Auf der Flucht vor dem Nussknacker

Max und Christoph sitzen morgens in der Schule und stehen abends immer wieder auf der Bühne. Sie sind Statisten der Frankfurter Oper. Wer ist Kurt Cobain oder Benjamin Kowalewicz? Fragen, deren Antwort Jugendliche kennen. Kurt Cobain war Frontsänger und Gitarrist der Rockband "Nirvana" und Benjamin Kowalewicz ist Sänger der Band "Billy Talent". Die beiden binden tausende Fans weltweit an ihre Musik. Doch bei Namen wie Jochen Kowalski oder Harry Kupfer bleiben Antworten in den meisten Fällen aus. Der eine ist ein bekannter Opernsänger, der andere ein oft geehrter und hochgeschätzter Opernregisseur. Beide begeistern ebenso Tausende von Fans für ihre Arbeit, sind jedoch vielen Jugendlichen unbekannt. Wie bauen Jugendliche heutzutage eine Beziehung zur klassischen Musik auf? Der 18-jährige Frankfurter Schüler Max Steinhoff kennt sowohl Benjamin Kowalewicz als auch Harry Kupfer. Er erfuhr durch seine Familie und durch Bekannte von der Arbeit in der Oper und fand Gefallen an ihr. Die meisten Jugendlichen finden nach seiner Meinung keinen Zugang zur Oper, weil in ihrem sozialen Umfeld klassische Musik keine Rolle spielt. Andere wiederum spielen klassische Instrumente und werden nach und nach an die Oper durch ihre Eltern herangeführt oder finden den Bezug durch direkte Mitarbeit in der Opernwelt, seien es Praktika oder die Arbeit als Statist. Max Steinhoff arbeitet seit drei Jahren als Statist bei der Oper Frankfurt und hat bereits einige Bühnenerfahrung gesammelt. Er übernimmt zwar keine tragende Rolle in einer Oper, ist aber als Statist ein unentbehrlicher Teil der Bühnendarstellung. Die Vorstellung, Statisten stellten nur stupide Gegenstände wie Bäume dar, trifft nicht zu. Es sind vielmehr kleine, oft stumme Rollen, wie beispielsweise zur Musik marschierende Soldaten oder im Takt schwenkende Fahnenträger. Abhängig von der Produktion sind oft viele verschiedene Altersgruppen unter den Statisten vertreten. Die Spanne reicht von 16 bis 70 Jahren, wobei junge Leute oftmals bei körperlich anstrengenderen Rollen Vorteile haben. Doch das Gros der Statisten bewegt sich im Studentenalter. Und genau diese Zusammenstellung erzeugt nach der Beschreibung des Frankfurter Statisten Christoph Kohl, der ebenfalls noch Schüler ist, das gute und angenehme Arbeitsklima. "Man trifft viele nette Leute. Mir gefällt dieser Kontakt mit Menschen. Außerdem kann man die Arbeit hier sehr gut als spätere Referenz bei Bewerbungen nutzen. Die Zusammenarbeit mit den Profis ist gut, und man wird auch als Statist als Teil des Ganzen akzeptiert." Das anfängliche Lampenfieber hat er längst überwunden. Im Gegensatz zu Max ist er nicht durch Familie zur Oper gelangt. Er ist vielmehr zufällig hineingerutscht, als er Max eines Tages zu einem Casting begleitete und sein Interesse geweckt wurde. Hat ihn diese Arbeit der Oper nähergebracht? "Man bekommt schon Einblicke, die binden auch ein bisschen an die Oper. Zum Beispiel finde ich es gut, sich Stücke noch einmal anzuschauen, in denen man vorher selbst mitgespielt hat." Seine letzte Oper, in der er mitspielte, war "La Damnation de Faust" von Hector Belioz. Dort marschierte er als Soldat während einer Beerdigungsszene, einen großen Puppenkasten tragend, über die Bühne und machte Angriffsbewegungen auf einen riesigen Nussknacker. Die Szene, die von ekstatischen Marschmusikrhythmen begleitet war, endete in einer panischen Flucht der gesamten Bühne, ausgelöst durch laute Schüsse des Nussknackers. Von beiden Seiten schlossen sich Wände, vergleichbar mit dem Schließen des Vorhangs. "Die Schwierigkeit war hier, dass man so schnell wie möglich mit dem unhandlichen Puppenkasten hinter die sich schließenden Wände flüchten musste. Wer da zurückblieb, war gezwungen, durch sehr sperrige Seitenausgänge die Bühne zu verlassen", erklärt Christoph. "Und genau dieses Mitfiebern, wenn ein anderer meine Rolle spielt, und nachvollziehen zu können, wie auch er bei diesem Abgang ein wenig