Mit dem fliegenden Holländer übers Meer

Der Niederländer Peter Spek ist Mathelehrer, Rosenzüchter, Softwarespezialist und nun Kapitän auf der Emma. Mit dem Schiff und vielen Gästen segelt er übers Meer. Der Wind bestimmt die Route.

Das holländische Wattenmeer ist aufgewühlt von unruhigen Wellen, die das hellblau gestrichene Einmast-Segelschiff stark auf und ab wippen lassen. Der Wind bläst kräftig in die mächtigen Segel, wodurch sich das Schiff zur Seite neigt und immer schneller auf den mit dunklen Wolken verhangenen Horizont zusteuert. "Guten Tag liebe Mannschaft, herzlich willkommen auf meinem Schiff!", begrüßt der 61-jährige Skipper Peter Spek am Anfang der Woche fünf Erwachsene und sechs Kinder zwischen 11 und 17 Jahren, die für die nächsten sieben Tage seine Passagiere sein werden. Er steht hinter dem Steuer der Emma in einer verwaschenen Arbeitshose aus festem Stoff, darüber eine dunkle, wetterfeste Jacke. Während ihm der Wind die grauen Haare und den langen Bart zerzaust, strahlt er Ruhe aus.

Seine Mannschaft sitzt gestärkt von einer Gemüsesuppe im Ess- und Aufenthaltsraum, der mit einer kleinen Kombüse verbunden ist. Außerdem gibt es Kabinen mit insgesamt 20 Kojen. "Das Schiff wurde ungefähr im Jahre 1888 als Frachtsegelschiff gebaut und fuhr ab 1934 zunächst mit einem Acht-PS-Hilfsmotor", erzählt der hochgewachsene Kapitän. "Anschließend diente es als Wohnschiff und wurde schließlich von dem neuen Besitzer zum Segelpassagierschiff umgebaut, seit 1987 segelt es nun wieder."

Spek ist Holländer und Mathematiklehrer. Nach zwei Jahren habe er gemerkt, dass das einfach nicht sein Beruf sei. Daraufhin züchtete er fünf Jahre lang Rosen und machte eine Umschulung zum Softwarespezialisten. Zum ersten Mal fuhr er auf der Emma als Gast mit und half schließlich als Matrose, wodurch er sein Deutsch verbesserte. "Ich bin da halt so reingerutscht." Im Jahr 1995 kaufte er das Plattbodenschiff, das einen flachen Boden und zwei Schwerter anstelle eines Kiels besitzt, und baute es um. "In meinen schwarzen Momenten sage ich, ich habe ein fahrendes Wrack gekauft." Er legte die Skipperprüfung ab und besitzt die Fahrerlaubnis für das Wattenmeer.

Im Sommer segelt er mit seinen Gästen, im Winter widmet er sich der Pflege seines Schiffes. Im Prinzip bestimme die Natur beim Segeln, was man im nächsten Moment machen müsse, sagt er. Außerdem bestimmt der Wind, wo es hingeht und in welcher Geschwindigkeit. Auf Fragen wie "Wann kommen wir heute an? Zu welchem Hafen fahren wir überhaupt?" gibt es nie eine klare Antwort. Daran müssen sich die Gäste erst gewöhnen. Eine Agentur vermittelt Gäste oder eine Gruppe organisiert sich privat. So kommen viele unterschiedliche Menschen auf der Emma zusammen. Aber gleich ob Chöre, Betriebsausflüge, Pfadfinder oder Schulklassen - dem Kapitän ist eines besonders wichtig: "Ich verlange von meinen Gästen, dass sie mein Spiel, sich an die Natur auszuliefern, mit mir mitspielen."

Auf seinen Fahrten begleitet ihn seine deutsche Frau Marion Bluthard, so oft es ihr neben ihrem Beruf als Musikerin möglich ist. Beide haben eine Wohnung in Lemmer am Rand des Ijsselmeers, wo der Heimathafen der Emma liegt. "Auf dem Schiff kann man die Kräfte der Natur spüren. Man fühlt sich wie eine winzige Ameise und kann sich kaum wehren", sagt Marion Bluthard begeistert. In der Hierarchie kommt sie als Matrose nach dem Skipper, der alle wichtigen Entscheidungen trifft und Befehle gibt, gleich an zweiter Stelle. Sie hilft, die Anweisungen umzusetzen, und leitet die Mannschaft an. Diese muss Kartoffeln schälen, Geschirr abspülen und vor allem an Deck mit den Segeln helfen. "Eine Wende ist mit einem Orchester vergleichbar, sie benötigt gute Teamarbeit", sagt die 44-Jährige, "nach vier bis fünf Tagen sind die Gäste ein eingespieltes Team und alle haben den vollen Durchblick." Jeder weiß genau, wann er gebraucht wird.

