Die genagelten Sohlen des Quintus Cornelius Libertius

Neugierig drängen sich Besucher aller Altersgruppen um den Verkaufsstand, der aus einer weißen Zeltplane besteht, die von in den Boden gerammten Stöcken gestützt wird. Auf schlichten Holztischen liegt die wertvolle Ware: Soleae, das sind einfache Sandalen, die etwas aufwendigeren sculponeae, die anstatt einer Leder- eine Holzsohle besitzen, und carbatinae, die aus einem einzigen Stück Leder gefertigt sind. Außerdem gibt es wunderschön bestickte Damenschuhe sowie mit Eisennägeln trittsicher gemachte Soldatenschuhe. Daneben liegen die Werkzeuge, die für die Herstellung der Schuhe benötigt werden: Nägel, Schnüre, Leisten aus Holz und einzelne Lederstücke von Stieren, Kälbern und Ziegen in Schwarz und Braun. Auf einem Schemel sitzt Quintus Cornelius Libertius und näht einen Soldatenschuh zusammen.

In seiner einfachen Kleidung mit Lederschurz und Strohhut auf seinen grauen Haaren entspricht er seinem Berufsstand als sutor. Doch nein, wir befinden uns nicht auf einem Markt im antiken Rom, sondern bei den Römertagen im ostwürttembergischen Welzheim des 21. Jahrhunderts. Und der Mann heißt auch nicht Quintus Cornelius Libertius, sondern Hartmut Frey. Dass er von Beruf sutor, also Schuhmacher ist, entspricht aber der Realität. Hauptberuflich führt er das über 200 Jahre alte Schuhgeschäft seiner Familie, doch in seiner Freizeit hat er sich dem Imperium Romanum verschrieben. Er ist Mitglied der Römergruppe Cohors IIII Vindelicorum aus dem hessischen Großkrotzenburg. Das Ziel solcher Gruppen ist es, den Alltag der römischen Bevölkerung möglichst authentisch nachzustellen. So sucht sich jeder einen Berufsstand wie Soldat, Schmied oder Arzt heraus und geht diesem dann nach.

Frey war schon als Junge von der römischen Geschichte fasziniert. "Ich musste mir erst mal sehr viele Informationen besorgen: Wie sieht so ein römischer Schuh überhaupt aus? Welche Modelle gibt es? Und wie schafft man es, sie mit den originalen Methoden herzustellen?" Hilfreich war der Fund von mehr als 140 Schuhen in einem Brunnen auf dem Gelände des ehemaligen Ostkastells von Welzheim östlich von Stuttgart. Da man von Kinderschuhen bis zu Stiefeln alles, was die römische Schuhwelt hergibt, gefunden hat, sind die Archäologen der Ansicht, dass sie weggeworfen wurden. Dabei ist ein Teil sogar vollständig erhalten geblieben, bei vielen weiteren konnten die Sohle und das Oberleder wieder zusammengesetzt werden. Den Schuhen kam zugute, dass sie mit Lehm bedeckt waren: Der Luftabschluss verhinderte die Zersetzung des Leders.

Davon profitieren Wissenschaftler, denen durch einen der größten Schuhfunde nördlich der Alpen Erkenntnisse über die Schuhmode im dritten Jahrhundert am Rande des Imperiums am obergermanischen-rätischen Limes geliefert wurden. Ansonsten habe man Darstellungen auf Grabmälern, Fresken und Mosaiken.

"Ja, man kann definitiv von einer Schuhmode sprechen, da sich viele Modelle abgesehen von Verzierungen und Schnürungslöchern ähneln. Der damalige Trend ging natürlich von Rom aus, so war es sehr beliebt, das Leder ganz schwarz zu färben", erklärt Frey. Um die Verfärbung zu erreichen, verwendet er Kupfervitriol. Er hat sich im französischen Arles ein Buch mit Abbildungen dortiger Entdeckungen gekauft. "Ich spreche zwar so gut wie kein Wort Französisch, und meine Freunde haben über mich gelacht, aber das ist mir egal. Die Abbildungen, Skizzen und Maßtabellen sind für mich entscheidend."

