Prüfung zwischen Trümmerbergen und Ruinen

Heute ist der große Tag. Doris Tanner und ihre Hündin Kaja, ein Toller-Retriever-Mischling, stehen vor einem riesigen Trümmerhaufen auf einem Militärgelände in Genf. Die 43-Jährige wirkt ein wenig nervös. Sie geht in die Hocke und streicht ihrer Gefährtin noch einmal über den Kopf. Auf ihren Befehl "Such!" läuft die neugierige Hündin los. Sie schnüffelt, klettert über Betonteile, hält kurz inne, steckt die Nase in eine Öffnung, balanciert weiter, widmet sich einer Stelle intensiver - schließlich bellt sie kräftig. Die blondhaarige kaufmännische Angestellte geht lobt sie, reicht ihr ein Leckerli und ruft durch die Öffnung zwischen zwei Betonplatten: "Liegt da jemand?". Als sie auch auf wiederholte Nachfrage nichts hört, dreht sich die Zürcherin den Begutachtern zu und sagt: "Anzeige. Im Ernstfall zur Überprüfung ein zweites Team losschicken. Das Opfer könnte bewusstlos sein."

Einer der Begutachter nickt und erklärt: "Bei der Prüfung ist jedes Team auf sich allein gestellt, im Ernstfall arbeiten drei Teams zusammen, die sich bei der Suche abwechseln. Falls bei einer Anzeige des ersten Teams niemand antwortet, wird ein zweites zur Kontrolle beigezogen. Erst wenn auch der zweite Hund eine Anzeige gibt, wird die angegebene Stelle in den Trümmern durchsucht."

Der Schweizerische Verein für Katastrophenhunde Redog, vom englischen Rescue Dog, wurde 1971 gegründet und ist Teil der Rettungskette Schweiz. In zwölf Regionalgruppen werden die Hunde ausgebildet. Katastrophenhunde sind auf die Suche in Trümmern spezialisiert und werden zu Einsätzen im In- und Ausland aufgeboten. Beim zweitägigen Einsatztest des Vereins Redog wird darüber entschieden, ob Tanner und ihr Hund einsatzfähig sind und für den Ernstfall taugen. Die Redog-Mitglieder übernachteten nicht in komfortablen Hotels, sondern mit ihren Hunden in ihren Autos oder Zelten, wie es bei einem Katastropheneinsatz der Fall wäre. An beiden Tagen muss Kaja jeweils in fünf Trümmerbergen und Ruinen nach Überlebenden suchen. "Es ist schwierig, das Militärgelände so zu präparieren, dass es wenigstens ansatzweise dem Ernstfall entspricht", erläutert Doris Tanner. In einem Katastrophengebiet ist ein Trümmerhaufen voll von Gerüchen, die der Hund ignorieren muss. Er muss sich auf die menschliche Witterung konzentrieren und darf sich durch nichts ablenken lassen, nicht einmal durch Esswaren. Um die Trümmerlandschaft dennoch einigermaßen realitätsgetreu nachzustellen, werden als Ablenkung für den Hund Matratzen, Teppiche und Futter auf dem Übungsgelände verteilt.

Bei jedem Posten haben die beiden zwanzig Minuten Zeit, die sogenannten Figuranten - Freiwillige, die sich unter Betonplatten und in engen Löchern versteckt halten - zu finden. Die Begutachter verfolgen den Testeinsatz mit strengen Blicken. Sowohl die Fähigkeiten und die Selbständigkeit des Hundes als auch die Leistungen seines Besitzers fließen in die Bewertung ein. Bei guter Gesamtbewertung sind nur zwei Fehlanzeigen zulässig. Bei der dritten Fehlanzeige wird die Prüfung abgebrochen.

Wieder bellt die Hündin mit dem rotbraunen Fell laut und scharrt mit den Pfoten. Sofort ist Doris Tanner zur Stelle und bekommt diesmal auf ihre Frage "Ist da jemand?" eine Antwort. Sie robbt unter den schweren Betonblöcken hindurch, bis sie den Figuranten erreicht hat. Dem Begutachter schildert sie das weitere Vorgehen, nämlich das Alarmieren des Sanitätsteams per Funk.

Der Weg bis hierhin war hart. Viele Stunden ihrer Freizeit hat Doris Tanner mit ihrer lebhaften, neunjährigen Hündin investiert, um sich dem Test zu stellen. Denn den hohen Anforderungen kann nur gerecht werden, wer die Ausbildung eines Katastrophenhundes als intensive langjährige Freizeitbeschäftigung betreibt. Es gilt einige Tests zu bestehen, bis man zur entscheidenden Prüfung zugelassen wird. "Am Anfang wusste ich noch gar nicht genau, was es bedeutet, ein Mitglied von Redog zu sein. Man kann fast sagen, ich sei reingerutscht."

Die Voraussetzungen, um im Verein aufgenommen zu werden, sind relativ einfach: Man muss einen Hund haben und über eine gewisse Grundkondition verfügen. Nach zwei Jahren intensiven Trainings und vielen Übungssuchen wird man zu den K-Prüfungen zugelassen. Nach einem weiteren Jahr werden die Anwärter zu den Eignungstests aufgeboten. Dabei müssen sie je zwei Haufen, so heißen die Trümmerberge vereinsintern, in denen sich ein bis vier Figuranten versteckt halten, durchsuchen. "Eigentlich muss man nur zwei von diesen Eignungsprüfungen bestehen, um für den finalen Einsatztest qualifiziert zu sein, doch Kaja und ich haben mehrere absolviert. Ich wollte gelassener auf die Aufgabe zugehen können, um dadurch auch Kaja mehr Sicherheit zu vermitteln." Zum abschließenden Einsatztest kann man sich nicht selbst anmelden, sondern wird vom Chef der Regionalgruppe ausgewählt.

Nach 20 Minuten Suche und dem Aufspüren von zwei Figuranten legt Kaja sich erschöpft hin. "Ich denke, Kaja und ich haben das recht gut gemeistert", blickt Tanner zurück, "hoffentlich sind auch die Begutachter zufrieden." Prompt kommen diese zusammen mit dem Chef der Regionalgruppe Zürich von ihrer Beratung zurück und gratulieren zur bestandenen Prüfung. Doris Tanner strahlt vor Freude. Kaja bekommt zur Belohnung ihren Lieblingsknochen, mit dem sie schwanzwedelnd eine Ehrenrunde dreht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Prüfung zwischen Trümmerbergen und Ruinen
Autor
Jessica Bucher
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2014, Nr. 255, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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