Erst die Klinik-Aggregate schützen, dann die Keller leerpumpen

Um effizient helfen zu können, bedarf es eines kühlen Kopfs. Bei Regenfluten stehen Kliniken im Fokus, nicht private Keller. Stephan von Delft arbeitet ehrenamtlich für das Technische Hilfswerk in Münster.

Rund 170 Liter Regen auf den Quadratmeter in nur einer Stunde überfluteten Münster am 27. August 2014. 800 Notrufe gingen bei der Feuerwehr ein, Sachschäden in Höhe von mehr als 80 Millionen Euro meldeten die Versicherungen - so beschrieben es die lokalen Zeitungen. Die freiwilligen Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) erlebten hautnah, was solche Wassermassen anrichten können. Mit allen Kräften und Fahrzeugen, die zur Verfügung standen, versuchte das THW Münster den Betroffenen zu helfen. Doch vor allem zu Beginn der Rettungseinsätze mussten sie an Menschen vorbeifahren, deren Keller voll Wasser gelaufen waren und die sehnsüchtig nach Hilfsfahrzeugen Ausschau hielten.

"In solchen Ausnahmesituationen haben wir eindeutige Prioritäten zu setzen", berichtet Stephan von Delft, der seit zehn Jahren ehrenamtlich mitarbeitet. "Als Erstes mussten wir das Notstromaggregat der Münsteraner Uniklinik schützen und die Pumpen des gesamten Abwassersystems unterstützen, da sonst die Abflüsse übergelaufen wären. Leider denken viele oftmals nicht so weit und gehen irrigerweise davon aus, das THW sei untätig, wenn es gerade keinen ihrer Keller leer pumpt." Insgesamt waren 180 ehrenamtliche Helfer des THW im Einsatz, doch die Hilfskräfte aus Münster reichten nicht aus. Zusätzlich zu den benachbarten Städten sandten sogar Köln und Hannover Mitglieder ihrer THW-Ortsverbände nach Münster, um beim Freiräumen der Straßen und Promenade behilflich zu sein. Das Technische Hilfswerk beschreibt sich selbst als Zivil- und Katastrophenschutzorganisation der Bundesrepublik Deutschland. Träger des THW mit seinen 80 000 engagierten Helfern und rund 700 Ortsverbänden ist das Bundesinnenministerium. Die Leitung befindet sich in Bonn, ihr unterstehen die Landes- und Ortsverbände. Nur ein Prozent der Mitarbeiter ist fest angestellt und erledigt vor allem die anfallenden Verwaltungsaufgaben. Die restlichen 99 Prozent sind ehrenamtlich tätig und üben noch einen anderen Beruf aus, bei dem es sich nicht zwangsläufig um ein Handwerk handeln muss. Vom jungen Studenten bis zum lebenserfahrenen Rentner ist jede Altersgruppe vertreten, der Frauenanteil liegt bei zwölf Prozent.

Vor zehn Jahren kam Stephan von Delft als Zivildienstleistender zum THW. Der 28 Jahre alte Hobbysportler arbeitet hauptberuflich als Wirtschaftschemiker an der Universität Münster und fungiert zurzeit beim THW als Fachberater. Der wissenschaftliche Mitarbeiter erzählt, dass durch die heute ausbleibenden Zivildienstleistenden das THW über mehr als 25 Prozent weniger Mithelfer verfügt. Nachdenklich erklärt von Delft, warum er auch nach Ablauf seiner Verpflichtung freiwillig beim THW geblieben ist: "Für mich ist es wichtig, dass ich mich gesellschaftlich engagiere, da es uns hier in Deutschland möglich ist, ein gutes, friedliches Leben zu führen, dafür bin ich dankbar und möchte durch meine ehrenamtliche Tätigkeit dem Staat in gewisser Weise etwas zurückgeben." Er fügt hinzu, dass natürlich das Schönste seiner Arbeit die Dankbarkeit der Betroffenen nach den Einsätzen sei.

