300 Stufen zum Arbeitsplatz

Ja, moinsen, hier ist die Türmerin!", meldet sich Martje Saljé bei der Feuerwehr Münster. Es ist kurz vor 21 Uhr an einem Donnerstag. Die Geschäfte in Münsters Innenstadt sind geschlossen, vereinzelte Touristen schlendern über den Prinzipalmarkt. Seit Januar steigt Saljé sechs Mal in der Woche gegen halb neun Uhr abends die 300 Stufen der engen Wendeltreppe des Kirchturms der St.-Lamberti-Kirche hinauf in die Türmer-Stube in 75 Metern Höhe. Eine ihrer Aufgaben ist es, nach Bränden Ausschau zu halten.

An diesem Abend steigt tatsächlich dicker, heller Rauch am nordwestlichen Rand der Innenstadt auf. Die Feuerwehr ist nicht überrascht über ihren Anruf, denn die Türmerin muss sich jeden Abend bei der Leitstelle über das Schnurtelefon melden, um ihre Anwesenheit zu bestätigen. Mit dem Hörer am Ohr steht die mittelgroße, zierliche Frau vor einer Straßenkarte und beschreibt die Brandstelle. "Am 18. Juni habe ich zum ersten Mal einen Brand gemeldet und wurde später von der Feuerwehr benachrichtigt, dass es keine Verletzten gab. Zum Glück."

Ihre Hauptaufgabe ist es, jeden Abend außer dienstags, von 21 bis 24 Uhr ein halbstündliches Zeitsignal mit dem Türmer-Horn zu blasen. Früher sollte das Tuten den Menschen versichern, dass der Türmer nicht eingeschlafen ist und nach Bränden und Feinden Ausschau hält. "Auch heute gehört es traditionell dazu, nach Feinden zu gucken. Allerdings wüsste ich nicht, woran ich diese erkennen sollte", lacht die 33-Jährige mit den langen, braunen Haaren. Überdies muss die vom Marketing der Stadt angestellte Türmerin Vorträge über ihren Beruf und die Stadtgeschichte halten und einen Internetblog als "lebendige Touristenattraktion" führen.

Ein städtischer Türmer ist laut Stadtarchivar Joseph Prinz in Münster erstmals 1383 schriftlich erwähnt. Saljé ist nach über 600 Jahren in Münster die erste Frau in dieser Position, sie hat sich gegen 45 Bewerber durchgesetzt. Türmerinnen gibt es sonst noch in Lübben und Bad Wimpfen; eine Türmer-Familie lebt in Annaberg-Buchholz, weitere Türmer arbeiten in Hamburg, Nördlingen, Lausanne und Krakau. Aufmerksam auf diesen Beruf wurde die Bremerin, die in Oldenburg Geschichte und Musik studiert hat, über das Internet, als ein Nachfolger für Wolfram Schulze gesucht wurde, der nach 20 Jahren in den Ruhestand ging. "Ein Beruf aus dem Mittelalter, habe ich mich gefragt, meinen die das ernst? Ich habe sofort gewusst, dass es das Richtige ist. Als ich Freunden und Verwandten davon erzählt habe, konnten die meisten erst wenig damit anfangen. Doch dann haben alle gesagt, dass er gut zu mir passe."

Der Wecker klingelt. "Zeit für das erste Tuten." Mit dem langen, gebogenen Kupferhorn in der Hand geht sie hinaus auf den schmalen Aussichtsgang, der rund um den Turm führt. Auf dem Prinzipalmarkt sind die Besucher nur als kleine Figuren zu erkennen. Um Punkt 21 Uhr beginnen nacheinander die Glocken verschiedener Kirchen zu läuten. Die Türmerin setzt das Mundstück an die Lippen, als der letzte Glockenschlag verklungen ist. Ein tiefes, kraftvolles, nebelhornähnliches Tuten erklingt neun Mal hintereinander. In drei Himmelsrichtungen bläst Saljé das Signal und nimmt sich noch einen Moment Zeit, durch die Löcher der Balustrade nach unten zu schauen und, falls Menschen hochblicken, ihnen zuzuwinken. "Wenn der Wind richtig steht, kann man manchmal sogar ein Gespräch belauschen: ,Hast du das auch gehört?' ,Ja, hast du das nicht gelesen? Das ist doch diese Glöcknerin!'", berichtet sie lachend, zurück im Türmer-Zimmer. In dem etwa 15 Quadratmeter großen Raum stehen ein altes Sofa, Schreibtisch, Stühle, ein Bücherregal und eine Kommode. Ihre Zeit zwischen dem Tuten verbringt sie damit, den Internetblog zu führen, Fragen auf ihrer Facebook-Seite zu beantworten und zu lesen.

Sie sucht nach Türmern in der Weltliteratur, einem Protagonisten in "Till Eulenspiegel" oder einer Nebenfigur in Goethes "Faust II". Außerdem spielt sie über den Dächern der Stadt Gitarre, Flöte, Schifferklavier und Mandoline und vertont selbstgeschriebene Gedichte. Bis auf Dienstag steigt die sportliche Frau jeden Abend auf den Turm, auch Weihnachten oder Silvester. Nur die Kälte ist ein Problem, im Winter steigt der Ölradiator auf gerade mal 14 Grad.

Informationen zum Beitrag

Titel
300 Stufen zum Arbeitsplatz
Autor
Helena Schäfer
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2014, Nr. 261, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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