Auch wenn sämtliche seiner Schuhe Unikatmodelle sind, ist die Herstellung immer gleich: Zuerst fertigt er einen Leisten, um die grobe Form festzulegen. Danach zeichnet er mit Hilfe von Schablonen den Umriss auf den Leisten und ergänzt den Rest per Hand. Dafür befestigt er zuerst die Brandsohle, die spätere Basis des Schuhs. Der nächste Schritt besteht darin, das Schaftleder überzuholen und umzuschlagen und dann den Zwickeinschlag mit gewachsten Hanffäden einzunähen. Die Laufsohle wird zum Schutz vor zu schnellem Ablaufen und Rutschen noch mit Eisennägeln mit kegelförmigen Köpfen benagelt. Zusätzlich macht Frey noch eine Lederdecksohle auf die Brandsohle. Hochwertige Schuhe werden auch mit Knochenleim oder einer Mischung aus Terpentin, Styrax und Gummiarabikum, ein afrikanisches Akazienharz, zusammengeklebt. Die letzten Handgriffe bestehen darin, die Schnürsenkel einzuziehen und die Schuhe mit einer Lotion oder Creme einzufetten.

Plötzlich schwingt die Zeltplane hinter dem Stand auf, ein römischer Soldat tritt heraus. Er trägt ein Kettenhemd und einen blauen Schild. Sein Helm und seine hasta, die Stoßlanze, glänzen silbrig. Freys Sohn Daniel ist auf dem Weg zum Schaukampf am Ostkastell, um es gegen eine Horde einfallender Barbaren zu verteidigen. "Das wird eine richtige Schlacht mit allem, was dazugehört", meint er und marschiert davon. "Pass gut auf dich auf!", ruft sein Vater lächelnd hinterher. Die beiden haben außer an Handwerksvorführungen an vielen Schlachten im In- und Ausland mitgewirkt, etwa in Vienne in Frankreich, in Brugg in der Schweiz und an der Erinnerungsschlacht des Cheruskers Arminius, der Varusschlacht. So eine Schlacht läuft genau nach Drehbuch ab. Ein Regelwerk bestimmt, was erlaubt ist und wie der Zweikampf mit Körperkontakt abzulaufen hat. "Da mein Sohn ein gut verdienender, erfahrener Soldat ist, kann er es sich leisten, zwei Paar Schuhe zu besitzen, auch wenn Militärschuhe relativ teuer sind. Ein Paar kostet einen Soldaten den Monatssold. Denn das war damals unter Kaiser Diokletian genau festgelegt, es gab eine richtige Preistabelle." Ihm gehe es damit besser als seinem Vater, denn ein überlieferter Spruch von einem römischen Dichter lautet: "Wenn du die pure Armut sehen willst, geh in die Hütte eines Schuhmachers."

Ganz so dramatisch scheint das heute nicht zu sein. Ein Pärchen kommt an seinen Stand, die Frau probiert verzückt Sandaletten mit einem Lochmuster an. "Die meisten Leute, die meine Schuhe kaufen, sind selbst Mitglied einer historischen Gruppe. Für das Regierungspräsidium in Stuttgart und verschiedene Museen habe ich aber auch schon Schuhe angefertigt." Im Gegensatz zu unserer heutigen Wegwerfgesellschaft galt in der Antike das Motto: "Reparieren, so lange es geht." Die Schuhe der Landbewohner mussten robust sein, da selbst die Reparatur äußerst kostspielig war. Um kaputte Stellen zu flicken, muss Hartmut Frey das Leder ausschärfen und die Lederflicken aufnähen, denn sonst würde der Flicken darauf nicht halten.

Für empfindliche Füße scheinen die Soldatenschuhe nicht gemacht sein: Obwohl sein Sohn die Schuhe bereits einige Tage eingelaufen hatte, bekam er im Amphitheater Blasen aufgrund der Nagelsohle. Genagelte Sohlen haben auf Stein eine andere Abrollbewegung als auf weichem Untergrund, so dass man eine andere Gehtechnik anwenden müsse. Außerdem soll ein Soldatentrupp bei der Erstürmung eines Palastes ausgerutscht sein, für steiniges Gelände sind die Schuhe nützlich, nicht für glatten Marmorboden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die genagelten Sohlen des Quintus Cornelius Libertius
Autor
Milena Schurr
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2014, Nr. 261, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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