An einem Regentag sitzen verstreut auf dem vorderen Teil in Regenkleidung verhüllte Gestalten, die zwei kleinsten tragen eine orange Schwimmweste. Plötzlich ertönt die vom Skipper gerufene Anweisung zur Wende, alle laufen los, ziehen auf Kommando an Seilen und lassen sie wieder los, lösen oder schließen Knoten oder drehen an einer großen Kurbel, so dass sich die Position der zwei Schwerter verändert, die an den Seiten des Schiffes angebracht sind. In diesem geordneten Chaos flattern die Segel, füllen sich mit Wind, das Schiff gewinnt wieder an Geschwindigkeit.

Bei dieser Gruppe gibt es keine fest eingeteilten Dienste. Marie Helle, die in Wien an der Universität mit Gesangstudierenden arbeitet, war wiederholt mit dem Vokalensemble der Stadtkirche Ludwigsburg auf der Emma segeln, bevor die 51-Jährige nun zum zweiten Mal selbst eine Besatzung aus Freunden und Familie zusammenstellte. "Jeder hat die Chance, seinen Platz zu suchen. Entweder man will oben an Deck beim Segeln mithelfen, oder man geht runter und macht die Küche wetterfest. Jeder bringt sich irgendwie, irgendwann ein, und so funktioniert trotzdem alles ganz ohne feste Pläne." Ihre 14-jährige Tochter Viola Haas sagt: "Mir gefällt, dass alle respektvoll, freundlich und hilfsbereit miteinander umgehen."

Wer mithelfen will, muss keine Erfahrung mit Segeln haben. "Marion findet immer altersgemäße und der Stärke entsprechende Aufgaben", sagt Viola. Am dritten Tag geschieht während einer schnellen Fahrt plötzlich etwas Unvorhersehbares: Mitten in einer Wende bricht die Fockstange aus Eisen, an der das vordere Segel befestigt ist. "Wir müssen auch das Großsegel einholen!", ruft Marion Bluthard laut über das Schiff, nachdem sie das wild flatternde kleinere Segel bändigen konnte und es mit Hilfe der schnell herbeieilenden Mannschaft provisorisch zusammengeschnürt hat. Mit vollem Einsatz wird nun auch das mächtige, dunkle Großsegel wieder in das Schiff geholt. Nun schaukelt die Emma schon wesentlich ruhiger auf den Wellen.

Skipper Peter Spek kommt hinter dem Steuer hervor, um den Schaden zu begutachten. "Auf einem Schiff muss man sich selber helfen", meint er nur und kommt kurz darauf mit einem Schweißgerät samt Maske zurück. "Das war sehr beeindruckend, als Peter einfach die Fockstange geschweißt hat!", sagt Viola Haas später. Marie Helle ist von der Unplanbarkeit der Abläufe durch die Abhängigkeit von Wetter und Wind fasziniert. "Es entsteht eine Notwendigkeit zur Offenheit. Man wird aus den geregelten Abläufen des Alltags herausgeschüttelt." Auch bei starkem Regen müssen genügend Leute an Deck verharren, um einsatzbereit für die nächste Aufgabe zu sein. Wenn sich die Schauer dann aber mit Sonnenschein abwechseln, werden alle, die durchgehalten haben, mit einem funkelnden Regenbogen belohnt.

Die Landschaft, durch die das Schiff segelt, hat einen ständig wechselnden Charakter. Anfangs geht es durch enge oder breitere Kanäle, die umgeben sind von satten, grünen Wiesen, auf denen Schafe oder Kühe weiden, und einzelnen Häusern, kleinen Städtchen und Häfen. Anschließend geht es hinaus aufs Ijsselmeer und dann durch eine Schleuse direkt ins Wattenmeer, wo sofort alle das wildere Wasser spüren.

Am Ende der Woche fährt die Emma wieder durch Kanäle, wo vor Brücken die Segel eingeholt und der Motor gestartet werden muss. "Schau mal, Mama, ist das ein echtes Piratenschiff?", ruft ein kleiner Junge, der am Ufer steht und wartet, bis die Emma vorbeigezogen ist und sich die aufklappbare Brücke wieder senkt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit dem fliegenden Holländer übers Meer
Autor
Felicia Sühs
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2014, Nr. 273, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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