Tröstende Hände

Das Licht ist gedimmt. In der Küche sitzt eine Kinderkrankenschwester, hält ein Neugeborenes und streichelt es. Ein Seufzen entwischt dem winzigen Mund. Die Augen sind geschlossen. Rund um die Babys tanzen Bären auf den Decken, der Kleidung und den Wänden der Station. Es ist spät in der Nacht, als Sophie ihre Nahrung bekommt. Durch einen Zugang, der mit einem herzförmigen Pflaster am Körper des Kindes befestigt ist und in die Nase führt, spritzt die Schwester 23 Milliliter Milch durch den transparenten Schlauch. Alle drei Stunden wird das Frühchen gefüttert. Zwischen den Mahlzeiten liegt es in einem Inkubator und schläft. "Das ist wie ein Brutkasten", erklärt die Gesundheits- und Krankenpflegerin Brigitte Dadrich. "Darin wird die Temperatur und der Sauerstoffgehalt passend für jeden Säugling reguliert."

Ein blaues Display am Inkubator gibt unter anderem Informationen über Luftfeuchtigkeit und Temperatur in der Box. Es ist sehr warm in solchen Kästen, bis zu 32 Grad Celsius. Das ist wichtig, da Frühchen sich in so einem Umfeld geschützt fühlen und besser entspannen. Zusätzlich ist jedes Kind in eine weiche Decke eingewickelt. Da vom Krankenhaus nur weiße Deckchen zur Verfügung gestellt werden, haben die Schwestern der Station einige bunte Decken mit Figuren angeschafft.

Seit 22 Jahren arbeitet die schlanke Mittvierzigerin mit den braunen Haaren im Josefinum Augsburg, seit neun Jahren auf der Intensivstation für Frühgeborene. Die Küche bildet den sozialen Treffpunkt auf Station fünf. Auf der Frühchenstation landen alle Babys, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren wurden. In Deutschland ist jedes neunte Kind ein Frühchen. Warum einige Kinder es so eilig haben, auf die Welt zu kommen, kann man sich nicht erklären, in den meisten Fällen liegt das Problem beim Körper der Mutter, der mit den ungewohnten Belastungen nicht klarkommt. Frühgeburten gibt es bei jungen wie bei älteren Frauen. Anders als noch vor 20 Jahren haben Frühchen heute eine gute Chance zu überleben. Die fortschreitende Technik, die ständige Überwachung und die Fürsorge machen das möglich. Dennoch können Probleme auftreten. Hirnblutungen oder eine spätere Behinderung sind in den ersten Wochen nach der Geburt nicht absehbar. Anfangs wüssten die Eltern nicht, wie sie mit so einem "rohen Ei" umgehen sollen. Brigitte Dadrichs versucht, die verängstigten Eltern auf die Situation einzustimmen, und gibt ihnen Tipps zu Pflege und Umgang. Sie wissen, was bei der Visite besprochen wird, haben ein Mitspracherecht und können rund um die Uhr bei ihrem Kind sein, um es zu beobachten oder auf den Arm zu nehmen, je nach Gesundheitszustand. Einige von ihnen bleiben über Nacht im Krankenhaus. Je nach Zustand des Kindes wird manchmal jede viertel Stunde, manchmal nur jede Stunde aufgezeichnet, wie sich die Vitalwerte wie Atmung, Blutdruck, Herzschlag oder Körpertemperatur verhalten. Nur vereinzelt ist ein Piepen der Maschinen oder ein Schrei zu hören. Das kann sich jederzeit ändern. "In diesem Moment ist alles ruhig, und im nächsten ist hier ein Riesentumult", erklärt Dadrich. Wann es zu laut wird, zeigt eine Ampel an. Sie sieht aus wie eine Verkehrsampel. Sensoren nehmen die Geräusche wahr und entscheiden, was für die Kinder zu viel ist. Ist es zu laut, leuchtet das rote Lämpchen, und die Pflegerinnen beruhigen die Kinder.

Fast jedes Kind kann gerettet werden. Aber es schaffen eben nicht alle. "Trotz all der Berufsjahre bin ich jedes Mal aufs Neue mitgenommen. An so etwas gewöhnt man sich nie", sagt die zweifache Mutter. Manchmal kann das Kind mit Hilfe der Technik so lange am Leben gehalten werden, bis die Eltern eintreffen. Nach dem ersten Schock werden sie vor die Entscheidung gestellt, ob und wann die Geräte abgestellt werden.

Die Idee für diesen Beruf kam Brigitte Dadrich während eines Praktikums im Altenheim. "Ich wollte an den Anfang des Lebens und nicht an das Ende." Hingebungsvoll streichelt eine Kollegin den Kopf eines Kindes, das am Tag zuvor auf die Welt kam. Es ist nur wenige Wochen länger im Mutterleib gewesen als andere Frühgeborene der Station. Der kleine Körper bebt. Es hat Schluckauf, gerät in Panik. Die Schwester legt eine Hand auf Kopf und Brust. "Meine Hände sind eine Art Begrenzung. Das Kind merkt so, dass keine Gefahr droht, und beruhigt sich." Tatsächlich schläft das Mädchen ein.

Informationen zum Beitrag

Titel
Tröstende Hände
Autor
Ingrid Stein
Schule
Justus-von-Liebig-Gymnasium , Neusäß
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2014, Nr. 255, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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