 5. Sinfonie von Schostakowitsch, geschrieben im stalinistischen Russland. "Dieses Werk ist mehr als eine Folge von Tönen", sagt Dirigent Patrick Strub, der auch das Christophorus-Symphonie-Orchester leitet, das sich zu einem der bedeutendsten Studentenorchester in Süddeutschland entwickelt hat. Strub ist regelmäßig Gastdirigent an Musikschulen in Deutschland, Australien, Kanada und den Vereinigten Staaten.

Schostakowitschs Sinfonie sei Geschichtsunterricht, sagt eine Teilnehmerin. "Diese Musik berührt, lässt keinen von uns kalt." Auch die Konzertbesucher sind mitgerissen vom Elan der jungen Musiker. Die JWPS fühle sich an wie eine riesige Familie, in der sich jeder wohl fühlt, das sei wie eine Sucht, sagt Konzertmeister Jonas Steinmetz: "Viel zu lustig und gut, um davon wieder wegzukommen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Pferdesalbe für die Streicher
Autor
Vesna Hetzel
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2014, Nr. 243, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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