Die Thorarolle wurde im Kellerversteck eingemauert

Er ist Automechaniker, Heimatforscher und erinnert mit Fotos und Kultgegenständen an das Leben der Juden im unterfränkischen Maßbach. Klaus Bub führt in die ehemalige Synagoge.

Behalten Sie bitte Ihren Maßbacher Dialekt. Wenn ich mit Ihnen am Telefon spreche, glaube ich, mein Vater ist am Apparat." Worte, die Klaus Bub von Lea Neugebauer hört. Ihr Vater war der Viehhändler Hermann Heidelberger, der 1939 mit seiner Familie und der neunjährigen Tochter Ingeborg nach Israel fliehen konnte. Ingeborg heißt nun Lea Neugebauer und wohnt in Haifa. Sie ist die letzte noch lebende jüdische Bürgerin Maßbachs. Mit der 84-Jährigen steht der Leiter des Heimatmuseums in regelmäßigem Kontakt.

Maßbach ist ein Marktflecken im nördlichen Unterfranken. Der gleichnamige Hauptort hat rund 2000 Einwohner. Poppenlauer, Ort des Heimatmuseums, ist ein Ortsteil. "Ich bin schon immer viel gereist und habe viel fotografiert", erzählt der 1949 geborene Automechaniker, der seit 1999 dem Heimatmuseum vorsteht. "Das war wie Archäologie, immer gucken: Wie alt ist es, und wo ist es her? Irgendwann bin ich über alte Fotos zur Heimatforschung gekommen." Bub zieht ein Schwarzweißfoto aus seinem Portemonnaie. Eine junge jüdische Frau, die mit zwei schlachtreifen Hühnern auf der Maßbacher Dorfstraße steht, blickt lächelnd in die Kamera. "Das bekam ich zusammen mit der Information, dass die Frau Nelly Eberhardt hieß." Als er das Foto erhält, packt ihn sofort die Frage, was mit der jungen Frau passiert war.

Er beginnt 2008 mit seinen Nachforschungen auf dem am Ortsrand von Maßbach angelegten Judenfriedhof, jedoch ohne Erfolg. Er erkundigt sich bei Leuten, die Nelly Eberhardt gekannt haben könnten, "aber keiner kannte sie". Daraufhin fängt er an, alte Dokumente beim Standesamt zu durchforsten. Schließlich sucht er in den Geburts-, Heirats- und Sterbebüchern der jüdischen Gemeinde Maßbachs im Würzburger Staatsarchiv nach Informationen zu Nelly Eberhardt. Heute kennt er ihren Stammbaum und hat Briefe von ihr. Er kennt den Werdegang der Bäckerstochter, der 1990 in New York endete, wo sie 90-jährig starb.

Wir gehen die Maßbacher Hauptstraße entlang, die heute von vielen kleinen Geschäften flankiert wird. "Fast alles Judenhäuser", sagt Bub. Vor einem auf den ersten Blick unscheinbaren Haus bleibt er stehen. "Der Baustil der fränkischen Wohnhäuser kam den Juden entgegen. Juden hatten für gewöhnlich oben ein zweigeteiltes Fenster, das die beiden Tafeln mit den Zehn Geboten symbolisieren soll. Darunter fanden sich fünf einzelne Fenster für die fünf Bücher Mose. Zudem sind ja in unserer Gegend Fensterkreuze eher untypisch, das wäre ja für die Juden auch seltsam gewesen."

Bub zeigt auf den im Gehsteig eingelassenen, golden glänzenden Messingwürfel. Die Stolpersteine, rund zehn in Maßbach, sollen dem Fußgänger auffallen und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Haus, vor dem er sich befindet, der letzte freiwillige Wohnsitz der dort lebenden Juden war, bevor diese deportiert wurden. "Zuerst wusste ich nicht, ob die Leute mitziehen. Wenn man dann Arbeit reinsteckt und dann wird es doch abgelehnt, ist das nicht gut." Schließlich meldete sich eine Frau bei ihm, die bereit war, einen Stolperstein zu finanzieren. Durch das Interesse bestärkt, besorgte Bub sich Informationen über den Stein, der sich mit 120 Euro inklusive Ausschachten und Setzen als erschwinglich erwies. "Natürlich hätte sich das nur für einen Stein nicht gelohnt, also bin ich durchs Dorf marschiert und hab nachgefragt, wer bereit wäre, was zu zahlen." Wider Erwarten sei am Ende mehr Geld als nötig da gewesen.

Nach einigen Minuten Fußmarsch über einen Schotterweg ist der kleine Friedhof erreicht, den man nach sieben ausgetretenen Stufen durch das normalerweise verschlossene Holztor betritt. Bub hat den Schlüssel. Der Friedhof liegt auf einem Hanggrundstück und ist von Büschen und Bäumen umgeben. Auch zwischen den Gräbern, die sich in ihrem Erhaltungszustand unterscheiden, recken sich mit Efeu bewachsene Bäume, durch die das Sonnenlicht auf die Grabsteine fällt. Trotz der für ihn unverständlichen hebräischen Schriftzeichen kann Bub jedes Grab den entsprechenden Verstorbenen zuordnen. "Hier drüben" - Bub deutet auf einen großen, schwarzen Stein, der gut erhalten scheint - "das ist der Grabstein vom Katzenberger. Der war ein großer Geschäftsmann, hatte einen Kolonialwarenladen. Da hat man durch die Bank alles gekriegt, was man brauchte. Über seinen Sohn wurde der Film ,Leo und Claire' gedreht."