ins Schwitzen kommt, ist eine interessante Erfahrung." Auch Max Steinhoff berichtet von hohen körperlichen Herausforderungen. Er spielt in Aribert Reimanns Oper "Medea" einen Lanzenträger und ist Teil der Begleitschaft des Herolds. "Einerseits ist es die Hitze unter den Kostümen, die wie silberne Brandschutzanzüge aussehen, andererseits ist es der Bühnenboden, der hier Schwierigkeiten bereitet. Der Boden ist nämlich voller kleiner, schwarzer Steine und dadurch sehr rutschig. Sowohl Statisten als auch Solisten sind bereits auf den kleinen Steinen weggerutscht oder beinahe gestolpert. Deshalb ist jede Vorstellung vor dem vollen Haus mit einer gewissen Aufregung verbunden." Diese Spannung macht die Besonderheit aus und sorgt für ein Gemeinschaftsgefühl unter den Statisten. Sie teilen die Aufregung vor jedem Auftritt und versuchen sich mit viel Witz und netten Worten zu beruhigen. "Toi, toi, toi, heißt es vor jeder Premiere", fügt Max hinzu. Er bezeichnet diese Gemeinschaft der Statisten und das Knüpfen von Kontakten als äußerst positiv. "Die neuen Kontakte kann man immer ganz gut durch die sozialen Netzwerke aufrechterhalten." So hat sich Max vorgenommen, demnächst einen Freund in Berlin zu besuchen, mit dem er zusammengearbeitet hat. Max erzählt aber auch von den Problemen, die auftreten, wenn man morgens in die Schule geht und abends auf der Bühne steht. "Man braucht eine hohe Flexibilität. Das führt manchmal zu Schwierigkeiten in der Schule, wenn der Probenplan mit dem Stundenplan kollidiert. Zum Glück überschneiden sich nur wenige Opernproben mit Unterrichtsstunden. Auch muss man nicht bei allen Proben anwesend sein." Aufführungen können natürlich auch abends am Tag vor Klausuren liegen. "Aber man hat auch mal Pausen zwischen den einzelnen Szenen, in denen man mitspielt. Da kann man dann noch mal was für die Schule tun." Die Statisteriearbeit ist anstrengend und die Bezahlung der Proben nicht besonders hoch, anders als bei den Abendvorstellungen: "Es ist ein sehr guter Nebenjob für Studenten, die vielleicht noch etwas flexibler sind als Schüler, obwohl auch viele ältere Berufstätige dabei sind", fügt Max hinzu. "Wenn man sich also wirklich dafür interessiert, kann man einfach einen Bewerbungsbogen ausfüllen und dann darauf hoffen, dass eine neue Produktion bevorsteht", erklärt Regieassistentin Angela Brandt, die den Regisseur Harry Kupfer bei der aufwendigen "Faust"-Produktion in Frankfurt begleitet. In Castings werden die Statisten ausgewählt. Da kann es schon einmal vorkommen, dass man vor einem bekannten Regisseur herummarschieren muss. Nach erfolgreichem Casting folgen einige Proben und dann die Premiere des Stücks und die Premierenfeier, bei der sich auch die Statisten das gute Essen nicht entgehen lassen. Bei Erfolg der Oper kommt es oft vor, dass sie wiederaufgenommen wird und man so erneut mitspielen kann. Diese Erfahrungen früh gemacht zu haben, sehen Max Steinhoff und Christoph Kohl als Bereicherung an. Es sind die guten Erinnerungen an die Vorstellungen vor großem Publikum, an das Zusammensein mit den anderen Statisten und der bleibende Eindruck, mit professionellen Opernsolisten gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Wie bei den Profis ist der Applaus des Publikums der Lohn für ihre Arbeit. Auf diesem Wege haben viele junge Leute nicht nur Bezug zur Klassik bekommen, sondern auch ihren Berufswunsch gefunden. "Man kann einfach mal Einblick in die Arbeit bekommen, die hinter den Kulissen steckt", sagt Angela Brandt. So erzählt sie von Jochen Kowalski, dem berühmten Countertenor aus Berlin: "Auch er hat schon in seiner Jugend bei der Oper angefangen und so seinen Weg im Leben gefunden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf der Flucht vor dem Nussknacker
Autor
Tjark Friebe, Lessing-Gymnasium, Frankfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2010, Nr. 292 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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