Jeder Ortsverband in Deutschland verfügt über einen technischen Zug, so werden die verschiedenen Fahrzeuge genannt, die bei einem Unglück zum Einsatz kommen können. Die Fahrzeuge sind überall gleich aufgebaut, sodass sich die Helfer auch in anderen Städten schnell zurechtfinden. In Münster besteht der technische Zug aus zwei Bergungsgruppen, der Fachgruppe Räumen, der Fachgruppe Logistik und der Fachgruppe Führung und Kommunikation. Die einzelnen Fachgruppen variieren von Stadt zu Stadt. Der Führungswagen ähnelt von außen einem blauen Wohnmobil. Innen ist er eher spärlich eingerichtet mit einem großen, achteckigen Buchenholztisch in der Mitte, umgeben von sechs blauen Schreibtischstühlen. An der Wand hängt eine Stadtkarte mit Markierungen und Beschriftungen über die aktuellen Einsatzgebiete, ansonsten ist das Fahrzeug leer. Von hier aus kann der Einsatz direkt vor Ort koordiniert werden. In einem solchen Fall ist es zum Beispiel die Aufgabe von Stephan von Delft, der Feuerwehr die Möglichkeiten des THWs zu erläutern. Es geht vor allem um Absprachen zu Aufgaben, die sie beim Einsatz übernehmen können.

Einer der größten deutschlandweiten Einsätze in den vergangenen Jahren war das Elbehochwasser 2013. Dort unterstützten Stephan von Delft und zahlreiche weitere Helfer des THW Münster die Bevölkerung. Die Hauptaufgabe lag im Stapeln von Sandsäcken, um die Wassermassen zurückzuhalten. So schafften es die Freiwilligen aus Münster, eine Kita im letzten Moment vor den Fluten zu retten. Des Weiteren musste in einer Nachtaktion ein Sendemast gerettet werden, da sonst einige Menschen von der lebensnotwendigen Infrastruktur abgeschnitten worden wären, erinnert sich der ledige junge Mann. In Zwölf-Stunden-Schichten räumten die Freiwilligen des THW Wege und Übergänge frei, führten Tankfahrten durch, sorgten für Beleuchtung und leisteten Pumparbeiten. Doch das Hilfswerk stand nicht alleine da. Von Delft berichtet von einem Erlebnis, als zu wenige Helfer zur Verfügung standen, um der Fluten Herr zu werden. Zwei Jugendliche erkannten die problematische Lage der THWler. Mit Hilfe ihrer Smartphones organisierten sie innerhalb von 20 Minuten 30 weitere freiwillige Helfer. Es scheint, als ob die Bevölkerung in der Not näher zusammenrückt. Doch diesem Eindruck stimmt Stephan von Delft nur eingeschränkt zu. Vor allem in der Nachbarschaft sei die Anonymität gewachsen und Nachbarschaftshilfe eher selten. Es sei nicht mehr selbstverständlich, dem Nachbarn beim Leerräumen des Kellers zu helfen, so wie es noch vor 30 Jahren üblich gewesen sei.

Größere Einsätze können bis zu zwei Wochen dauern. In dieser Zeit können die ehrenamtlichen Helfer ihrem Beruf im Alltag nicht nachkommen, hierfür entschädigt der Bund die Arbeitgeber finanziell. Stephan von Delft erzählt, dass das THW Münster außerdem einmal im Jahr Arbeitgeber zu Würstchen und Getränken einlädt, da ihm bewusst ist, dass es vor allem in kleinen Betrieben durch die Abwesenheit der Helfer zu Unannehmlichkeiten kommen kann.

In Münster hatte sich nach einigen Tagen die Lage entspannt. Die Promenade war wieder begehbar, und die Keller waren alle entwässert. In Erinnerung bleiben nicht nur in Not geratene Menschen und viele Kubikmeter nasser Sperrmüll, abgelegt an den Straßenrändern, sondern auch die tatkräftigen Helfer.

Informationen zum Beitrag

Titel
Erst die Klinik-Aggregate schützen, dann die Keller leerpumpen
Autor
Caroline Geuking
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2014, Nr. 255, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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