Die Federn Richtung Himmel steigen lassen

Wenn man die Carmenstraße am Zürichberg entlanggeht, sieht das Hospiz Zürcher Lighthouse genauso aus wie jedes andere Haus in der Umgebung. Mit seinen orange gestrichenen Mauern und roten Fensterläden hält man das hundert Jahre alte, dreistöckige Haus für ein Wohngebäude. Kaum einer würde erraten, dass es sich um ein Hospiz handelt, in dem Menschen betreut werden, die unheilbar krank sind. "Das Kleine der Situation ermöglicht uns ganz individuelles Arbeiten. Das braucht es bei Menschen in dieser Lebensphase auch", sagt Andrea Ott-Wabel, die stellvertretende Leiterin im Pflegedienst.

Das Hospiz besteht aus vierzehn Einzelzimmern. Es ist ruhig, nur selten fährt ein Auto vorbei. "Es ist alles klein, und man kennt sich", sagt Ott-Wabel. Im Hospiz ist es wichtig, die Lebensqualität zu fördern. "Für einen Arzt heißt Lebensqualität, möglichst wenig Symptome zu haben. Für die Physiotherapeutin, die mitarbeitet, ist Lebensqualität, möglichst aktive Bewegung bis zum Schluss zu haben, und für mich in der Pflege ist ein guter Prozess mit den Angehörigen wichtig, damit sie mit der Situation umgehen können. Die Motivationen sind extrem auf die Profession abgestimmt." Hier arbeitet ein multiprofessionelles Team. "Diese Art der Zusammenarbeit ist etwas vom Wichtigsten im Hospiz, obwohl sie nicht immer einfach ist. Es können verschiedene Leute Ideen bringen. Das ist wichtig für den Bewohner", sagt Ott-Wabel.

Auch Rituale sind wichtig. "Sie geben Sicherheit und einen Ablauf. Vergangene Woche sind drei Menschen hier gestorben. Rituale helfen einem, bewusst Abschied zu nehmen." Für jeden Bewohner wird im Flur des Erdgeschosses eine Feder aufgehängt. Wenn er oder sie stirbt, wird diese abgeschnitten und an einen Heliumballon aufgehängt. Die Angehörigen und die Angestellten treffen sich draußen und übergeben in Begleitung von Musik die Feder dem Himmel Zürichs. "Wir sehen, wie die Federn Richtung Himmel gehen. Das ist wie ein letztes Loslassen", sagt Ott-Wabel.

Unter den aufgehängten Federn befindet sich ein Buch, in welches das Geburts- und Todesdatum des Bewohners eingetragen wird. Die Angehörigen können etwas hineinschreiben oder ein Foto einkleben. Wenn jemand stirbt, steht das Buch offen, und eine Kerze wird angezündet, bis der Sarg mit dem Verstorbenen das Haus verlässt. Dann schließt man das Buch und löscht die Kerze. "Wir nehmen gemeinsam Abschied. Allein Abschied zu nehmen wäre viel schwieriger", sagt Andrea Ott-Wabel, während sie das Buch durchblättert. Sich täglich mit dem Tod auseinanderzusetzen kann manchmal belastend sein. Sie hat eigene Strategien, um damit klarzukommen. "Wenn ich nach Hause komme, gehe ich gerne unter die Dusche, um mir den anstrengenden Tag sozusagen wegzuspülen. Ich gehe auch gerne in der Natur joggen. Es gibt immer wieder Situationen, welche einen bis nach Hause begleiten."

