Ölgemälde mit Börsenwert

Strandbesucher schauen irritiert auf, wenn sie den Mann mit grüner Jacke und der Aufschrift "BP" sehen. Er trägt einen Aktenkoffer und sammelt das Öl und den Teer am Strand auf, tütet dieses ein und beschriftet es nach dem Fundort. Die Leute vermuten, es sei ein Mitarbeiter des Öl-Konzerns BP. Doch es ist der Konzeptkünstler Ruppe Koselleck, der Ölklumpen für sein Projekt "Die feindliche Übernahme von BP" sammelt. Ziel dieses Projektes ist es, den Öl-Konzern BP zu übernehmen. Hierzu malt der 46-Jährige mit den gefundenen Öl- und Teerstücken Bilder und verkauft sie. Mit dem Erlös werden Aktien von BP gekauft. Dies geht so lange, bis die Aktien aufgekauft sind.

"Angefangen hat das Projekt am 21.10.2001. Ich kam auf die Idee, als ich im Urlaub in Julianadorp an der nordholländischen Küste war. Meine Tochter kam mit einem Ölklumpen unter dem Fuß zu mir, und ich fragte mich, was man mit dem Öl macht. Daraufhin habe ich das Öl von den Füßen abgekratzt." Koselleck erinnert sich an seinen Vater, der auch schon damals bei ihm das Öl unter den Füßen abkratzen musste. Ein Vierteljahr später stand die Idee, BP durch seinen eigenen verursachten Müll aufzukaufen. Viele der gemalten Bilder hängen im Atelier von Ruppe Koselleck.

Der Raum im Atelierhaus in der Schulstraße in Münster ist klein und voll von Utensilien zum BP-Projekt. Bilder, gemalt aus Teer und Ölklumpen, hängen neben einem Schild mit der Aufschrift "TakeOver BP" an der Wand, an der kaum noch Platz für mehr Gemälde ist. Neben dem Schreibtisch in der Mitte steht ein Regal voller Ordner und Dokumente. Das Atelier erinnert an ein Büro. Auf dem Tisch liegt ein aufgeschlagenes, dickes Buch, das Auftragsbuch zum Projekt. Hier dokumentiert der Künstler seine Verkäufe von Kunstwerken mit Datum, Ort und Unterschrift. Gerade sieht er, dass er von den Einnahmen der letzten Bilder noch weitere Aktien kaufen muss. "Ich muss noch für 440 Euro nachkaufen, das entspricht etwa 90 Aktien. Im Moment besitze ich von BP genau 3194 Aktien." Um den gesamten Konzern zu übernehmen fehlen also noch ein paar Millionen. Die Bilder werden auch im Internet verkauft.

Der 46-Jährige zeigt auf ein Bild an der Wand: ein Meer, gemalt aus Ölklumpen. Solche Kunstwerke kaufen die Leute zum Beispiel bei Ebay, um den Künstler zu unterstützen. Der Erlös geht nur zur Hälfte in den Kauf von Aktien, mit dem anderen Teil finanziert er seine Familie. "Ich habe schließlich noch zwei Kinder zu ernähren", betont Koselleck, der mit bürgerlichem Namen Ruprecht heißt. Zusätzlich arbeitet er an verschiedenen Unis. Früher war er Lehrer.

Schon während des Studiums bei Lutz Mommartz an der Kunstakademie Münster strebte Koselleck an, mit Kunst Geld zu verdienen. So ergab sich sein erstes Projekt, Geld zu verkaufen. "Ich schweißte zum Beispiel einen 10-Mark-Schein in Plastik ein, signierte ihn und verkaufte ihn für 30 Mark weiter." So zog sein Büro insgesamt 11 065 DM aus dem Verkehr. Dieses Projekt provozierte, und die Menschen wurden auf den Konzeptkünstler aufmerksam. "Einmal wurde sogar mein Büro überfallen und das Geld geklaut." Bekannt wurde er durch sein BP-Projekt. 2010 kam es im Golf von Mexiko zu einer Explosion auf der Bohrinsel "Deepwater Horizon", die im Auftrag des Konzerns BP betrieben wurde und eine Ölpest auslöste. Menschen sammelten selbst Teer und Öl und schickten es ihm. Das hält bis heute an.

"Erst letztens ist eine Kiste mit Ölklumpen aus Wangerooge eingetroffen", sagt er und zeigt auf ein Paket. In der hinteren Ecke steht eine große, schwarze Kiste mit Tüten, voll von Teer- und Ölklumpen aus aller Welt. Bei ihm entwickele sich das Konzept aus der ersten Idee und werde immer wieder verändert. "Dies ist auch sinnvoll, weil es ein langer Weg ist, einen Konzern zu übernehmen", fügt Koselleck lachend hinzu. Er stellt in Museen in London oder Japan aus und präsentiert seine Projekte auf Straßenfesten. "Ich möchte Gespräche auslösen, und da ist es egal, ob auf einem Straßenfest oder im Museum." Einmal hat er in der Trade Gallery London sein Projekt vorgestellt, doch da wurde er schnell vertrieben. "The British are not amused about my work", erklärt er scherzend. Seine Arbeit sei vergleichbar mit einem Chamäleon. "Das Ziel steht im Vordergrund, und ich passe mich dem Ort an."

Zu sehen sind gestische Malereien von alten Ölkanistern mit dem Logo von BP und einem Stempel von dem Ort, wo das Öl gefunden wurde. Außerdem gibt es Collagen aus Teer, Öl und Sprengkörpern. Probleme mit dem Ölkonzern selbst gab es noch nicht. Im Gegenteil, der Pressesprecher von BP machte das Angebot, für 5000 Pfund ein Bild zu kaufen. "Ich war bereit zu verkaufen, allerdings für neun Millionen Aktien", bemerkt Koselleck ironisch. Dies war der erste offizielle Kontakt.

Der Künstler betont: "Es gibt überall Öl." Deswegen wolle er eigentlich gerne alle Konzerne übernehmen. Die Menschen am Strand sind überzeugt von Kosellecks Vorhaben. Viele wollen ihn unterstützen und kaufen seine aus Teerklumpen gemalten Bilder direkt neben dem Strandkorb. "Ich lebe zwar von den großen Museen, aber es passiert in den Köpfen der Menschen mehr, wenn sie sich an den Typen mit der BP-Jacke erinnern, der am Strand rumlief, Öl sammelte und damit malte, als sie gerade im Strandkorb lagen und ins Meer geguckt haben. Das vergisst man nie."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ölgemälde mit Börsenwert
Autor
Nadine Vennemann
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2014, Nr. 273, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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