Virtuelle Trauerseiten

Wie ein seltsames, verworrenes, goldenes Muster sehen die Linien auf dem Grabstein aus. Was auf den ersten Blick wie eine künstlerische Spielerei aussieht, erweist sich als QR-Code. Das ist das Werk des Steinbildhauermeisters und Steintechnikers Johannes Moser aus Schnaitheim nahe Heidenheim. Scannt man den Code, wird auf dem Display des Smartphones ein Link angezeigt. Folgt man diesem, gelangt man auf eine virtuelle Trauerseite. Der Hintergrund ist wie ein Stein gestaltet, an ihm hängen Fotos in goldenen Rahmen. Sie zeigen den Verstorbenen mit seiner Familie, im Urlaub und bei seinem Hobby Motorcross. Man habe die Möglichkeit, die Trauerseite immer wieder umzugestalten, und müsse sich nicht auf ein Motiv oder Zitat festlegen, erläutert Moser.

Der erste QR-Code, Quick Response Code, was übersetzt so viel wie schnelle Antwort bedeutet, wurde 1994 in Japan entwickelt. In den vergangenen Jahren fand er in Deutschland größere Anwendung in Werbeanzeigen oder auf Produkten wie Keksverpackungen. Aber auf einem Grabstein? "Eine Kundin wollte auf dem Grab auf eine von ihr eingerichtete Gedenkseite im Internet hinweisen. So hatte ich die Idee, die Seite mit einem QR-Code zu verbinden, und habe versucht, die Muster in Stein zu meißeln." Ursprünglich habe er sich vorgestellt, dass man eine kleine Bronzetafel am Rand des Steines befestigt. Nach und nach fand er weitere Varianten. "Es gibt verschiedene Arten, diese Platten herzustellen. Entweder mit einem Laser, einem Bohrer oder einem Sandstrahlgerät. Durch den Druck wird das Gestein herausgefräst, ähnlich wie bei einem Relief und dann je nachdem in Gold- oder Bronzetönen lackiert." Die Relieftafeln sind für 100 Euro zu haben.

In seiner Werkstatt, in der Grabsteine und Steinblöcke in vielen Größen, Formen und Gesteinsarten lagern, erzählt der 32-Jährige von seinem Werdegang. Er entschied sich, es Vater und Großvater gleichzutun und die 120-jährige Tradition des familieneigenen Betriebs Grabmale Natursteine Bildhauerei Moser in der fünften Generation fortzuführen. Moser legt Wert auf die Verbindung zwischen Technik und Handwerk und stellt auch Skulpturen und Möbelstücke aus Stein her. Wegen seiner kreativen Ideen erhielt er ein Stipendium für die Meisterschule in München und arbeitete bei der Restaurierung des Deutschen Friedhofs im Vatikan.

In Schnaitheim hat er mittlerweile den Titel "Künstler" verpasst bekommen. Auch wenn er erst zwei derartige Grabsteine mit QR-Code angefertigt hat, ist Johannes Moser überzeugt, dass die Idee weiter Zulauf findet. Vor allem für die jüngere Generation sei es eine neue Möglichkeit, des Verstorbenen zu gedenken. Zumal sich die meisten mittlerweile für ein Urnengrab entscheiden, was er sehr bedauert, da es keinen Platz gebe, es zu etwas Persönlichem zu gestalten.

Er findet es unfair, wenn Menschen Grabsteine dieser Art von vorneherein ablehnen. "Als die Heidenheimer Zeitung einen Artikel über mich veröffentlicht hat, wurde das Thema auf Facebook diskutiert und von den meisten gleich abgewertet. Ein örtlicher Radiosender hat dazu auch eine Umfrage gemacht, die ebenso negativ ausgefallen ist."

In erster Linie dient die Internetseite dazu, dass man viel über den Toten erfährt, sei es durch seine Biographie und Bilder oder indem er sich vor seinem Tod persönlich an die Hinterbliebenen wendet. Eine Nutzung als Kondolenzbuch ist genauso möglich.

Dem eher kritisch gegenüber steht Margot Neuffer, 54-jährige evangelische Pfarrerin der Gemeinde Böbingen: "Wenn man einen überraschenden Todesfall im nahen Umfeld miterlebt, trennt dieser Schmerz einen unweigerlich von den anderen. Durch so eine Trauerseite kann man zwar sein Beileid aussprechen, sie verführt jedoch dazu, nicht direkt zu dem Trauernden hinzugehen und für ihn dazu- sein." Dadurch würde dieser erst recht vereinsamen. Sie glaubt außerdem, dass sich durch die dauerhafte Präsenz des Websiteinhalts das persönliche Bild, das man von dem Toten hatte, stark verändern würde. Es müssten nicht immer Bilder und Worte sein, es würde auch unser Gedächtnis reichen, um die Erinnerung an den Verstorbenen zu behalten.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Virtuelle Trauerseiten
Autor
Milena Schurr
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2014, Nr. 249, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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