Seit fünf Jahren arbeitet sie hier. "Meine Schwester wurde schwer krank, als sie zwanzig war. Es war nicht klar, ob sie überleben würde. Die Ärzte und die Pflegenden hatten Zeit für jedes Medikament, aber nicht für Gespräche. Doch diese sind wichtig für Menschen, die in einer solch existentiellen Situation sind. Meine Schwester ist nicht verstorben, aber trotzdem hat mich das Thema weiterhin beschäftigt. Deshalb hat mir auf Anhieb gefallen, dass das Hospiz einem solche Gespräche bietet." Und sie fährt fort: "Ich finde es inspirierend, hier zu arbeiten. Es ist ein Privileg, mit Menschen zusammenkommen zu dürfen, die konkret, faszinierend und so wesentlich sind. Hier drin ist man pur. Für alles andere hat man keine Zeit mehr." Die Autonomie des Bewohners hat im Hospiz einen hohen Stellenwert. "Man muss wissen, was ein Mensch will und was er nicht will. Letzte Woche ist hier jemand verstorben, der keine Schmerzmittel wollte. Das haben wir respektiert", sagt die Mitarbeiterin. "Man muss auf jeden Menschen individuell zugehen können. Es gibt kein Richtig oder Falsch, sondern nur passend oder unpassend. Denn was bei einer Person richtig ist, kann bei der nächsten falsch sein. Man muss merken, dass es nicht darum geht, ob man selbst etwas gut findet oder nicht, sondern ob es die Bewohner gut finden. Ich sterbe irgendwann, und dann geht es um mich, aber jetzt geht es um diese Menschen." Genau festgelegte Tagespläne gibt es im Hospiz nicht. "Es ist ein bisschen wie zu Hause. Man hat seine fixen Abläufe, und doch ist es möglich, die Dinge anzupassen."

Es kommen Menschen verschiedener Altersklassen ins Hospiz. "Vergangenes Jahr war der jüngste Bewohner, der hier verstorben ist, 26 Jahre alt. Die ältesten Bewohner sind über achtzig." So ergeben sich manchmal Unterschiede bei der Behandlung. "Die jüngeren Bewohner können meistens besser sagen, was sie wollen. Bei betagten Menschen brauche ich oft mehr Zeit, um zu merken, was sie möchten. Meistens haben sie auch schon mehr Einschränkungen. Aber im Einzelfall kann das variieren." Man arbeitet familienzentriert. "Die Angehörigen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Es ist wichtig, sie mit einzubeziehen", sagt Andrea Ott-Wabel. "Einige haben fast niemanden mehr, und andere haben große Familien. Einige Angehörige schlafen auch hier und helfen mit, andere sind sehr verunsichert." Verschiedene Räume stehen zur Verfügung, es gibt ein Kunstatelier und den Raum der Stille, " ein konfessionell neutraler Raum, in den man sich zur Andacht oder zum Rückzug begibt. Es ist eine Rückzugsmöglichkeit außerhalb des eigenen Zimmers."

Im Wartezimmer befindet sich eine Spendenkasse. Das Hospiz ist auf Spendengelder angewiesen. "Wir können nur arbeiten, weil wir Spenden haben. Wenn wir keine Stiftung hätten, hätten wir wenig Zeit für die Leute. Dass wir Zeit haben, uns zu den Bewohnern zu setzen und ihnen zuzuhören, ist nur dank der Spendengelder möglich. Wir haben auch viele freiwillige Mitarbeiter, die uns helfen." Auch wenn ein Bewohner spezielle Wünsche hat, versucht man, sich darum zu kümmern. "Jemand hat sich gewünscht, eine Stunde spazierengehen zu können. Auch Projekte, wie zum Beispiel ein EM-Spiel zu sehen, versuchen wir möglich zu machen. Man braucht dabei aber auch immer die Unterstützung der Angehörigen."

Ihr Leben habe sich durch ihre Arbeit stark verändert. "Es ist herausfordernd. Ich muss mich selbst und mein Leben überdenken. Sachen, die früher vermeintlich wichtig waren, sind es nicht mehr, und andere sind wichtiger geworden."


Informationen zum Beitrag

Titel
Die Federn Richtung Himmel steigen lassen
Autor
Marta Lapcic
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2014, Nr. 249, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180