Die Mühle läuft auch Rad

Glück zu!" Zwei Löwen halten ein Mühlenrad, unter dem der traditionelle Müllergruß in schwarzen Lettern auf weißem Banner prangt. Angebracht an der Fassade der Schloßmühle Untereuerheim in der unterfränkischen Gemeinde Grettstadt, steht das Symbol für Glück und Traditionsbewusstsein - zwei Begriffe, mit denen sich Inhaber Jochen Schor vertraut zeigt. Im Familienbetrieb mit fünf Mitarbeitern wird noch gearbeitet wie früher. "Gut, das Wasserrad, das einst bis vier Meter runterging, ist schon seit der Vorkriegszeit nicht mehr im Betrieb und wurde durch eine Turbine ersetzt. Diese produziert Strom, sofern genügend Wasser zufließt. Ansonsten hat sich am Prozess allerdings nichts Weltbewegendes verändert." Diesen schildert Jochen Schor beim Gang durch den Fachwerkbau, der sich seit 1958 im Familienbesitz befindet.

Die heutige Arbeitswelt stimmt den drahtigen Mann mit Schnauzbart nachdenklich. "Wir haben schon noch gut zu tun, aber es ist natürlich kein Vergleich mehr zu früher. Es gab Zeiten, da standen die Lieferwagen mit tonnenweise Getreide noch Schlange bis hoch zur Straße. Die haben hier zum Teil bis um drei Uhr nachts gewartet. Um sechs in der Früh standen die nächsten auf der Matte. Das war schon verrückt! Heute kommt nur noch ein 20-Tonner vorbei, und gut is." Solche Lieferungen werden heute telefonisch vereinbart. "Früher kamen die Bauern auch gern einfach mal unangemeldet auf den Hof. Heute ist die ganze Prozedur anders. Getreide hat keinen Festpreis mehr, sondern regelt sich nach der Börse. Will heißen: Der Bauer lagert sein Erntegut im Silo und wartet, wie der Preis sich entwickelt." Spricht er über die Bauern, so muss er leicht schmunzeln. "Es gibt da schon so Kandidaten. Da quietscht und scheppert es, wenn die mit ihrer Gerätschaft hier anrollen. Oder dann wollen die mir manchmal weismachen, alles sei trocken. Doch langst du einmal rein, merkst du, dass das gar nicht stimmt."

Feuchte Ware wird im Hause Schor gar nicht erst angenommen und ist Hauptaugenmerk der vorausgehenden Qualitätskontrolle. "Dafür stechen wir zuallererst ein Muster mit einer Stechsonde - wenn wir es nicht eh schon am Geruch erkennen. Erst dann wird es gereinigt und eingelagert." Weiterhin sedimentiert man durch Gewichtsmessung etwaige Steinvorkommnisse in der Ware aus und hält Ausschau nach dem gefährlichen Kornkäfer. "Wenn der Käfer durch das Getreide ins Silo gelangt, vermehrt er sich rasend schnell. Hierdurch entstehen Wärme und Feuchtigkeit. Deshalb muss die Temperatur überwacht werden. Ich hab das mal an einem früheren Arbeitsplatz miterlebt, und das war nicht witzig. Ich selbst habe allerdings bisher noch alle erwischt."

Schor klingt zufrieden. "Im Großen und Ganzen bin ich glücklich hier. Krank gewesen bin ich in all den Jahren nie. Das darfst du in diesem Geschäft auch nicht sein, sonst bist du der Angemeierte. Es ist teilweise schon eine Quälerei, und die wenigste Zeit verbringe ich im Liegestuhl, aber dafür bin ich mein eigener Herr." Die Familie Schor lebt im angrenzenden Haus. "Hat natürlich auch den Nachteil, dass ich immer erreichbar bin, wenn es mal klingelt und ein Bauer vor der Tür steht und mal eben die Feuchte seines Getreides gemessen haben möchte."

Ebenfalls vor Ort befindet sich der Mühlenladen, in dem ein überwiegend regionales Sortiment angeboten wird. "Der ist natürlich eine wichtige Einnahmequelle für uns, da wir vom Mühlenbetrieb allein nicht mehr leben könnten. Das wird die nachfolgende Generation noch stärker zu spüren bekommen." Der vom Aussterben bedrohte Beruf werfe keine großen Perspektiven auf. "Das hängt natürlich mit dem Sterben der Bäcker zusammen. Dabei machen kleine Bäckereien oft den schwerwiegenden Fehler und wollen mit dem vielfältigen Angebot der Großkonzerne mithalten. Um das finanziell stemmen zu können, wird zu Fertigmischungen gegriffen. Das schmeckt dann oft schlechter als bei den Großen. Eine kleine Bäckerei sollte meiner Meinung nach bei einem guten Brot, Brötchen und Kuchen bleiben." Dabei wirkt der 51-Jährige nicht mal halb so verbittert, wie es klingen mag. Er hat sich die Faszination für sein Tun bewahrt. Erzählt er davon, kommt er schnell ins Schwärmen. "Außerhalb der Ortschaft läuft die Mühle allein vor sich hin, Tag und Nacht, im nebligen, feuchten Grund. Das hat schon etwas charmant Unheimliches und erzeugt eine mystische Stimmung.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Mühle läuft auch Rad
Autor
Daniel Schmitt
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.2014, Nr. 267, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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