Wir machen uns auf den Weg zur Synagoge, die nur durch den Hinterhof eines ehemaligen Schuhladens in der Dorfmitte zu erreichen ist. Klaus Bub, der wenige Meter entfernt wohnt, schließt eine Tür auf und zeigt auf eine schmale Treppe in den ersten Stock. Kaum etwas weist darauf hin, dass hier eine Synagoge gewesen ist. "Am Anfang war der Raum komplett leer, nur ein altes Schaukelpferd war noch da", erklärt er und deutet bedeutungsvoll auf das Sammelsurium an Fotos, Stellwänden und Tischen mit alten jüdischen Fundstücken, die er mühselig zusammengetragen hat. "Also, der Vorbesitzer hat hier diese zusätzliche Decke einziehen lassen", meint Bub, der in der Mitte des Raums mit Balkendecke steht. "Früher war hier oben die Frauenempore mit einem eigenen Eingang. Da ist meistens ein Gitter oder Sichtschutz, so dass im Gotteshaus kein Blickkontakt zwischen Männern und Frauen entsteht."

Durch seine akribischen Nachforschungen hat der 65-Jährige eine beachtliche Zahl an alten Fotografien zusammengetragen. "Es kam immer ein kleines Puzzlestück dazu." An einer Stellwand neben einer Vitrine mit einem Widderhorn hängen Skizzen und ein Bild der von ihm fotografisch rekonstruierten ursprünglichen Synagoge. Bei dem Pogrom im November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge vollständig zerstört. Ein Gottesdienst war auch schon vorher nicht mehr möglich, da die jüdische Bevölkerung durch starke Abwanderung und Flucht so geschrumpft war, dass man die zehn Männer, die für einen Gottesdienst obligatorisch waren, nicht mehr zusammenbrachte. So hat man an Karl Geiling, der im Dorf schon "Juden-Geiling" genannt wurde, weil sich in seinem Hof der Zugang zur Synagoge befand, diese verkaufen wollen. Dieser Kauf konnte aber nicht mehr rechtskräftig besiegelt werden, denn die Juden wurden vorher deportiert. Erst nach 1948 kam Karl Geiling dann endlich zu dem ihm versprochenen Besitz. Seine Enkelin gab Bub die Schlüssel für den Synagogenraum, damit er dort seine Nachforschungsarbeiten in einer Ausstellung der Öffentlichkeit zeigen konnte. Zur Bereicherung dieser Ausstellung gab sie ihm ein von ihr auf dem Dachboden gefundenes, stark fragmentiertes, staubiges Buch in hebräischer Schrift. Wo ein Buch liegt, liegen vielleicht noch mehr, dachte Bub und untersuchte den Dachgiebel näher. Er fand etwas, von dem er vorher noch nie etwas gehört hatte. Unter dem Dach befand sich eine "Genisa": Religiöse Schriften und Gegenstände, die nicht mehr gebrauchsfähig waren, aber wegen ihres heiligen Wertes nicht weggeworfen werden durften, hatten auch die Maßbacher Juden, wie es Brauch war, über die letzten 300 Jahre in einem so genannten Raum abgelegt.

Durch das große, noch originale Fenster der Synagoge scheint das Sonnenlicht auf den schlichten Holzboden und einen Tisch mit einer Fülle von Fotos. "Das hier war ja der größte Hammer", erklärt Bub stolz. Bei einem Museumsbesuch im Nachbarort Münnerstadt im Gespräch mit einem dortigen Mitarbeiter ließ dieser verlauten, dass man bei ihnen im Lager auch etwas aus der Maßbacher Synagoge hätte. Ein großer Karton wurde geholt. Ausgewickelt aus dem Papier, hielt er zuerst einen vergoldeten Kidduschbecher, den Weinkelch für den heiligen Sabbat, in den Händen. Ein Chanukkaleuchter und ein Schofarhorn, das am Rosch Haschana, dem Neujahrsfest, geblasen wurde, kamen ebenfalls zum Vorschein. Zuletzt, ganz unten, gut eingewickelt, lag das für die Juden Heiligste aller Dinge: eine gut erhaltene, vollständige Thorarolle. Von Geilings Enkelin erfuhr Bub, dass ihr Großvater Gegenstände aus der Synagoge gerettet und bei sich im Keller "eingemauert" hatte. Vermutlich hat er diese nach dem Ende des Dritten Reiches, weil keine Juden mehr in Maßbach lebten, nach Münnerstadt ins Museum gegeben.

Auf die Frage, wie es jetzt mit der ehemaligen Synagoge weitergehe, antwortet er: "Ich bin hier oben in eigener Regie." Der jetzige Besitzer gab ihm die Schlüssel, doch um die Räume ein bisschen besser aufzuziehen, müsste Markt Maßbach richtig dahinterstehen. Bei der Eröffnung der ersten Ausstellung 2009 in der Synagoge standen die Besucher bis auf die Straße Schlange. Auch an den jeweiligen Öffnungstagen, an den Marktsonntagen oder an den besonderen jüdischen Gedenktagen, wird die ehemalige Synagoge rege besucht.

Durch Spenden wurden alle bisher entstandenen Kosten reichlich gedeckt. Besonders erfreut ist Bub über die Sonderführungen, wenn sich jüdischer Besuch eingefunden hat und erfährt, dass hier die jüdische Geschichte nicht vergessen ist. Vor allem ihr Dank im Gästebuch ist es, der Bub motiviert weiter zu machen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Thorarolle wurde im Kellerversteck eingemauert
Autor
Franz Seibt
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2014, Nr. 261, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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